Bilanz einer Ära: Baden-Würt­tem­berg 2011 vs. heu­te – Eine Bestands­auf­nah­me unter Win­fried Kret­sch­mann

15 Jah­re grü­ne Kon­ti­nui­tät mit wach­sen­den Ris­sen

    Der Amts­an­tritt Win­fried Kret­sch­manns im Jahr 2011 galt vie­len als his­to­ri­scher Auf­bruch. Nach der Finanz­kri­se ver­sprach der ers­te grü­ne Minis­ter­prä­si­dent eines deut­schen Flä­chen­lan­des, das „Modell Baden-Würt­tem­berg“ in die Zukunft zu füh­ren. 15 Jah­re spä­ter zeigt sich ein ernüch­tern­des Bild: Das Land hat sei­ne
    tra­di­tio­nel­le Stär­ke als indus­tri­el­les Kraft­zen­trum nicht moder­ni­siert, son­dern weit­ge­hend kon­ser­viert – mit fata­len Fol­gen für Dyna­mik und Resi­li­enz.

    Statt eines ent­schlos­se­nen Umbaus der Wirt­schafts­struk­tur domi­nier­te eine Poli­tik der klei­nen Schrit­te und des Aus­gleichs. Das Ergeb­nis ist ein Land der zwei Geschwin­dig­kei­ten: tech­no­lo­gisch noch immer beein­dru­ckend, öko­no­misch und
    gesell­schaft­lich jedoch zuneh­mend abge­hängt von der eige­nen Ver­gan­gen­heit und von dyna­mi­sche­ren Regio­nen. Die star­ke Abhän­gig­keit vom Ver­bren­ner und vom Export hat sich unter Kret­sch­mann nicht ver­rin­gert, son­dern ver­fes­tigt. Die Fol­ge ist eine chro­ni­sche Anfäl­lig­keit, die Baden-Würt­tem­berg regel­mä­ßig zum Wachs­tums­schluss­licht der Repu­blik macht.

    Wirt­schafts­kraft: Vom Pri­mus zum Pro­blem­fall

      Baden-Würt­tem­berg bleibt ein Export­rie­se – und genau dar­in liegt das Kern­pro­blem. Die ein­sei­ti­ge Spe­zia­li­sie­rung auf Maschi­nen­bau und vor allem die Auto­mo­bil­in­dus­trie hat sich unter Kret­sch­mann als stra­te­gi­scher Kar­di­nal­feh­ler erwie­sen. Statt früh­zei­tig und radi­kal auf Soft­ware, Elek­tri­fi­zie­rung und neue Wert­schöp­fungs­ket­ten zu set­zen, setz­te die Lan­des­re­gie­rung lan­ge auf „Tech­no­lo­gie­of­fen­heit“ und Dia­lo­ge, die vor allem Zeit kos­te­ten.

      Die Zah­len spre­chen eine kla­re Spra­che:

      • Wirt­schafts-Niveau (BIP pro Kopf): Von Platz 2 (2011) auf Platz 5 abge­rutscht.
      • Wirt­schafts­wachs­tum: Dau­er­haf­tes Schluss­licht (Platz 16). 2025 erneut .Rezes­si­on mit rea­lem BIP-Rück­gang von ‑0,6 %. Damit das drit­te schwa­che Jahr in Fol­ge.
      • Abso­lu­tes BIP: Immer noch Platz 3 – doch die­ses Niveau wird zuneh­mend von der Sub­stanz zeh­ren, wenn die Dyna­mik aus­bleibt.

      Die „indus­tri­el­le Kern­schmel­ze“ ist kein blo­ßer exter­ner Schock. Sie ist auch das Resul­tat einer ver­pass­ten Trans­for­ma­ti­on unter einer Regie­rung, die den Struk­tur­wan­del jah­re­lang unter­schätzt oder poli­tisch ver­wäs­sert hat. Die Export­ab­hän­gig­keit bleibt die selbst­ver­schul­de­te Achil­les­fer­se.

      Inno­va­ti­ons­kraft: Noch Spit­ze – aber brö­ckelnd

        Baden-Würt­tem­berg hält bun­des­weit und euro­pa­weit eine star­ke Posi­ti­on in For­schung und Paten­ten. Das ist unbe­strit­ten und bleibt das zen­tra­le Kapi­tal des Lan­des. Aller­dings darf man nicht über­se­hen, dass die­se Füh­rung vor allem auf der his­to­ri­schen Leis­tungs­fä­hig­keit der Unter­neh­men und For­schungs­ein­rich­tun­gen beruht – nicht pri­mär auf bahn­bre­chen­den lan­des­po­li­ti­schen Impul­sen der letz­ten 15 Jah­re.

        Deutsch­land ins­ge­samt ist im Glo­bal Inno­va­ti­on Index 2025 bereits auf Platz 11 abge­rutscht, und regio­na­le Vor­sprün­ge wie in Stutt­gart oder Karls­ru­he sind kei­nes­wegs unan­tast­bar. Die mas­si­ve Abhän­gig­keit von weni­gen tra­di­tio­nel­len Bran­chen macht die Inno­va­ti­ons­kraft anfäl­lig. Ohne ent­schlos­se­nen Pivot in zukunfts­fä­hi­ge Fel­der (z. B. KI, Soft­ware-defi­ned Vehic­les, Bio­tech) droht auch hier mit­tel­fris­tig der Abstieg. Kret­sch­manns Poli­tik hat die­se Not­wen­dig­keit erkannt, aber nicht mit der gebo­te­nen Här­te und Geschwin­dig­keit umge­setzt.

