Nach einem außergewöhnlich starken Börsenjahr 2025 stellt sich für viele Anleger Anfang 2026 eine zentrale Frage: Lohnt sich der Einstieg in europäische Aktien noch – oder sind die guten Zeiten bereits eingepreist?
Rückblick: Ein starkes Jahr mit großen Unterschieden
Der europäische Aktienmarkt legte 2025 kräftig zu. Der Morningstar Europe Index gewann rund 19 Prozent und übertraf damit deutlich die Vorjahre. Hinter dieser positiven Gesamtzahl verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern.
Während Spanien mit über 50 Prozent Kursplus glänzte, blieb Frankreich mit rund 13 Prozent deutlich zurück. Europas Aktienmärkte entwickelten sich also keineswegs einheitlich – ein erstes Warnsignal für pauschale Investmententscheidungen.
Bewertung: Von klar günstig zu nur noch „fair“
Zu Beginn des Jahres 2025 galten europäische Aktien als rund zehn Prozent unterbewertet. Diese Situation hat sich im Laufe des Jahres deutlich verändert.
Zum Jahresende lag das sogenannte Kurs-Fair-Value-Verhältnis – also der Vergleich zwischen Marktpreis und von Analysten geschätztem inneren Wert – nur noch knapp unter 1. Der Markt war damit nahezu fair bewertet und so teuer wie seit mehreren Jahren nicht mehr.
Mit anderen Worten: Der große Bewertungsabschlag Europas ist weitgehend verschwunden.
Überraschung im Vergleich zu den USA
Bemerkenswert ist der Blick über den Atlantik. Trotz starker Kursgewinne erscheinen US-Aktien aktuell günstiger bewertet als europäische Titel.
Der Grund dafür liegt nicht in fallenden Kursen, sondern in deutlich angehobenen Fair-Value-Schätzungen großer US-Technologiekonzerne wie Nvidia, Apple oder Alphabet. Die steigenden Gewinnerwartungen senkten rechnerisch die Bewertung des gesamten US-Marktes.
In Europa blieben solche Neubewertungen weitgehend aus – ein struktureller Nachteil im internationalen Vergleich.
Wo es noch Chancen gibt
Auf Sektorebene zeigt sich ein differenziertes Bild:
- Überbewertet erscheinen vor allem
- Finanzwerte
- Versorger
- Unterbewertet sind hingegen
- Immobilien
- zyklischer Konsum
Gerade im zyklischen Konsumsektor gleichen stark unterbewertete Unternehmen deutlich überteuerte Luxuswerte aus. Allerdings gilt auch hier: Niedrige Bewertungen können sowohl Chance als auch Ausdruck realer wirtschaftlicher Risiken sein – etwa durch hohe Zinsen oder schwache Nachfrage.
Ein Markt für Selektivität, nicht für Pauschallösungen
Die zentrale Erkenntnis aus der Analyse ist klar:
Europäische Aktien sind 2026 kein generelles Schnäppchen mehr.
Die Phase breiter Unterbewertung ist vorbei. Stattdessen dominieren:
- faire bis ambitionierte Bewertungen
- große Unterschiede zwischen Ländern
- hohe Streuung innerhalb der Sektoren
Für Anleger bedeutet das:
Ein einfaches „Europa kaufen“ funktioniert kaum noch. Gefragt sind gezielte Länder-, Sektor- und Titelauswahl.
Fazit: Kein schlechter Markt – aber kein einfacher
Europa bleibt attraktiv für langfristig orientierte Investoren, insbesondere durch:
- stabile Geschäftsmodelle
- vergleichsweise hohe Dividenden
- geringere Bewertungsvolatilität
Gleichzeitig zeigen die Zahlen: Der Bewertungsrückenwind ist weitgehend aufgebraucht. Wer 2026 in europäische Aktien investiert, sollte weniger auf den Gesamtmarkt setzen – und stärker auf Qualität, Bewertung und Struktur.
Kurz gesagt:
Europa bietet weiterhin Chancen, aber nur für Anleger, die bereit sind, genauer hinzusehen.
