Der „Citrini Report“, offiziell unter dem Titel „The 2028 Global Intelligence Crisis“ veröffentlicht, ist kein klassischer Forschungsbericht im Sinne empirischer Wirtschaftsanalyse, sondern ein gedankliches Szenario, das als Makro-Memo aus der Zukunft formuliert ist. Er wurde von der Investment- und Makro-Forschungsplattform Citrini Research gemeinsam mit dem Autor Alap Shah verfasst und verbreitet sich derzeit breit in Finanz- und Medienkreisen.
Grundidee und Aufbau
Der Text schildert eine hypothetische Entwicklung bis zum Jahr 2028, in der die fortschreitende Verbreitung und Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz nicht nur Produktivität und Unternehmensgewinne steigert, sondern eine tiefe, systemische Krise auslöst. Der Bericht ist ausdrücklich als Gedankenexperiment, nicht als Vorhersage oder Prognose, aufgebaut.)
Er ist formal als Rückblick auf Ereignisse im Juni 2028 geschrieben, also so, als sähe ein zukünftiger Beobachter die Entwicklung bereits hinter sich und analysiere sie retrospektiv: Diese narrative Form dient dazu, komplexe Zusammenhänge anschaulich zu machen.
Zentrale These des Szenarios
Im Kern geht es darum, dass der Erfolg von KI-Systemen selbst ein Risiko für die globale Ökonomie werden kann, wenn er in einer Weise verläuft, die den traditionellen Arbeitsmarkt, die Konsumnachfrage und damit die Gesamtwirtschaft destabilisiert. Konkret zeichnet der Report folgendes Bild:
- KI-gestützte Automatisierung verdrängt binnen kurzer Zeit große Teile der weiß-kragen Arbeit, also Tätigkeiten im Bereich Management, Forschung, Software, Beratung usw.
- Dadurch fällt ein erheblicher Teil der Löhne weg, während die Produktionszahlen und Produktivität in den offiziellen Statistiken weiterhin hoch bleiben.
- Es entsteht ein Phänomen, das der Report als „Ghost GDP“ beschreibt: Produktions- und Wachstumszahlen, die zwar gemessen werden, in denen aber menschlicher Konsum und reale Nachfrage nicht mehr stark abgebildet sind, weil Maschinen nicht selbst konsumieren.
- Diese Entwicklung führt zu einem negativen Rückkopplungseffekt: sinkende Nachfrage schwächt Unternehmen, zwingt sie zu noch mehr Automatisierung, was weitere Arbeitsplätze vernichtet und die Spirale verschärft.
Volkswirtschaftliche Konsequenzen im Szenario
Im beschriebenen Szenario sind die Effekte dramatisch:
- Die Arbeitslosenquote steigt stark, insbesondere im mittleren Einkommenssegment.
- Die Konsumausgaben brechen ein, weil die Einkommensbasis schrumpft, was wiederum Firmengewinne, Kreditmärkte und den Immobilienmarkt belastet.
- Die Aktienmärkte geraten unter Druck, weil Geschäftsmodelle, die auf menschlicher Aktivität basieren (z. B. Transaktionsgebühren, Dienstleistungsumsätze), in Frage gestellt werden.
Solche Konsequenzen werden ausdrücklich nicht als wahrscheinliche Zukunft dargestellt, sondern als ein „Left Tail“-Risiko – ein extremer, aber bislang wenig betrachteter Krisenpfad.
Kritik und Kontext
Wichtig ist, dass der Report selbst keine empirische Prognose ist. Er stellt Modelle, Annahmen und mögliche Mechanismen dar, die je nach Realwelt-Entwicklung unterschiedlich plausibel sein können. Experten haben Hinweise darauf gegeben, dass viele der im Szenario angenommenen Effekte stark von der tatsächlichen Geschwindigkeit der KI-Adoption, regulatorischen Rahmenbedingungen oder der Anpassungsfähigkeit von Arbeitsmärkten abhängen.
