War­um gera­de Deutsch­land trotz Ener­gie­wen­de beson­ders stark von Ener­gie­prei­sen abhän­gig bleibt?

Die beson­de­re Emp­find­lich­keit Deutsch­lands gegen­über Ener­gie­prei­sen hat meh­re­re struk­tu­rel­le Ursa­chen, die mit der Wirt­schafts­struk­tur, der Ener­gie­wen­de selbst und der inter­na­tio­na­len Ein­bin­dung der Indus­trie zusam­men­hän­gen. Es han­delt sich also nicht um einen ein­zel­nen Fak­tor, son­dern um ein Zusam­men­spiel meh­re­rer Mecha­nis­men.

1. Die Struk­tur der deut­schen Indus­trie

Hoher Anteil ener­gie­in­ten­si­ver Bran­chen

Deutsch­land hat im inter­na­tio­na­len Ver­gleich einen unge­wöhn­lich gro­ßen Anteil ener­gie­in­ten­si­ver Indus­trie:

wich­ti­ge Bei­spie­le:

  • Che­mie (z. B. Basis­chemi­ka­li­en, Ammo­ni­ak)
  • Stahl
  • Alu­mi­ni­um
  • Glas
  • Zement
  • Papier

Die­se Bran­chen benö­ti­gen enor­me Ener­gie­men­gen – oft kon­ti­nu­ier­lich und rund um die Uhr.

Bei­spie­le:

  • Ammo­niak­pro­duk­ti­on: sehr hoher Gas­be­darf
  • Stahl: gro­ßer Strom- und Koh­le­ein­satz
  • Alu­mi­ni­um: extrem strom­in­ten­siv

Vie­le ande­re ent­wi­ckel­te Volks­wirt­schaf­ten haben die­se Indus­trien teil­wei­se aus­ge­la­gert.

Ver­gleich

  • Deutsch­land: gro­ße indus­tri­el­le Basis
  • Groß­bri­tan­ni­en: stär­ker dienst­leis­tungs­ori­en­tiert
  • USA: bil­li­ge hei­mi­sche Ener­gie
  • Frank­reich: viel Kern­ener­gie

Deutsch­land sitzt damit in einer ener­gie­in­ten­si­ven indus­tri­el­len Mit­tel­po­si­ti­on.

2. Export­mo­dell der deut­schen Wirt­schaft

Deutsch­land ist stark vom Export abhän­gig.

Typisch sind:

  • Maschi­nen­bau
  • Autos
  • Che­mie­pro­duk­te
  • indus­tri­el­le Vor­pro­duk­te

Wenn Ener­gie­prei­se stei­gen:

  • stei­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten
  • sinkt inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit

Ein rein bin­nen­ori­en­tier­tes Land spürt sol­che Effek­te deut­lich weni­ger.

3. Die Rol­le von Erd­gas im deut­schen Sys­tem

Vor der Ukrai­ne-Kri­se war Gas der zen­tra­le Ener­gie­trä­ger:

Gas wur­de genutzt für

  • Indus­trie­pro­zes­se
  • Wär­me
  • Strom­pro­duk­ti­on
  • Che­mi­sche Roh­stof­fe

Deutsch­land setz­te stark auf rus­si­sches Pipe­lin­e­gas, weil es rela­tiv bil­lig war.

Das Pro­blem:

  • hohe Abhän­gig­keit von einem Lie­fe­ran­ten
  • wenig LNG-Infra­struk­tur
  • plötz­li­cher Preis­schock nach 2022

Ande­re Län­der hat­ten diver­si­fi­zier­te­re Quel­len.

4. Beson­der­hei­ten der Ener­gie­wen­de

Hoher Anteil fluk­tu­ie­ren­der Ener­gie

Deutsch­land hat sehr viel

  • Wind­ener­gie
  • Solar­ener­gie

Die­se sind wet­ter­ab­hän­gig.

