Annalena Baerbock beendet also ihre Zeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung – und wechselt, man höre und staune, nicht ins Privatleben, nicht in die Wirtschaft, nicht mal zurück in den Bundestag, sondern direkt an die Columbia University. Dort soll sie „Global Leadership” lehren und nebenbei ein Masterprogramm mitleiten, das sich explizit an Führungskräfte mit über zehn Jahren Berufserfahrung richtet. Man kann diese Laufbahn nur bewundern: erst Außenpolitik gestalten, dann die UN-Generalversammlung leiten, und danach entgeltlich erklären, wie man das eigentlich macht. Die Selbstreferenzialität hat schon fast etwas Elegantes.
Ganz neu ist die Nummer übrigens nicht. Schon Hillary Clinton wechselte nach ihrer Zeit als Außenministerin exakt an dieselbe Fakultät, in dieselbe Rolle als „Professor of Practice”, mit fast wortgleicher Presseerklärung über „einzigartige Erfahrungen” und „außergewöhnliche Fähigkeiten”. Es gibt offenbar einen eingespielten Drehtür-Mechanismus zwischen Außenministerien und der Columbia SIPA, in dem austauschbare Spitzenpolitikerinnen nach Dienstende automatisch einrasten – Titel und Pressemitteilung liegen wahrscheinlich schon vorformuliert in der Schublade.
Der Titel „Professor of Practice” ist dabei die eigentliche Pointe: Eine klassische Professur wäre mangels wissenschaftlicher Qualifikation nicht drin, aber amerikanische Eliteuniversitäten haben dafür eine bewährte Umetikettierungstechnik parat. Aus Regierungsjahren wird so im Handumdrehen ein akademischer Titel mit Sternchen – klingt eben deutlich besser als „ehemalige Politikerin mit Gastvortrag und gutem Namen fürs Fundraising”.
Unterrichtet wird ausgerechnet „Global Leadership” – von einer Frau, deren Amtszeit an der UN von Vorwürfen aus Russland und den USA begleitet war, sie habe bei der Guterres-Nachfolge ihre Kompetenzen überschritten. Man darf gespannt sein, ob das Seminar dazu ein eigenes Fallbeispiel bekommt, oder ob man das lieber den Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis überlässt.
Auch das Lehrumfeld liefert reichlich Anschauungsmaterial: Columbia stand zuletzt wegen Protesten, Polizeieinsätzen und dem Umgang mit jüdischen Studierenden massiv in der Kritik. Für ein Programm über globale Führung ist das immerhin bequem – die Fallstudien liegen direkt auf dem Campus, man muss nicht mal die Kreide wechseln.
Die Stelle ist auf drei Jahre angelegt, Vollzeit, plus Nebentätigkeit als Rednerin – eine Genehmigung der Bundesregierung braucht es dafür längst nicht mehr, da die Karenzzeit für Ex-Ministerinnen im Herbst ausläuft, quasi passgenau zum Amtsantritt. Damit ist wenigstens eines geklärt: Auf Auswärtiges Amt und UN folgt bei Baerbock kein Rückzug, sondern der inzwischen fast schon genormte Karriereweg der scheidenden Außenpolitik-Prominenz – vom Amt direkt in den Hörsaal, mit Stopover bei der Honorarrednerei.