Fazit
„The Global Intelligence Crisis“ ist ein kreatives ökonomisches Szenario-Papiers, das die Frage stellt: Was passiert, wenn künstliche Intelligenz so erfolgreich wird, dass sie die Wertschöpfungs- und Beschäftigungsbasis der realen Wirtschaft unterminiert? Es soll Diskussionen über Risiken jenseits der bekannten Chancen und Herausforderungen von KI anstoßen, nicht eine konkrete, unvermeidbare Zukunft vorhersagen.
„THE 2028 GLOBAL INTELLIGENCE CRISIS“ (Die globale Intelligenzkrise 2028) von Citrini und Alap Shah ist ein detailliertes Gedankenexperiment, das aus der fiktiven Perspektive des Jahres 2028 geschrieben wurde (tatsächliches Veröffentlichungsdatum ist Februar 2026).
Es skizziert ein „Bear Case“-Szenario (Pessimismus-Szenario), das beschreibt, wie die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) nicht nur einzelne Sektoren stört, sondern eine tiefgreifende, nicht-zyklische und systemische Wirtschaftskrise auslöst.
1. Die Grundprämisse: Der Zusammenbruch des „Intelligenz-Aufschlags“
Die Wirtschaft der letzten Jahrzehnte basierte darauf, dass menschliche Intelligenz (Analyse, Koordination, Entscheidungsfindung) ein knappes und wertvolles Gut war. KI macht diese Intelligenz plötzlich im Überfluss verfügbar („Abundant Intelligence“). Da das gesamte Wirtschafts-, Finanz- und Steuersystem auf der Annahme aufbaut, dass menschliche Arbeit gut bezahlt wird, führt der Wegfall dieser Prämisse zu einem strukturellen Kollaps.
2. Phase 1: Die Zerstörung der Software-Industrie (B2B)
Die Krise beginnt Ende 2025/2026 im Softwarebereich.
- KI-Agenten ersetzen SaaS: Programmier-KIs (wie Claude oder Codex) werden so gut, dass Unternehmen teure Software-Abonnements (SaaS) kündigen und die Kernfunktionen durch KI-Agenten in wenigen Wochen selbst nachbauen lassen.
- Der paradoxe Überlebenskampf: Etablierte Softwareunternehmen (z. B. ServiceNow) versuchen zu überleben, indem sie massiv Personal abbauen und selbst KI einsetzen. Dies schützt kurzfristig ihre Margen, treibt aber ironischerweise genau die Technologie voran, die ihr Geschäftsmodell zerstört.
3. Phase 2: Das Ende der Verbraucher-Reibungsverluste („Friction goes to Zero“)
Sobald KI-Agenten für Konsumenten alltäglich werden, ändert sich das Konsumverhalten radikal.
- Tod der Intermediation: KI-Agenten optimieren im Hintergrund ununterbrochen Preise und kündigen ungenutzte Abonnements. Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf Kundenbequemlichkeit, Markenloyalität oder Unwissenheit basieren (z. B. Reiseportale, Versicherungsverlängerungen), brechen zusammen.
- Zerstörung von Lieferdiensten: Die Eintrittsbarrieren für Apps wie DoorDash oder Uber Eats sinken auf null. KI-Entwickler bauen billigere Alternativen, und die KI-Agenten der Nutzer wählen automatisch immer die günstigste Option.
- Angriff auf Kreditkarten: KI-Agenten (Maschine-zu-Maschine-Handel) umgehen die traditionellen 2-3 % Transaktionsgebühren von Mastercard, Visa oder Amex und nutzen stattdessen gebührenfreie Stablecoins und Krypto-Netzwerke (z.B. Solana). Das lukrative Cashback- und Prämiensystem der Banken stirbt.
4. Phase 3: Die Entwertungsspirale der Angestellten („Displacement Spiral“)
- White-Collar-Arbeitslosigkeit: Anders als bei früheren technologischen Revolutionen (wie dem Geldautomaten) schafft KI keine neuen Jobs, die von Menschen ausgeführt werden müssen, da KI diese neuen Jobs ebenfalls übernehmen kann. Gut bezahlte Büroangestellte (Programmierer, Berater, Manager) verlieren ihre Jobs.