        1. Bil­dung und Fach­kräf­te: Exzel­lenz im Dua­len Sys­tem, Ver­sa­gen bei der Infra­struk­tur

        Im dua­len Sys­tem und bei der beruf­li­chen Bil­dung bleibt das Land vor­bild­lich – eine der weni­gen unum­strit­te­nen Stär­ken. Doch die­ser Erfolg wird kon­ter­ka­riert durch ekla­tan­te Defi­zi­te bei der sozia­len und fami­liä­ren Infra­struk­tur:

        • Bun­des­weit nied­rigs­te Quo­te bei Ganz­tags­be­treu­ung und ‑schu­len.
        • Chro­ni­scher Infra­struk­tur-Stau und unzu­rei­chen­der Aus­bau der För­der­an­ge­bo­te.
        • Abstieg im Gesamt­ran­king der Bil­dung von Platz 3 (2011) auf Platz 4.

        Beson­ders fatal: Trotz eines guten Kita-Betreu­ungs­schlüs­sels (4,3 Kin­der pro Betreu­er) ver­hin­dert das Feh­len ver­läss­li­cher Ganz­tags­struk­tu­ren die vol­le Erwerbs­be­tei­li­gung, ins­be­son­de­re von Frau­en. Ost­deut­sche Län­der haben hier deut­lich auf­ge­holt. Die grün geführ­te Lan­des­re­gie­rung hat es ver­säumt, die
        Lebens­wirk­lich­keit jun­ger Fami­li­en und Fach­kräf­te spür­bar zu ver­bes­sern – ein klas­si­scher blin­der Fleck ideo­lo­gisch auf­ge­la­de­ner Bil­dungs­po­li­tik, die auf Betreu­ungs­quo­ten statt auf ech­te Wahl­frei­heit und Effi­zi­enz setzt.

        1. Lebens­zu­frie­den­heit: Objek­ti­ver Wohl­stand, sub­jek­ti­ves Under­per­for­mer-Pro­blem

        Hier zeigt sich das viel­leicht bit­ters­te Ver­sa­gen der Ära Kret­sch­mann. Trotz hoher Ein­kom­men und star­ker Wirt­schafts­kraft auf dem Papier sta­gniert die Lebens­zu­frie­den­heit und liegt 2025 nur noch im Bun­des­durch­schnitt (Platz 9, 7,09 Punk­te). Das „Underperformer“-Phänomen ist real:

        • Hohe Lebens­hal­tungs­kos­ten, vor allem extre­me Mie­ten in Bal­lungs­räu­men wie Stutt­gart, ent­wer­ten die Löh­ne.
        • Star­kes Gefäl­le zwi­schen „glück­li­chem“ Süd­ba­den und den belas­te­ten indus­tri­el­len Zen­tren.
        • Vie­le Haus­hal­te sto­ßen trotz hoher Brut­to­ein­kom­men an die Gren­ze sub­jek­ti­ver Zufrie­den­heit.

        Eine Regie­rung, die 15 Jah­re lang regiert hat, kann sich nicht dau­er­haft hin­ter „exo­ge­nen“ Fak­to­ren ver­ste­cken. Die man­geln­de Infra­struk­tur, der schlep­pen­de Woh­nungs­bau und die unzu­rei­chen­de Ent­las­tung der Mit­tel­schicht tra­gen eine kla­re poli­ti­sche Hand­schrift.

        Fazit: 15 Jah­re Kon­stanz – aber zu viel Still­stand

          Die Bilanz der Kret­sch­mann-Ära lau­tet zusam­men­ge­fasst:

          1. Inno­va­ti­ons­füh­rer­schaft ver­tei­digt, aber nicht ent­schlos­sen in neue Wert­schöp­fung über­setzt. Das tech­no­lo­gi­sche Herz Euro­pas schlägt noch – doch es droht, im Rhyth­mus ver­al­te­ter Bran­chen zu ver­har­ren.
          2. Export- und Ver­bren­ner-Fixie­rung als sys­te­mi­sches Risi­ko mas­siv unter­schätzt. Der zöger­li­che Pivot zur soft­ware­ge­trie­be­nen Mobi­li­tät und Digi­ta­li­sie­rung hat wert­vol­le Jah­re gekos­tet und die Abhän­gig­keit vom
            glo­ba­len Kon­junk­tur­zy­klus ver­tieft.
          3. Infra­struk­tur- und Betreu­ungs­de­fi­zi­te als selbst­ver­schul­de­te
            Wachs­tums­brem­se. Die her­vor­ra­gen­de beruf­li­che Bil­dung wird durch Ver­säum­nis­se bei Ganz­tags­an­ge­bo­ten, Woh­nungs­bau und Fach­kräf­te­mo­bi­li­sie­rung kon­ter­ka­riert.

          Baden-Würt­tem­berg ist unter Kret­sch­mann kein Abstiegs­land gewor­den – dafür war die Aus­gangs­po­si­ti­on zu stark. Aber es hat sei­ne eins­ti­ge Vor­rei­ter­rol­le ein­ge­büßt und bewegt sich gefähr­lich nah am Sta­tus eines „rei­chen Pro­blem­lands“. Die Ära hat gezeigt: Prag­ma­tis­mus allein reicht nicht, wenn er mit zu viel Behar­rungs­ver­mö­gen und zu wenig Trans­for­ma­ti­ons­mut ein­her­geht.

          Das Land braucht jetzt kei­ne wei­te­ren Dia­lo­ge und klei­nen Schrit­te mehr. Es braucht eine scho­nungs­lo­se Ana­ly­se der eige­nen struk­tu­rel­len Schwä­chen und den poli­ti­schen Wil­len, sie end­lich anzu­ge­hen – bevor aus der tem­po­rä­ren Schwä­che
          eine dau­er­haf­te wird.


          Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

          Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

          Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

          Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

          Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

          Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

          Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

          Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater