Nvidia und der KI-Boom
Die Technologiebranche erlebte heute einen massiven Schub, angeführt von den spektakulären Quartalszahlen von Nvidia. Das Unternehmen meldete für das zweite Quartal einen Rekordumsatz von 96,22 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 97 % im Jahresvergleich entspricht und die Erwartungen der Wall Street deutlich übertraf. Für das kommende Fiskaljahr 2028 prognostiziert Nvidia ein außergewöhnliches Umsatzwachstum von ca. 70 %. Dies übertraf die Erwartungen der Analysten, die bei rund 45 % lagen, bei Weitem. CEO Jensen Huang erklärte, dass die Nachfrage sich weiter beschleunigt („demand accelerating“) und das Wachstum derzeit nur durch Engpässe in der Lieferkette – insbesondere bei Speicherchips – begrenzt wird. Um die stark gestiegenen Kosten für Speicherchips abzufedern, kündigte Nvidia Preiserhöhungen an; dies wird die Bruttomarge im nächsten Jahr geringfügig von 75 % auf etwa 72 bis 73 % drücken. Darüber hinaus übernimmt Nvidia zunehmend die Rolle einer „Bank“ für die KI-Branche, indem es Kredite für Consequential-KI-Unternehmen absichert (Backstopping), die selbst noch nicht über die nötige Bonität für günstige Kredite verfügen. Parallel dazu kursieren Berichte, dass Nvidia die KI-Entwicklerplattform Hugging Face für knapp 13 Milliarden Dollar übernehmen möchte.
Erholung im SaaS-Sektor
Die hervorragenden Ergebnisse gaben auch anderen Software-Unternehmen starken Rückenwind. Salesforce erlebte nach der Bekanntgabe einer erweiterten Partnerschaft mit Anthropic seinen besten Börsentag seit sechs Jahren. Auch der Cybersicherheitsriese Crowdstrike verzeichnete aufgrund der massiven Nachfrage nach Schutz vor KI-gestützten Cyberangriffen starke Zuwächse. Diese Entwicklungen dämpften die an der Wall Street zuvor geäußerten Ängste vor einer „SaaS-Apokalypse“ erheblich.
Zinspolitik und das Jackson Hole Symposium
Das mit Spannung erwartete Jackson Hole Economic Symposium in Wyoming hat begonnen. Die gesamte Aufmerksamkeit der Finanzmärkte richtet sich auf die morgige Eröffnungsrede des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, von dem Klarheit über die künftige Zinspolitik und die Reaktionsfunktion der Notenbank erhofft wird. Innerhalb der Fed zeichnen sich deutliche Differenzen ab. Beth Hammack, die Präsidentin der Cleveland Fed, die bei der letzten Sitzung gegen die Zinsentscheidung stimmte, betonte in einem Interview, dass es „Zeit zum Handeln“ sei („time to act“). Sie fordert eine weitere Straffung der Geldpolitik, da die Inflation hartnäckig über dem 2 %-Ziel verharrt, während sie den Arbeitsmarkt für weitgehend stabil und im Gleichgewicht hält. Jeffrey Schmidt, Präsident der Kansas City Fed, vertritt ebenfalls eine hawkische Haltung. Er sieht die Zinsen derzeit eher auf der akkommodierenden Seite und plädiert dafür, weitere Daten abzuwarten, bevor geldpolitische Lockerungen in Betracht gezogen werden. Zudem wird innerhalb der Fed offen über eine Reduzierung der jährlichen Sitzungen von acht auf sechs nachgedacht, um mehr Zeit für die Datenauswertung zu haben.
