Die Grundidee
Das Wohlstandsevangelium (Prosperity Gospel, auch „Health and Wealth Gospel”, „Word of Faith”) ist eine überwiegend in den USA entstandene Strömung des charismatisch-pfingstlichen Protestantismus. Ihr Kern: Gott will, dass die Gläubigen materiell wohlhabend, körperlich gesund und persönlich erfolgreich sind. Armut, Krankheit und Scheitern gelten nicht als schicksalhaft oder als Prüfung, sondern als Zustände, die durch richtigen Glauben überwunden werden können – und deren Fortbestehen tendenziell auf mangelnden Glauben zurückgeführt wird.
Damit wird das säkulare amerikanische Aufstiegsversprechen („vom Tellerwäscher zum Millionär”) theologisch überformt: Der Erfolg ist nicht nur möglich, er ist göttlich verheißen und einklagbar.
Zentrale Lehrelemente
Positive Confession / „Wort des Glaubens“
Das gesprochene Wort hat schöpferische Macht. Wer Gesundheit und Reichtum ausspricht und im Glauben „festhält”, ruft sie in die Wirklichkeit. Negative Rede gilt umgekehrt als gefährlich, weil sie Unheil herbeizieht.
Seed Faith / Sowing and Reaping
Spenden – meist an das Werk des Predigers – gelten als „Saat”, die vervielfacht zurückkommt. Oral Roberts prägte diese Formel; sie ist bis heute das ökonomische Rückgrat vieler Ministries. Häufig verbunden mit einer sehr fordernden Zehnt-Theologie (Maleachi 3,10).
Bund und Anspruch
Wohlstand wird als Teil des Bundes Gottes mit Abraham gelesen, den Christen erben. Beliebte Belegstellen: 5. Mose 8,18; Johannes 10,10 („Leben in Fülle”); 3. Johannes 2; 2. Korinther 8,9 („er wurde arm, damit ihr reich würdet”).
Der Gläubige als Handelnder, nicht Bittender
Gebet wird weniger als Bitte, mehr als Aktivierung eines geistlichen Gesetzes verstanden – eine quasi-mechanistische Vorstellung, die Kritiker als „Automatentheologie” bezeichnen.
Historische Wurzeln
- New Thought (19. Jh.): Phineas Quimby, Ralph Waldo Trine, Mary Baker Eddy – Ideen über die Macht des Geistes über Materie. E. W. Kenyon vermittelte sie in einen evangelikalen Rahmen.
- Pfingstbewegung und Heilungsevangelisten: Nach 1945 zogen William Branham, Oral Roberts, A. A. Allen durch die USA; „Divine Healing” wurde zu „Divine Prosperity” erweitert.
- Kenneth Hagin (1917–2003) systematisierte die Word-of-Faith-Lehre; sein Rhema Bible Training Center in Tulsa prägte eine ganze Predigergeneration.
- Parallele säkulare Ströme: Napoleon Hill („Think and Grow Rich”, 1937), Norman Vincent Peale („The Power of Positive Thinking”, 1952), Dale Carnegie – die religiöse und die Selbsthilfe-Variante des Erfolgsdenkens haben dieselben kulturellen Eltern.
- Fernsehen und Megachurches (ab 1970er): Satelliten-TV, PTL Club, Trinity Broadcasting Network machten die Botschaft massenwirksam; die Megachurch mit Konferenz‑, Buch- und Medienökonomie wurde ihre institutionelle Form.
Bekannte Vertreter
Kenneth und Gloria Copeland, Creflo Dollar, Joyce Meyer, Benny Hinn, T. D. Jakes, Paula White, Joel Osteen (Lakewood Church, Houston – die weichgezeichnete, therapeutisch-optimistische Variante). International: David Yonggi Cho (Südkorea), Edir Macedo (Igreja Universal, Brasilien), David Oyedepo und Enoch Adeboye (Nigeria), Chris Oyakhilome.
Warum ist es so „amerikanisch”?
