Der verheerende Brandanschlag auf eine Berliner Kabelbrücke im eisigen Januar 2026 und die gezielte Sabotage eines Umspannwerks im baden-württembergischen Reutlingen im Juni desselben Jahres führen uns eine bittere Realität vor Augen: Unsere hochtechnologisierte, eng vernetzte Gesellschaft ist an ihren Lebensadern extrem verwundbar. Noch besorgniserregender als die physische Fragilität von Strom- und Datennetzen ist jedoch die offenbare Ohnmacht der staatlichen Sicherheitsorgane. Dass das Bundeskriminalamt im Berliner Fall eine historische Rekordsumme von einer Million Euro als Belohnung aussetzen musste – eine Frist, die ergebnislos verstrich –, ist kein Zeichen von Entschlossenheit. Es ist das Eingeständnis einer tiefen Ratlosigkeit.
Die Täter von heute passen nicht mehr in die klassischen Raster des Staatsschutzes. Wir haben es nicht mit hierarchisch straff organisierten Terrorzellen zu tun, die sich abhören oder durch Informanten infiltrieren lassen. Gruppen wie die berüchtigte „Vulkangruppe“ oder die wachsende Kampagne „Switch Off“ funktionieren wie dezentrale Franchisesysteme im digitalen Raum. Sie liefern die ideologische Rahmung und die Anleitung zur Sabotage frei Haus im Internet; die Ausführung übernehmen autonome Kleinstzellen, die sich im Verborgenen formieren, zuschlagen und sofort wieder in der Anonymität untertauchen. Die Ermittler stehen vor einer Wand des Schweigens und einer
nahezu perfekten digitalen wie analogen Spurenhygiene der Akteure.
Gleichzeitig offenbart diese neue Welle der Infrastruktur-Sabotage eine gefährliche Radikalisierung und eine moralische Verrohung innerhalb der linksanarchistischen Szene. Wer im tiefsten Winter die Stromversorgung von zehntausenden Haushalten, Pflegeheimen und Krankenhäusern lahmlegt, nimmt
bewusst die Gefährdung von Menschenleben in Kauf. Die zynische Rhetorik, man wolle lediglich „den Herrschenden den Saft abdrehen“ oder die Produktion von Halbleitern treffen, entpuppt sich als hohle Phrase. Getroffen wird die Zivilbevölkerung. Dass sich selbst Teile der eigenen Szene von diesen Methoden distanzieren, zeigt, wie weit sich diese militanten Splittergruppen von jedem gesellschaftlichen Diskurs entfernt haben.
Für den bürgerlichen Rechtsstaat ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Zum einen muss der physische Schutz kritischer Infrastrukturen (KRITIS) endlich mit der nötigen gesetzlichen und finanziellen Härte vorangetrieben werden – das geplante KRITIS-Dachgesetz darf kein zahnloser Papiertiger bleiben. Zum anderen müssen die Sicherheitsbehörden ihre Ermittlungsmethoden dringend an die Ära des dezentralen Netzkriegs anpassen. Solange der Staat beim Schutz der elementarsten Lebensgrundlagen seiner Bürger nur hinterherermittelt und mit Millionenbelohnungen im Trüben fischt, bleibt er im Kampf gegen den modernen Sabotage-Terrorismus im sprichwörtlichen Dunkeln.