Spannungen zwischen dem Finanzministerium und der Fed
Für zusätzliche Komplexität sorgt die Intervention des US-Finanzministeriums unter Minister Scott Bessent. Bessents Ankündigung, die Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen (Buybacks) zu erhöhen, hat die Renditen für 10- und 30-jährige Treasuries kurzfristig sinken lassen. Dies erschwert jedoch die Arbeit der Fed unter Kevin Warsh. Kritiker wie Stanley Druckenmiller werfen dem Finanzministerium vor, die Symptome statt der eigentlichen Ursache (des massiven Haushaltsdefizits) zu bekämpfen und das freie Marktsignal zu verzerren, das Warsh für seine Zinsentscheidungen benötigt.
Handelsstreit mit Kanada und „Lake America“
Präsident Donald Trump sorgte heute mit der Unterzeichnung einer Executive Order für Aufsehen, mit der der Lake Ontario offiziell in „Lake America“ umbenannt wird. Die Begründung der Regierung lautet, dass sich das meiste Wasservolumen und die tiefsten Stellen des Sees auf US-Territorium befinden. Trump nutzte den Anlass, um scharfe Kritik an Kanada zu üben, das die USA seit Jahrzehnten im Handel und beim Militär „ausnutze“. Er kündigte drastische Zölle auf kanadische Autoimporte an. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer erklärte zudem, dass die Gesprächskanäle mit Kanada derzeit auf Eis liegen und die USA ein vollständiges Verbot bestimmter kanadischer Exportgüter prüfen.
Gleichzeitig gerät Trump im eigenen Lager unter Druck: Seine temporäre Aufhebung von Zöllen auf rund 300.000 Tonnen Rindfleischimporte zur Senkung der Verbraucherpreise stieß bei US-Landwirten und Ranchern auf heftigen Widerstand. Der texanische Landwirtschaftskommissar Sid Miller bezeichnete den Schritt als schädlich für amerikanische Rinderzüchter und warnte vor drastischen Profitverlusten sowie einer Gefährdung der Midterm-Wahlen für die Republikaner.
Geopolitik: Ukraine und Iran
Auf internationaler Ebene dominiert eine geheime Reise von CIA-Direktor John Ratcliffe nach Moskau. Ratcliffe überbrachte eine direkte Warnung der USA an Wladimir Putin, keine Angriffe auf NATO-Territorium (wie die baltischen Staaten) zu wagen. Laut Trump habe Putin im Gegenzug zugesichert, kein NATO-Territorium anzugreifen. Der ehemalige US-Sonderbeauftragte Keith Kellogg berichtete derweil von einer Reise in die Ukraine und zeigte sich sehr beeindruckt von der dortigen Wirtschaft und der florierenden, heimischen Rüstungsindustrie.
Bezüglich des Irans betonte Trump, dass die Wirtschaftsblockade unvermindert fortgesetzt wird. Trotz eines jüngsten Angriffs auf einen Öltanker in der Straße von Hormus sei die wichtige Passage für den internationalen Schiffsverkehr unter der Kontrolle des US-Militärs geöffnet.
Kreditrisiken im Hochschulsektor
Im Bildungssektor wird vor erheblichen Risiken gewarnt. Inzwischen bewerten Ratingagenturen rund 50 % des Sektors der privaten Colleges mit „Triple B“ oder schlechter. Hauptursachen für diese finanzielle Schwächung sind der demografische Wandel, sinkende internationale Anmeldungen sowie die zunehmende Sorge der Verbraucher über die Erschwinglichkeit von Studiengebühren.
Präsident Donald Trump hat per Executive Order die sofortige Umbenennung des Lake Ontario in „Lake America“ angeordnet. Die offizielle Begründung der US-Regierung, die durch den Berater Ben und das Innenministerium (Department of the Interior) umgesetzt werden soll, stützt sich auf geografische Gegebenheiten: Das meiste Wasservolumen des Sees befinde sich auf dem Territorium der Vereinigten Staaten, und auch die tiefsten Stellen des Gewässers lägen in US-Gewässern. Daher solle der Name nun offiziell im geografischen Informationsdienst der USA (Geographic Names Information Service) angepasst werden, um zu verdeutlichen, dass es sich um einen „amerikanischen See“ handelt.
Hinter dieser symbolischen Geste steckt jedoch eine massive Eskalation des Handels- und Sicherheitskonflikts zwischen den USA und Kanada. Trump nutzt die Umbenennung als politisches Signal und wirft Kanada vor, die USA seit langem auf unfaire Weise auszunutzen („ripping us off“). Seinen Angaben zufolge verloren die USA in den letzten 15 Jahren im Durchschnitt etwa 60 bis 62 Milliarden US-Dollar pro Jahr durch die Unterstützung Kanadas. Trump warf kanadischen Politikern vor, „nasty people“ (unfreundliche Menschen) zu sein, die US-amerikanische Landwirte mit Zöllen von bis zu 400 % belegen. Er bezeichnete Kanada im Bereich des Handels als das am schwierigsten zu handhabende Land überhaupt, da es sich extrem anspruchsberechtigt („entitled“) verhalte.
Neben den Handelsfragen zieht Trump auch die militärische Allianz in Zweifel. Er beschwerte sich darüber, dass die USA Kanada praktisch kostenlos verteidigen, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Als konkretes Beispiel nannte er die Anschaffung von 11 neuen US-Eisbrechern. Kanada wolle diese Schiffe nutzen, ohne einen finanziellen Beitrag zu leisten. Die kanadische Regierung wolle wie ein US-Bundesstaat behandelt werden, weigere sich aber, die entsprechenden Pflichten und Kosten zu tragen.
Trump erklärte, er habe schon seit langem über diese Namensänderung nachgedacht. Er verwies darauf, dass seine Administration bereits den Golf von Mexiko in „Gulf of America“ umbenannt habe, was mittlerweile routinemäßig so verwendet werde. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu, dass die USA nun einen eigenen Golf und einen eigenen See besäßen und als nächstes eigentlich nur noch ein Ozean fehle. Er deutete scherzhaft an, dass man als nächstes den Atlantik oder den Pazifik umbenennen könnte.
Die Umbenennung fällt in eine Phase, in der die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Nachbarn komplett eingefroren sind. Verhandlungen wurden ausgesetzt, und der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer drohte unlängst mit drastischen Zöllen auf kanadische Autoimporte sowie mit einem vollständigen Importverbot für bestimmte kanadische Güter. Dies birgt jedoch erhebliche politische Risiken für die Republikaner so kurz vor den Midterm-Wahlen. Eine Analyse zeigt, dass der Konflikt vor allem US-Bundesstaaten wie Ohio und Michigan wirtschaftlich schwer treffen könnte, da Kanada zu deren Top-5-Exportmärkten gehört. Während die US-Stahlindustrie das Scheitern der Verhandlungen begrüßt, wächst in der Bevölkerung die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten (affordability) kurz vor den Wahlen.
Die mit großer Spannung erwartete Rede des Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh beim Jackson Hole Economic Symposium steht im absoluten Fokus der globalen Finanzmärkte. Nach seiner ersten Pressekonferenz am 29. Juli, die an der Wall Street teils als unklar empfunden wurde, erwarten Investoren und Analysten dieses Mal eine deutlich präzisere Kommunikation.
Zentrale Erwartungen an die Rede
- Formulierung einer Reaktionsfunktion (Reaction Function): Die Marktteilnehmer hoffen darauf, dass Warsh eine klare ökonomische Reaktionsfunktion der Notenbank skizziert. Sie wollen verstehen, wie die Fed unter seiner Führung auf künftige makroökonomische Daten reagieren wird. Es wird erwartet, dass er diese Bühne nutzt, um das große Ganze („Big Picture“) der US-Geldpolitik zu erörtern.
- Klares Bekenntnis zur Inflationsbekämpfung: Obwohl das Symposium offiziell unter dem Thema „Zukunft der Finanzen“ steht und sich unter anderem mit Stablecoins befasst, dreht sich an den Märkten alles um die Inflation. Investoren erwarten von Warsh eine deutliche Antwort darauf, wie er sein zentrales Versprechen einlösen will, die Inflation nachhaltig auf das 2 %-Ziel zu senken. Jede feste Zusage, den Deckel auf der Inflation zu halten, würde von den Märkten äußerst positiv aufgenommen werden.
- Keine konkrete „Forward Guidance“: Experten betonen übereinstimmend, dass Warsh ein bekannter Gegner von detaillierten Zukunftsprognosen („Forward Guidance“) ist. Stattdessen wird erwartet, dass er eher eine allgemeine Orientierung („further guidance“) bietet. Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ dürfte seine Botschaft bewusst zurückhaltend ausfallen. Viele Analysten warnen daher bereits vor einer potenziellen Enttäuschung an den Märkten, da Warsh voraussichtlich keinerlei konkrete Details oder Zeitpläne für künftige Zinsänderungen nennen wird.
- Der antizipierte Kompromiss: Michael McKee (Bloomberg) vermutet, dass Warsh einen Mittelweg wählen wird. Er könnte sich darauf beschränken zu betonen, dass die Fed all ihre Instrumente nutzen wird, um die Inflation zu bezwingen, falls diese nicht wie gewünscht zurückgeht – ohne jedoch spezifische Werkzeuge oder Termine beim Namen zu nennen.
Der schwierige geldpolitische Spagat
Warsh bewegt sich bei seinem Auftritt auf einem schmalen Grat:
- Unabhängigkeit vs. Erwartungshaltung: Er muss beweisen, dass er ein datenabhängiger und politisch unabhängiger Beobachter der Wirtschaft ist. Dies ist besonders komplex, da er einerseits als Falke die Inflation bekämpfen muss, andererseits aber den Vorsitz innehat, weil von ihm langfristig Zinssenkungen erwartet werden. Die Glaubwürdigkeit der Fed steht an der Wall Street ohnehin zur Debatte.
- Konflikt mit dem Finanzministerium: Erschwert wird seine Aufgabe durch das Handeln von Finanzminister Scott Bessent. Bessents Ankündigung, verstärkt langfristige Staatsanleihen zurückzukaufen, hat die Renditen künstlich gedrückt. Dies verzerrt das „reine Marktsignal“, das Warsh eigentlich als Kompass nutzen möchte. Warsh hatte in der Vergangenheit betont, dass er „den Rentenmarkt die Arbeit für ihn machen lassen“ möchte – ein Plan, den Bessents Interventionen nun massiv durchkreuzen.
Gegensätzliche Strömungen innerhalb der Fed
Die Rede findet vor dem Hintergrund einer tiefen internen Zerrissenheit der US-Notenbank statt:
- Beth Hammack (Cleveland Fed), die beim letzten Treffen gegen die Zinsentscheidung stimmte, fordert vehement, dass es „Zeit zum Handeln“ sei. Sie plädiert für mehr geldpolitische Straffung, da sie den Arbeitsmarkt für stabil und die Inflation für zu hartnäckig hält.
- Jeffrey Schmidt (Kansas City Fed) stützt diese hawkish Haltung. Er sieht die aktuellen Zinsen sogar als tendenziell akkommodierend an und fordert ebenfalls eine restriktive Politik und mehr Daten vor einer Lockerung.
- Gleichzeitig zeigen sich erste konjunkturelle Risse: Das US-Verbrauchervertrauen ist auf ein Siebenmonatstief gefallen, belastet durch hohe Benzinpreise und eine Abkühlung bei den Neueinstellungen.
Warsh muss morgen also nicht nur die Erwartungen einer nervösen Wall Street managen, sondern auch eine Brücke zwischen den verschiedenen Lagern innerhalb seines eigenen Ausschusses bauen.
Man beschäftigt sich mit amerikanischer Politik nicht aus Amerika-Faszination, sondern aus deutschem Eigeninteresse.