Die Bewegung verbindet mehrere Traditionen der US-Kultur:
- den Selbstverbesserungsimpuls von Benjamin Franklin über Selfmade-Mythos bis Ratgeberliteratur
- die religiöse Deutung von Erfolg als Zeichen der Gunst Gottes – verwandt mit, aber deutlich unterschieden von der von Max Weber beschriebenen puritanischen Ethik: Dort war Reichtum indirektes Nebenprodukt asketischer Arbeit und Selbstprüfung, hier ist er unmittelbares Ziel und Anspruch. Aus Askese wird Konsum.
- den religiösen Markt ohne Staatskirche, in dem Anbieter um Anhänger konkurrieren und Erfolg als Legitimation zählt
- ein Individualismus, der soziale Ursachen von Armut ausblendet
Historisch war es eine Aufstiegsreligion vor allem für Menschen mit begrenzten Ressourcen: Arbeiterschichten, Migranten, afroamerikanische Gemeinden. Kate Bowler (Blessed. A History of the American Prosperity Gospel, 2013) beschreibt sie als Theologie derer, die dringend eine Erzählung brauchen, in der ihre Lage veränderlich ist.
Globale Ausbreitung
Ausgerechnet in Regionen mit hoher Unsicherheit – Lateinamerika, Subsahara-Afrika, Südostasien, Osteuropa – wächst sie am stärksten. Pew-Umfragen zeigen in mehreren afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern Zustimmungsraten von deutlich über 50 % zu Kernaussagen. Erklärungsangebote der Forschung: funktionaler Ersatz für fehlende Sozialsysteme, Bruch mit traditionellen Verpflichtungsnetzwerken der Großfamilie („Break with the past”), Disziplinierung zu Sparen, Nüchternheit, Unternehmertum – eine Art nachholende protestantische Ethik.
Kritik
Theologisch (auch aus dem evangelikalen Lager selbst, z. B. John Piper, R. C. Sproul, die Lausanner Erklärung zum Prosperity Gospel 2009): Verkürzung des Evangeliums auf innerweltlichen Nutzen; Verdrängung von Kreuz, Leid und Nachfolge; Ignorieren biblischer Armutskritik am Reichtum (Lukas 6,24; 1. Timotheus 6) und der Hiob-Tradition; letztlich Werkgerechtigkeit und Instrumentalisierung Gottes.
Sozialethisch: Individualisierung struktureller Probleme; „Victim blaming” gegenüber Kranken und Armen; Entpolitisierung. Zugleich weisen Forscher wie Simon Coleman und Milmon Harrison darauf hin, dass Gemeinden real Netzwerke, Bildungsangebote und Selbstwirksamkeitsgefühl bieten – der Befund ist ambivalenter als die reine Verurteilung.
Ökonomisch: Ausbeutung finanziell schwacher Spender, Privatjets und Villen von Predigern, intransparente Finanzen. 2007–2011 untersuchte US-Senator Chuck Grassley sechs große Ministries, ohne dass es zu Konsequenzen kam. Hanna Rosin fragte 2009 im Atlantic („Did Christianity Cause the Crash?”), ob Prosperity-Predigten Menschen zu riskanten Hypotheken ermutigten – eine These, die diskutiert, aber nicht empirisch bewiesen wurde.
Politisch: Enge Verbindungen zur Republikanischen Partei; Paula White war Beraterin Donald Trumps, dessen Aufstiegs- und Gewinner-Rhetorik strukturelle Ähnlichkeit zur Prosperity-Sprache aufweist. In Brasilien spielten neopfingstliche Kirchen eine zentrale Rolle für Jair Bolsonaro.
Zum Weiterlesen
- Kate Bowler: Blessed. A History of the American Prosperity Gospel (2013) – Standardwerk
- Kate Bowler: Everything Happens for a Reason and Other Lies I’ve Loved (2018) – ihre eigene Krebserkrankung als Konfrontation mit der Logik der Bewegung
- Simon Coleman: The Globalisation of Charismatic Christianity (2000)
- Milmon F. Harrison: Righteous Riches (2005) – afroamerikanische Word-of-Faith-Gemeinden