- Absturz in die Gig-Economy: Hochqualifizierte Arbeitslose drängen in niedrig bezahlte Service- und Gig-Economy-Jobs (z. B. als Uber-Fahrer), was auch dort zu einem massiven Lohndruck führt.
- Zusammenbruch des Konsums: Die oberen 20 % der Einkommensbezieher sind für 65 % der Konsumausgaben in den USA verantwortlich. Wenn sie ihre hochbezahlten Jobs verlieren, bricht die Nachfrage nach Immobilien, Autos, Urlauben und Restaurantbesuchen drastisch ein.
5. Phase 4: Finanzielle Ansteckung – Private Equity & Versicherungen
Die Probleme der Realwirtschaft schlagen auf das Finanzsystem über:
- Private Credit kollabiert: Private-Equity-Firmen hatten massiv Kredite vergeben, die auf wiederkehrenden Software-Einnahmen („ARR“) basierten (z. B. der 10-Milliarden-Dollar-Buyout von Zendesk). Da diese Einnahmen durch KI wegbrechen, kommt es zu historischen Zahlungsausfällen.
- Gefahr für Lebensversicherungen: Das Geld für diese hochriskanten Kredite stammte oft von Lebensversicherern (gekauft von Firmen wie Apollo, KKR, Blackstone). Was als „permanentes Kapital“ verkauft wurde, waren in Wahrheit die Ersparnisse der Mittelschicht. Rating-Herabstufungen zwingen diese komplex verflochtenen Offshore-Konstrukte in die Knie.
6. Phase 5: Die Hypothekenkrise der Gutverdiener
- Anders als 2008 (wo Kredite an nicht kreditwürdige Personen vergeben wurden), betrifft diese Krise „Prime-Hypotheken“.
- Die Kreditnehmer hatten exzellente Bonität und viel Eigenkapital, als sie die Häuser kauften. Sie können ihre Raten aber schlichtweg nicht mehr zahlen, weil ihr hohes Einkommen durch KI dauerhaft wegrationalisiert wurde. Der 13-Billionen-Dollar-Immobilienmarkt beginnt zu wanken, was eine Kettenreaktion auslöst.
7. Phase 6: Das Versagen des Staates und gesellschaftliche Unruhen
- Steuerkollaps: Das staatliche Steuersystem basiert auf der Besteuerung menschlicher Arbeit (Einkommensteuer). Da Maschinen nun die Arbeit machen, brechen die Steuereinnahmen ein, während gleichzeitig die Ausgaben für Arbeitslose explodieren.
- Ungleichheit und Wut: Die Produktivitätsgewinne fließen fast ausschließlich an die Besitzer von Rechenleistung (Compute, KI-Labore, Nvidia). Dies führt zu beispielloser Ungleichheit und sozialen Protesten („Occupy Silicon Valley“).
- Politische Handlungsunfähigkeit: Die Politik reagiert zu langsam. Vorschläge wie eine „Steuer auf Rechenleistung“ zur Finanzierung eines Grundeinkommens („Shared AI Prosperity Act“) scheitern am ideologischen Streit zwischen links und rechts. Zudem wirken klassische geldpolitische Maßnahmen (wie Zinssenkungen) nicht, da das Problem nicht in den Zinsen, sondern in der Entwertung des Menschen als Wirtschaftsfaktor liegt.
Fazit des Dokuments
Das Memo endet mit dem „Aufwachen“ aus dem Szenario: Wir haben noch nicht das Jahr 2028, sondern 2026. Die Aktienmärkte sind noch auf Allzeithochs, und die negativen Rückkopplungsschleifen haben noch nicht voll eingesetzt.
Die Autoren betonen, dass KI menschliche Intelligenz nicht wertlos macht, aber die Prämie dafür massiv schrumpfen wird. Die Wirtschaft wird irgendwann ein neues Gleichgewicht finden, aber der Übergang dorthin wird extrem schmerzhaft und chaotisch verlaufen. Das Dokument ist ein Appell an Investoren und die Gesellschaft, sich rechtzeitig auf diese tektonische Verschiebung einzustellen.