Wenn in Deutschland über Wachstum gesprochen wird, landet die Debatte schnell bei der Arbeitszeit. Friedrich Merz hat wiederholt die These vertreten, die Deutschen müssten mehr arbeiten, weniger Teilzeit wählen und sich insgesamt stärker auf Leistung und Erwerbsarbeit ausrichten. Dahinter steht eine angebotsorientierte Diagnose: Eine alternde Volkswirtschaft mit Fachkräftemangel, hohen Sozialausgaben und schwacher Produktivität könne sich kürzere Arbeitszeiten und sinkende Arbeitsvolumina auf Dauer nicht leisten.
In einem Interview bei phoenix nachgefragt wurde Ulrike Herrmann zur wirtschaftspolitischen Debatte um Wachstum und Arbeitszeit befragt. Ausgangspunkt war die Frage, wie „Wachstum und mehr Arbeiten“ zusammenhängen. Herrmanns Antwort richtete sich gegen die Vorstellung, Wachstum lasse sich durch den bloßen Appell zu mehr Arbeit erzeugen.
Der Einwand ist berechtigt, weil er eine verbreitete Verkürzung korrigiert. Eine Volkswirtschaft wächst nicht automatisch, wenn Beschäftigte länger arbeiten. Mehr Arbeitsstunden erzeugen nur dann zusätzliche Wertschöpfung, wenn sie produktiv eingesetzt werden können, wenn Unternehmen Nachfrage erwarten, wenn Kapital vorhanden ist und wenn Technik, Infrastruktur und Organisation den zusätzlichen Arbeitseinsatz wirksam machen. Wer Wachstum allein als Frage individueller Arbeitsmoral beschreibt, unterschlägt die Rolle von Investitionen, Innovation und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage.
Gleichzeitig wäre es ebenfalls verkürzt, Arbeit aus der Wachstumsrechnung herauszulösen. Arbeit ist neben Kapital und Produktivität ein zentraler Produktionsfaktor. In einer Volkswirtschaft mit Fachkräftemangel, alternder Bevölkerung und Engpässen in Pflege, Handwerk, Bildung, Industrie oder Verwaltung kann ein höheres Arbeitsvolumen sehr wohl wachstumsrelevant sein. Mehr Erwerbsbeteiligung, bessere Qualifikation, längere Lebensarbeitszeiten oder eine Ausweitung der Arbeitszeit können zusätzliche Produktion ermöglichen, wenn Betriebe bereits an Kapazitätsgrenzen stoßen.
Der entscheidende Punkt liegt daher nicht in der Alternative „mehr arbeiten“ oder „mehr investieren“. Wachstum entsteht aus dem Zusammenspiel von Arbeit, Kapital, Technologie, Nachfrage und institutionellen Rahmenbedingungen. Investitionen erhöhen den Kapitalstock und ermöglichen Produktivitätssprünge. Technischer Fortschritt macht Arbeitsstunden ergiebiger. Arbeitskräfte setzen Kapital und Technik produktiv ein. Nachfrage entscheidet mit darüber, ob Unternehmen überhaupt expandieren. Fehlt einer dieser Faktoren, bleibt Wachstum aus oder fällt schwach aus.
Herrmanns Kritik trifft vor allem die moralische Aufladung der Debatte. Wenn schwaches Wachstum als Folge mangelnder Leistungsbereitschaft beschrieben wird, verschiebt sich die Verantwortung einseitig auf Beschäftigte. Das ist analytisch dünn. Deutschland leidet nicht nur an zu wenig Arbeitszeit, sondern auch an Investitionsschwäche, schleppender Digitalisierung, maroder Infrastruktur, hohen Energie- und Finanzierungskosten, bürokratischen Hemmnissen und unzureichender Produktivitätsdynamik. Mehr Arbeit kann solche Defizite nicht ersetzen.
Merz’ Hinweis auf das Arbeitsvolumen ist dennoch nicht gegenstandslos. Angesichts der demografischen Entwicklung wird Deutschland nicht ohne eine breitere Erwerbsbasis auskommen. Eine Wirtschaft, in der immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner, Pflegebedürftige und öffentliche Aufgaben finanzieren müssen, gerät unter Druck. Aber daraus folgt nicht, dass Wachstum durch Appelle an Fleiß entsteht. Es folgt vielmehr, dass Arbeitsmarktpolitik, Investitionspolitik und Produktivitätspolitik zusammengedacht werden müssen.
Die treffendere Diagnose lautet daher: Mehr Arbeit kann Wachstum ermöglichen, aber sie erzeugt es nicht von selbst. Ohne Investitionen, technischen Fortschritt und Absatzperspektiven bleibt zusätzliches Arbeitsvolumen ökonomisch begrenzt wirksam. Umgekehrt bleiben Investitionen wirkungslos, wenn qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Die politische Debatte sollte deshalb weniger über Arbeitsethos sprechen und stärker über die Bedingungen, unter denen Arbeit produktiv wird.