Wenn wenig Wind und Son­ne vor­han­den sind, braucht das Sys­tem:

  • Gas
  • Strom­im­por­te
  • Spei­cher

Das bedeu­tet, dass der Strom­preis stark an den Gas­preis gekop­pelt bleibt, weil in der euro­päi­schen Strom­bör­se meist das teu­ers­te Kraft­werk den Preis bestimmt.

Die­ses Prin­zip nennt sich:

Merit-Order-Sys­tem.

5. Strom­prei­se für Indus­trie

Deutsch­land gehört zu den Län­dern mit rela­tiv hohen Strom­prei­sen.

Ursa­chen sind u. a.:

  • Netz­aus­bau­kos­ten
  • Umla­gen und Abga­ben
  • teu­re Über­gangs­pha­se des Ener­gie­sys­tems
  • hohe Inves­ti­tio­nen in Infra­struk­tur

Eini­ge Indus­trien erhal­ten zwar Rabat­te, aber lang­fris­tig bleibt das Preis­ni­veau ein Wett­be­werbs­fak­tor.

6. Geo­gra­fi­sche und natür­li­che Fak­to­ren

Deutsch­land hat eini­ge struk­tu­rel­le Nach­tei­le:

  • begrenz­te Was­ser­kraft
  • weni­ger Son­nen­ein­strah­lung als Süd­eu­ro­pa
  • kei­ne gro­ßen Öl- und Gas­vor­kom­men

Ande­re Län­der haben natür­li­che Vor­tei­le:

  • Nor­we­gen: Was­ser­kraft
  • Frank­reich: Kern­ener­gie
  • USA: Schie­fer­gas
  • Kana­da: Was­ser­kraft + fos­si­le Res­sour­cen

Deutsch­land muss Ener­gie also größ­ten­teils impor­tie­ren oder tech­nisch auf­wen­dig erzeu­gen.

7. Die Trans­for­ma­ti­ons­pha­se selbst ist teu­er

Die Ener­gie­wen­de bedeu­tet gleich­zei­tig:

  • Aus­bau erneu­er­ba­rer Ener­gien
  • Still­le­gung fos­si­ler Kraft­wer­ke
  • Netz­aus­bau
  • Ent­wick­lung von Was­ser­stoff­in­fra­struk­tur
  • Elek­tri­fi­zie­rung von Indus­trie und Ver­kehr

Wäh­rend die­ser Über­gangs­pha­se exis­tie­ren alte und neue Sys­te­me par­al­lel.

Das erhöht kurz­fris­tig Kos­ten.

8. Das eigent­li­che stra­te­gi­sche Pro­blem

Der Kern des deut­schen Modells war lan­ge:

ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trie + güns­ti­ge fos­si­le Ener­gie + Export

Die­ses Gleich­ge­wicht ist gestört.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet heu­te:

Kann Deutsch­land gleich­zei­tig

  • kli­ma­neu­tral wer­den
  • ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trie behal­ten
  • inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hig blei­ben?

Die­se Fra­ge ist in der öko­no­mi­schen For­schung stark umstrit­ten.

Fazit

Deutsch­land reagiert beson­ders emp­find­lich auf Ener­gie­prei­se, weil meh­re­re Fak­to­ren zusam­men­kom­men:

  1. gro­ßer ener­gie­in­ten­si­ver Indus­trie­sek­tor
  2. stark export­ori­en­tier­te Wirt­schaft
  3. hohe frü­he­re Gas­ab­hän­gig­keit
  4. Strom­markt­de­sign, das Gas­prei­se durch­schla­gen lässt
  5. begrenz­te hei­mi­sche Ener­gie­quel­len
  6. kost­spie­li­ge Trans­for­ma­ti­ons­pha­se der Ener­gie­wen­de

Die Ener­gie­wen­de soll lang­fris­tig Sta­bi­li­tät schaf­fen, aber in der Über­gangs­pha­se erhöht sie teil­wei­se sogar die Preis­emp­find­lich­keit.


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