Wenn Prä­si­den­ten­posts zum Han­dels­vor­teil wer­den

Trump Media & Tech­no­lo­gy Group will mit der soge­nann­ten Truth API einen kos­ten­pflich­ti­gen Daten­feed für Ban­ken, Han­dels­fir­men und ande­re pro­fes­sio­nel­le Markt­teil­neh­mer anbie­ten. Der Dienst soll Bei­trä­ge aus­ge­wähl­ter, ein­fluss­rei­cher Truth-Social-Kon­ten schnel­ler aus­lie­fern als die regu­lä­ren Benach­rich­ti­gun­gen der Platt­form. Zu den erfass­ten Accounts soll auch der von US-Prä­si­dent Donald Trump gehö­ren. Der Start ist laut Unter­neh­mens­an­ga­ben für den 1. August vor­ge­se­hen.

Auf den ers­ten Blick han­delt es sich um ein gewöhn­li­ches Geschäfts­mo­dell: Eine Platt­form lizen­ziert ihre Daten und ver­langt Geld für einen beson­ders schnel­len, tech­nisch struk­tu­rier­ten Zugang. Finanz­märk­te funk­tio­nie­ren seit Lan­gem mit abge­stuf­ten Infor­ma­ti­ons­diens­ten. Nach­rich­ten­agen­tu­ren, Bör­sen und Daten­an­bie­ter ver­kau­fen Echt­zeit­in­for­ma­tio­nen, Pro­gram­mier­schnitt­stel­len und Hoch­ge­schwin­dig­keits­feeds an Kun­den, für die bereits Mil­li­se­kun­den wirt­schaft­lich rele­vant sein kön­nen.

Bei Truth Social liegt der Fall jedoch anders. Trumps Bei­trä­ge sind nicht nur Äuße­run­gen eines pro­mi­nen­ten Unter­neh­mers oder Medi­en­ak­teurs. Als Prä­si­dent kann er Ent­schei­dun­gen zu Zöl­len, Sank­tio­nen, Han­dels­be­schrän­kun­gen oder ande­ren staat­li­chen Maß­nah­men ankün­di­gen, die unmit­tel­bar Kur­se bewe­gen. Reu­ters ver­weist etwa auf einen Truth-Social-Bei­trag vom 9. April 2025, nach dem die wich­tigs­ten US-Akti­en­in­di­zes deut­lich stie­gen: Trump hat­te ange­kün­digt, zahl­rei­che neue Zöl­le für 90 Tage aus­zu­set­zen.

Genau dar­aus ent­steht der Inter­es­sen­kon­flikt. Ein Unter­neh­men, an dem Trumps Fami­li­en­trust laut regu­la­to­ri­schen Unter­la­gen einen erheb­li­chen Anteil hält, ver­kauft pro­fes­sio­nel­len Markt­teil­neh­mern beson­ders schnel­len Zugang zu Äuße­run­gen des Prä­si­den­ten. Der Reu­ters-Bericht bezif­fert den Bestand des Trusts auf rund 114,75 Mil­lio­nen Akti­en bezie­hungs­wei­se etwa 41 Pro­zent der aus­ste­hen­den Antei­le an Trump Media. Ver­wal­tet wird der Trust dem Bericht zufol­ge von Trumps Kin­dern.

Damit wird nicht auto­ma­tisch ein Gesetz ver­letzt. Ein von Reu­ters zitier­ter Wert­pa­pier­recht­ler erklärt, dass Tech­no­lo­gie­platt­for­men Infor­ma­tio­nen grund­sätz­lich mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten an ver­schie­de­ne Kun­den­grup­pen ver­tei­len dür­fen. Das kön­ne unfair wir­ken, ver­sto­ße aber nicht zwin­gend gegen das US-Wert­pa­pier­recht.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist des­halb nicht nur juris­tisch, son­dern insti­tu­tio­nell: Soll­te ein Prä­si­dent bezie­hungs­wei­se ein wirt­schaft­lich mit ihm ver­bun­de­nes Unter­neh­men aus dem Zeit­vor­sprung bei poten­zi­ell markt­be­we­gen­den prä­si­dia­len Mit­tei­lun­gen Erlö­se erzie­len?

Trump Media begrün­det das Ange­bot mit dem Bedarf algo­rith­mi­scher Han­dels­fir­men und ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen, für die Ver­zö­ge­run­gen teu­er sind. Die API soll rund um die Uhr Bei­trä­ge von zehn beson­ders ein­fluss­rei­chen Kon­ten lie­fern und zusätz­lich ein Archiv bis ins Jahr 2022 umfas­sen. Ers­te Kun­den sei­en bereits gewon­nen wor­den. Für Trump Media eröff­net das Geschäft zugleich eine neue Ein­nah­me­quel­le in der Daten­li­zen­zie­rung.

Kri­ti­ker sehen dar­in jedoch eine pro­ble­ma­ti­sche Ver­mi­schung von Staats­amt, Platt­form­macht und pri­va­tem Ver­mö­gen. Der BILD-Arti­kel spitzt die­se Kri­tik stark zu und spricht unter Beru­fung auf Exper­ten von Kor­rup­ti­on und pri­vi­le­gier­tem Zugang zu prä­si­dia­len Infor­ma­tio­nen. Die­se Bewer­tun­gen sind als Mei­nun­gen und poli­ti­sche Ein­ord­nun­gen zu ver­ste­hen, nicht als Nach­weis einer Straf­tat. Auch der dort erho­be­ne Ver­dacht auf Insi­der­han­del wird im Arti­kel nicht durch eine rechts­kräf­ti­ge Fest­stel­lung belegt.

Sach­lich lässt sich bis­lang fest­hal­ten: Truth Social plant tat­säch­lich einen kos­ten­pflich­ti­gen Hoch­ge­schwin­dig­keits­zu­gang zu aus­ge­wähl­ten Bei­trä­gen. Die­ser rich­tet sich nicht pri­mär an gewöhn­li­che Nut­zer, son­dern an pro­fes­sio­nel­le Kun­den wie Ban­ken und algo­rith­mi­sche Han­dels­fir­men. Der Dienst kann ihnen einen zeit­li­chen Vor­teil gegen­über regu­lä­ren Platt­form­be­nach­rich­ti­gun­gen ver­schaf­fen. Dass dies unglei­che Han­dels­chan­cen schafft, liegt nahe; dass es des­halb bereits ille­ga­ler Insi­der­han­del oder straf­ba­re Kor­rup­ti­on ist, folgt dar­aus nicht.

Das eigent­li­che Pro­blem liegt tie­fer. Poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on wird hier zu einem han­del­ba­ren Roh­stoff. Je stär­ker ein Prä­si­dent sei­ne Amts­ent­schei­dun­gen über eine pri­va­te Platt­form ver­brei­tet, des­to wert­vol­ler wird der exklu­si­ve tech­ni­sche Zugang zu die­ser Platt­form. So ent­steht ein Sys­tem, in dem nicht nur die Infor­ma­ti­on selbst, son­dern ihre Zustell­ge­schwin­dig­keit mone­ta­ri­siert wird.

Die Truth API ist des­halb mehr als ein neu­es Daten­pro­dukt. Sie ist ein Test­fall dafür, wie demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen mit einer Kon­stel­la­ti­on umge­hen, in der staat­li­che Macht, per­sön­li­che Reich­wei­te, Unter­neh­mens­in­ter­es­sen und Finanz­märk­te nahe­zu naht­los inein­an­der­grei­fen.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater