Der 500-Mil­li­ar­den-Dol­lar-Test für Finanz­märk­te rund um die Uhr

Die Finanz­märk­te ste­hen mög­li­cher­wei­se vor einem grund­le­gen­den Wan­del. Jahr­zehn­te­lang war der Han­del von fes­ten Bör­sen­plät­zen, klar defi­nier­ten Öff­nungs­zei­ten und eta­blier­ten Refe­renz­prei­sen geprägt. Doch mit block­chain­ba­sier­ten Han­dels­platt­for­men ent­steht eine Gegen­welt, in der Märk­te kon­ti­nu­ier­lich geöff­net sind, geo­gra­fi­sche Gren­zen an Bedeu­tung ver­lie­ren und selbst dann Prei­se ent­ste­hen, wenn tra­di­tio­nel­le Bör­sen geschlos­sen sind.

Ein beson­ders weit fort­ge­schrit­te­nes Bei­spiel dafür ist Trade.xyz, eine auf dem Kryp­to­markt Hyper­li­quid auf­ge­bau­te Platt­form für soge­nann­te Per­pe­tu­al Futures. Seit ihrem Start hat sie Han­dels­vo­lu­mi­na von rund 500 Mil­li­ar­den US-Dol­lar erzeugt und sich inner­halb des soge­nann­ten HIP-3-Sys­tems von Hyper­li­quid eine nahe­zu domi­nan­te Stel­lung erar­bei­tet. Gehan­delt wer­den dort unter ande­rem Deri­va­te auf Roh­öl, Edel­me­tal­le, Akti­en­in­di­zes und Unter­neh­men, die noch nicht an einer Bör­se notiert sind.

Wie weit­rei­chend die­ses Modell sein kann, zeig­te sich wäh­rend geo­po­li­ti­scher Span­nun­gen im Nahen Osten. Wäh­rend die gro­ßen tra­di­tio­nel­len Ölmärk­te am Wochen­en­de geschlos­sen waren, lief der Han­del mit einem block­chain­ba­sier­ten Ölkon­trakt wei­ter. Markt­teil­neh­mer konn­ten dadurch bereits auf neue poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen reagie­ren und einen Preis für deren mög­li­che wirt­schaft­li­che Fol­gen bil­den, Stun­den bevor die regu­lä­ren Ter­min­märk­te wie­der öff­ne­ten. Damit demons­trie­ren sol­che Platt­for­men einen ihrer wich­tigs­ten poten­zi­el­len Vor­tei­le: Preis­fin­dung fin­det nicht mehr nur inner­halb klas­si­scher Han­dels­zei­ten statt, son­dern kon­ti­nu­ier­lich.

Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass die­se Prei­se mit denen eta­blier­ter Märk­te gleich­zu­set­zen sind. Gera­de in beson­ders vola­ti­len Pha­sen kön­nen sich deut­li­che Abwei­chun­gen erge­ben. Trade.xyz arbei­tet des­halb mit soge­nann­ten Dis­co­very Bounds, die extre­me Preis­be­we­gun­gen begren­zen sol­len. Die Idee dahin­ter besteht dar­in, einer­seits wei­ter­hin eine Preis­fin­dung zu ermög­li­chen und ande­rer­seits Mani­pu­la­tio­nen in Pha­sen gerin­ge­rer Liqui­di­tät zu erschwe­ren. Pro­fes­sio­nel­le Markt­teil­neh­mer betrach­ten sol­che Kur­se daher bis­lang eher als Stim­mungs­in­di­ka­tor denn als ver­läss­li­che Pro­gno­se dafür, zu wel­chem Preis tra­di­tio­nel­le Märk­te wie­der eröff­nen wer­den.

Im Zen­trum des Geschäfts­mo­dells ste­hen Per­pe­tu­al Futures, kurz Perps. Anders als klas­si­sche Futures besit­zen sie kein fest­ge­leg­tes Ablauf­da­tum. Posi­tio­nen kön­nen theo­re­tisch unbe­grenzt gehal­ten wer­den, ohne regel­mä­ßig in neue Kon­trak­te über­tra­gen wer­den zu müs­sen. Hin­zu kommt die Mög­lich­keit eines sehr hohen Hebels. Auf man­chen Platt­for­men kön­nen Anle­ger mit einem Dol­lar Eigen­ka­pi­tal Posi­tio­nen kon­trol­lie­ren, die ein Viel­fa­ches davon wert sind. Das erhöht sowohl die Attrak­ti­vi­tät als auch das Risi­ko die­ser Pro­duk­te erheb­lich.

Trade.xyz hat sein Ange­bot inzwi­schen weit über Kryp­to­wäh­run­gen hin­aus aus­ge­dehnt. Zu den größ­ten Märk­ten gehö­ren Kon­trak­te auf den S&P 500, auf SK Hynix und auf Gold. Zusam­men errei­chen die­se Märk­te ein Open Inte­rest von rund 1,2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Außer­dem exis­tiert ein offi­zi­ell lizen­zier­ter Per­pe­tu­al Future auf den S&P 500 sowie ein Kon­trakt auf den Nasdaq 100. Damit ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen klas­si­scher Finanz­welt und block­chain­ba­sier­tem Deri­va­te­han­del zuneh­mend.

Beson­ders ambi­tio­niert ist der Ver­such, auch Unter­neh­men vor ihrem Bör­sen­gang han­del­bar zu machen. Bei pri­va­ten Unter­neh­men exis­tiert natur­ge­mäß kein fort­lau­fend fest­ge­stell­ter Akti­en­kurs. Bewer­tun­gen ent­ste­hen meist durch Finan­zie­rungs­run­den oder Trans­ak­tio­nen am Sekun­där­markt und kön­nen dadurch über län­ge­re Zeit­räu­me unver­än­dert blei­ben. Per­pe­tu­al Futures auf sol­che Unter­neh­men schaf­fen dage­gen einen per­ma­nent sicht­ba­ren Markt­preis, obwohl die Käu­fer des Kon­trakts kei­ner­lei Eigen­tums­rech­te an den zugrun­de lie­gen­den Akti­en erwer­ben.

Für die Befür­wor­ter liegt dar­in eine Mög­lich­keit, die Preis­fin­dung bei Bör­sen­gän­gen zu ver­bes­sern. Ers­te Erfah­run­gen deu­ten dar­auf hin, dass ent­spre­chen­de Pre-IPO-Kon­trak­te bei eini­gen gro­ßen Bör­sen­de­büts eine ver­gleichs­wei­se gute Ein­schät­zung des spä­te­ren Eröff­nungs­kur­ses gelie­fert haben. Dar­aus lei­ten Trade.xyz und ande­re Akteu­re die For­de­rung ab, sol­che Instru­men­te künf­tig stär­ker in regu­lier­te Kapi­tal­märk­te zu inte­grie­ren. Ins­be­son­de­re in den USA wird dar­über dis­ku­tiert, ob Per­pe­tu­al Futures und ver­gleich­ba­re block­chain­ba­sier­te Pro­duk­te einen grö­ße­ren Platz im eta­blier­ten Finanz­sys­tem erhal­ten sol­len.

Mit der zuneh­men­den Ver­brei­tung wach­sen jedoch auch die Risi­ken. Der hohe Hebel kann außer­ge­wöhn­lich star­ke Markt­be­we­gun­gen aus­lö­sen. Bei einem Kon­trakt auf SpaceX führ­te ein Short Squeeze zeit­wei­se zu einer impli­zi­ten Bewer­tung von rund drei Bil­lio­nen US-Dol­lar. Dabei wur­den Short-Posi­tio­nen im Umfang von mehr als 50 Mil­lio­nen Dol­lar auto­ma­tisch liqui­diert. In einem ande­ren Fall geriet ein Per­pe­tu­al Future auf SK Hynix mas­siv unter Druck, nach­dem ein ein­zel­ner auf­fäl­li­ger Han­del im tra­di­tio­nel­len Akti­en­markt einen star­ken Kurs­rück­gang aus­ge­löst hat­te. In der Fol­ge muss­ten Posi­tio­nen im Wert von fast 60 Mil­lio­nen Dol­lar zwangs­wei­se geschlos­sen wer­den.

Sol­che Vor­gän­ge ver­deut­li­chen, dass per­ma­nent geöff­ne­te Märk­te nicht nur neue Mög­lich­kei­ten schaf­fen, son­dern auch neue For­men von Markt­stress erzeu­gen kön­nen. Beson­ders pro­ble­ma­tisch wäre eine Situa­ti­on, in der mas­si­ve Liqui­da­tio­nen auf Block­chain-Platt­for­men auf tra­di­tio­nel­le Märk­te über­grei­fen. Gerät ein gro­ßer Markt­teil­neh­mer am Wochen­en­de durch gehe­bel­te Posi­tio­nen in finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten, könn­te er gezwun­gen sein, zu Beginn der neu­en Han­dels­wo­che auch klas­si­sche Ver­mö­gens­wer­te zu ver­kau­fen. Aus einem iso­lier­ten Ereig­nis in einem Kryp­to­de­ri­va­te­markt könn­te auf die­se Wei­se ein Pro­blem für das brei­te­re Finanz­sys­tem ent­ste­hen.

Gleich­zei­tig besitzt Trade.xyz einen ent­schei­den­den Wett­be­werbs­vor­teil: Liqui­di­tät. Händ­ler bevor­zu­gen Märk­te, auf denen gro­ße Posi­tio­nen ohne star­ke Preis­ver­zer­run­gen gehan­delt wer­den kön­nen. Die­ser Effekt ver­stärkt sich selbst, weil hohe Liqui­di­tät wei­te­re Markt­teil­neh­mer anzieht und damit wie­der­um die Han­dels­be­din­gun­gen ver­bes­sert. Allein im Juli erreich­te das Han­dels­vo­lu­men der Platt­form rund 107 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Trotz die­ser Grö­ßen­ord­nung blieb der annua­li­sier­te Umsatz ver­gleichs­wei­se nied­rig, was auf gerin­ge Gebüh­ren und einen star­ken Fokus auf Markt­an­tei­le schlie­ßen lässt.

Damit steht hin­ter dem Erfolg von Trade.xyz eine grö­ße­re Fra­ge über die Zukunft der Finanz­märk­te. Das tra­di­tio­nel­le Sys­tem basiert auf kla­ren Han­dels­zei­ten und insti­tu­tio­nell defi­nier­ten Markt­struk­tu­ren. Block­chain­ba­sier­te Platt­for­men stel­len die­ses Prin­zip infra­ge. Sie ver­spre­chen Märk­te, die jeder­zeit erreich­bar sind, neue Ver­mö­gens­wer­te schnel­ler han­del­bar machen und Preis­fin­dung auch dann ermög­li­chen, wenn klas­si­sche Bör­sen geschlos­sen sind.

Ob dar­aus tat­säch­lich eine neue Markt­ar­chi­tek­tur ent­steht, hängt jedoch nicht allein von der Tech­no­lo­gie ab. Ent­schei­dend wird sein, ob sich aus­rei­chend tie­fe und sta­bi­le Liqui­di­tät ent­wi­ckelt, wie Risi­ken durch hohe Hebel­wir­kun­gen begrenzt wer­den kön­nen und wel­che regu­la­to­ri­schen Regeln für sol­che Märk­te gel­ten sol­len. Der bis­he­ri­ge Erfolg von Trade.xyz zeigt, dass die Nach­fra­ge nach kon­ti­nu­ier­li­chem Han­del erheb­lich ist. Gleich­zei­tig machen die bereits auf­ge­tre­te­nen Ver­wer­fun­gen deut­lich, dass ein rund um die Uhr geöff­ne­tes Finanz­sys­tem nicht auto­ma­tisch sta­bi­ler oder effi­zi­en­ter ist. Das 500-Mil­li­ar­den-Dol­lar-Expe­ri­ment ist des­halb weni­ger der Beweis für eine fer­ti­ge Lösung als ein groß ange­leg­ter Test dafür, wie Finanz­märk­te aus­se­hen könn­ten, wenn die Gren­ze zwi­schen Bör­sen­tag und Bör­sen­schluss end­gül­tig ver­schwin­det.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater