Was ist die Gra­ham-Zahl?

Die Gra­ham-Zahl – Ein kon­ser­va­ti­ves Bewer­tungs­mo­dell für Fun­da­men­ta­l­in­ves­to­ren

1. Kon­zep­tio­nel­ler Ursprung und Inten­ti­on

Die Gra­ham-Zahl ent­stammt dem Den­ken von Ben­ja­min Gra­ham, dem Urva­ter des Value Inves­t­ing. Sein Ziel war es, einen nume­ri­schen Fil­ter zu ent­wi­ckeln, mit dem Anle­ger fun­da­men­tal unter­be­wer­te­te Unter­neh­men auf­spü­ren kön­nen – und zwar mit einem strik­ten Sicher­heits­an­spruch.

Leit­idee: Inves­tie­re nur, wenn der Preis eines Unter­neh­mens deut­lich unter sei­nem inne­ren Wert liegt – nicht auf­grund von Hoff­nung, son­dern auf­grund har­ter Zah­len.


2. Die For­mel im Detail

Gra­ham-Zahl = √(22,5 × EPS × BVPS)

  • EPS (Ear­nings per Share) = Der Net­to­ge­winn pro Aktie
  • BVPS (Book Value per Share) = Das Eigen­ka­pi­tal je Aktie (Sub­stanz­wert)
  • 22,5 = Pro­dukt aus KGV-Ober­gren­ze (15) × KBV-Ober­gren­ze (1,5)

Die­se Annah­men fußen auf Gra­hams Defi­ni­ti­on eines “fai­ren Prei­ses”: Ein soli­des Unter­neh­men soll­te nicht teu­rer als das 15-fache sei­nes Gewinns und das 1,5‑fache sei­nes Buch­werts sein.

Wich­tig: Die For­mel kal­ku­liert einen maxi­mal ver­tret­ba­ren Preis für eine Aktie. Die­ser Preis reflek­tiert kon­ser­va­tiv geschätz­te Erwar­tun­gen und bie­tet eine Mar­gin of Safe­ty – einen Risi­ko­puf­fer.


3. Mathe­ma­ti­sche Ablei­tung und Inter­pre­ta­ti­on

Her­lei­tung:

Gra­hams klas­si­sche Bewer­tungs­über­le­gung lau­te­te:

Maxi­ma­ler Preis = KGV × Gewinn je Aktie UND KBV × Buch­wert je Aktie

Die­se bei­den Bedin­gun­gen gleich­zei­tig zu erfül­len, wird über die For­mel geo­me­trisch inte­griert:

√(KGV × KBV × EPS × BVPS)
= √(22,5 × EPS × BVPS)

Der Ein­satz der geo­me­tri­schen Mit­tel­wert­bil­dung ver­mei­det eine Ver­zer­rung durch extrem hohe Ein­zel­wer­te (z. B. über­zo­ge­ner Gewinn, aber kaum Sub­stanz – oder umge­kehrt).


4. Kri­ti­sche Bewer­tung der Anwend­bar­keit

Stär­ken:

  • Klar­heit & Ein­fach­heit: Ide­al für ein ers­tes Scree­ning.
  • Kon­ser­va­ti­ver Bias: Schutz vor Über­be­wer­tung durch ein­ge­bau­te Sicher­heits­mar­ge.
  • Sub­stanz­ori­en­tie­rung: Beto­nung auf rea­le, bilan­zier­te Ver­mö­gens­wer­te.

Schwä­chen:

  • Kei­ne Zukunfts­be­trach­tung: Dyna­mik, Markt­ver­än­de­run­gen, dis­rup­ti­ve Geschäfts­mo­del­le wer­den igno­riert.
  • Pro­ble­me bei imma­te­ri­el­len Assets: Soft­ware, IP, Netz­werk­ef­fek­te und Mar­ken wer­den im BVPS oft nicht adäquat abge­bil­det.
  • Unge­eig­net für Unter­neh­men mit Ver­lus­ten oder extrem vola­ti­len Gewin­nen: Nega­ti­ve EPS-Wer­te ver­zer­ren oder ver­un­mög­li­chen die Berech­nung.
  • Ver­nach­läs­sigt Kapi­tal­struk­tur: Gra­ham berück­sich­tigt weder Ver­schul­dungs­grad noch Liqui­di­täts­la­ge.

5. Ver­gleich mit ande­ren Bewer­tungs­mo­del­len

ModellBewer­tungs­kri­te­ri­umVor­teilNach­teil
Gra­ham-ZahlGewinn + Buch­wertEin­fach, kon­ser­va­tivSta­tisch, ver­gan­gen­heits­be­zo­gen
KGV (P/E)Nur GewinnMarkt­üb­lich, leicht zugäng­lichNicht robust bei schwan­ken­den Gewin­nen
KBV (P/B)Nur Buch­wertSub­stanz­ori­en­tiertVer­zerrt durch imma­te­ri­el­le Ver­mö­gens­wer­te
DCF (Dis­coun­ted Cash­flow)Zukunfts­ba­sier­te Cash­flowsPrä­zi­se bei fun­dier­ten Pro­gno­senExtrem sen­si­tiv für Annah­men
EV/EBITDAKapi­tal­struk­tur-unab­hän­gigBran­chen­ver­gleich­barVer­zer­rung bei Abschrei­bungs­in­ten­si­ven Bran­chen

Gra­hams Ansatz ist bewusst “low-tech”. Er will nicht pro­gnos­ti­zie­ren, son­dern sichern. DCF-Model­le und ver­gleich­ba­re Ver­fah­ren dage­gen kal­ku­lie­ren das Poten­zi­al, nicht den Min­dest­wert.


6. Ein­satz in der Pra­xis: Quan­ti­ta­ti­ves Scree­ning

In der quan­ti­ta­ti­ven Akti­en­aus­wahl kann die Gra­ham-Zahl als Fil­ter­in­stru­ment genutzt wer­den. Vor­ge­hen:

  1. Aus­wahl eines Bör­sen­seg­ments (z. B. MDAX, S&P 500)
  2. Abruf von EPS und BVPS aus öffent­lich zugäng­li­chen Daten­ban­ken
  3. Berech­nung der Gra­ham-Zahl
  4. Ver­gleich mit dem aktu­el­len Bör­sen­kurs
  5. Iden­ti­fi­ka­ti­on poten­zi­el­ler Value-Kan­di­da­ten (Kurs < Gra­ham-Zahl)

Ach­tung: Nur ein Ein­stiegs­punkt – qua­li­ta­ti­ve Ana­ly­se folgt!


7. Fall­stri­cke bei Inter­pre­ta­ti­on & Pra­xis­bei­spie­len

Bei­spiel 1: Sub­stanz­wert mit nied­ri­gem Kurs

  • EPS = 5,00 €
  • BVPS = 30,00 €
  • Gra­ham-Zahl = √(22,5 × 5 × 30) = √(3.375) ≈ 58,10 €
  • Akti­en­kurs: 42,00 €

Poten­zi­ell unter­be­wer­tet, wenn kei­ne fun­da­men­ta­len Pro­ble­me vor­lie­gen

Bei­spiel 2: Tech-Aktie mit imma­te­ri­el­len Wer­ten

  • EPS = 1,20 €
  • BVPS = 3,00 €
  • Gra­ham-Zahl ≈ √(81) = 9,00 €
  • Akti­en­kurs: 45,00 €

Klar über der Gra­ham-Zahl, aber even­tu­ell gerecht­fer­tigt durch star­kes Wachs­tum, Netz­werk­ef­fek­te, Platt­form­vor­tei­le


8. Fazit und stra­te­gi­scher Ein­satz

Die Gra­ham-Zahl ist kein Ersatz für eine voll­um­fäng­li­che Bewer­tung, aber ein wert­vol­ler Früh­in­di­ka­tor für poten­zi­ell unter­be­wer­te­te Akti­en – vor allem bei klas­si­schen Indus­trie- und Sub­stanz­wer­ten.

Emp­feh­lung:

  • Ver­wen­de die Gra­ham-Zahl als Vor­sor­tie­rer im Rese­arch-Pro­zess
  • Kom­bi­nie­re sie mit qua­li­ta­ti­ven Fak­to­ren: Geschäfts­mo­dell, Manage­ment, Wett­be­werb, Inno­va­ti­on
  • Ergän­ze durch moder­ne­re Model­le wie DCF oder mul­ti­ples-basier­te Ver­fah­ren bei Tech- oder Wachs­tums­wer­ten

Gra­hams Genie lag nicht in kom­ple­xen Algo­rith­men, son­dern in der Klar­heit sei­ner Prin­zi­pi­en: “Inves­tie­re mit Ver­nunft, Geduld und Sicher­heits­mar­ge.”


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater