Weniger Öl, neue Partner: Was die aktuellen Import-Zahlen verraten – und was sie verschweigen

Allgemeiner Trend:

  • Rückgang der Importe: Die deutsche Rohöl-Nachfrage sinkt kontinuierlich. 2025 wurden 75,7 Millionen Tonnen importiert. Das sind 10,6 % weniger als 2020 und fast ein Drittel (33,9 %) weniger als 2005.

Wichtigste Lieferanten für Deutschland (2025):

  • Deutschland bezieht sein Rohöl primär aus dem Westen und Norden: Die Top 3 sind Norwegen (16,6 %), die USA (16,4 %) und Libyen (13,8 %).

Die Rolle des Nahen Ostens:

  • Für Deutschland: Der Nahe Osten spielt eine untergeordnete, wenn auch leicht gewachsene Rolle. 2025 stammten 6,1 % (4,6 Mio. Tonnen) der deutschen Importe von dort (2020: 4,4 %). Der mit Abstand wichtigste regionale Lieferant ist der Irak (4,2 %). Saudi-Arabien hat massiv an Bedeutung verloren (Rückgang von 2,3 % im Jahr 2020 auf 0,8 % im Jahr 2025).
  • Für die EU: Im europäischen Vergleich ist Deutschland untypisch. Die EU insgesamt bezieht mit 13,0 % mehr als doppelt so viel Rohöl aus dem Nahen Osten (primär aus Saudi-Arabien und dem Irak).

Die reinen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeichnen ein klares Bild, bedürfen aber einer tieferen wirtschaftspolitischen und geopolitischen Einordnung, da sie einige entscheidende Aspekte ausklammern:

1. Der „Elefant im Raum“: Der Wegfall Russlands
Die Pressemitteilung erwähnt Russland mit keinem Wort, obwohl der historische Wandel der deutschen Ölversorgung ohne den Ukraine-Krieg und die anschließenden Embargos nicht zu verstehen ist. Dass nun Norwegen und die USA die unangefochtenen Spitzenreiter sind, ist das direkte Resultat der erzwungenen Abkehr von russischem Pipeline- und Tanker-Öl seit 2022/2023. Deutschland hat seine Abhängigkeit von einem autoritären Regime (Russland) erfolgreich diversifiziert, ist dabei aber stark auf Fracking-Öl aus den USA angewiesen.

2. Geopolitische Resilienz vs. EU-Vergleich
Deutschland steht bezüglich der Verwerfungen durch den Krieg im Nahen Osten deutlich robuster da als der EU-Durchschnitt. Mit nur 6,1 % direkter Abhängigkeit vom Nahen Osten (und keinem Import aus dem Iran oder Katar) ist die direkte physische Versorgungssicherheit Deutschlands durch Nahost-Konflikte kaum gefährdet. Die EU als Ganzes (13 %) und der globale Markt sind anfälliger. Allerdings: Ein Preisschock auf dem Weltmarkt würde Deutschland dennoch voll treffen, unabhängig davon, woher das physische Öl stammt.

3. Methodische Unschärfe: Rohöl vs. Mineralölprodukte
Die Statistik betrachtet ausschließlich Rohöl (Warennummer 27090090) und klammert fertige Raffinerieprodukte (wie Diesel, Benzin, Kerosin) explizit aus. Das verzerrt die tatsächliche Abhängigkeit. Wenn Deutschland beispielsweise Diesel aus Indien, den Niederlanden oder den USA importiert, wurde dieses dort möglicherweise aus Rohöl aus dem Nahen Osten (oder auch Russland) raffiniert. Deutschlands indirekte Abhängigkeit vom Nahen Osten dürfte daher höher sein als die ausgewiesenen 6,1 %.

4. Strukturwandel oder Deindustrialisierung?
Der markante Rückgang der Importmengen (ein Drittel weniger als 2005, -10,6 % seit 2020) wird in der Pressemitteilung neutral als „gesunkene Nachfrage“ beschrieben. Dies ist zweischneidig:

  • Positiv: Es ist ein messbarer Erfolg der Energiewende (mehr Elektromobilität, Ausbau erneuerbarer Energien, Wärmepumpen, höhere Energieeffizienz).
  • Negativ: Es reflektiert auch die konjunkturelle Schwäche und eine mögliche schleichende Deindustrialisierung der deutschen Wirtschaft in den Jahren 2023 bis 2025, in der energieintensive Industrien (Chemie, Petrochemie) ihre Produktion gedrosselt oder verlagert haben.

Fazit:
Die Destatis-Zahlen belegen eine erfolgreiche Diversifizierung der deutschen Rohölquellen und einen strukturellen Rückgang der fossilen Abhängigkeit. Die Gefahr direkter Lieferausfälle aus dem Nahen Osten ist für Deutschland gering. Dennoch kaschiert die enge Definition auf „Rohöl“ indirekte Lieferketten-Abhängigkeiten, und der Rückgang der absoluten Importmengen ist nicht nur klimapolitisch motiviert, sondern auch ein Symptom der wirtschaftlichen Stagnation der letzten Jahre.


Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater