Einleitung Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gilt als Standardmaß der Aktienbewertung, doch seine weitverbreitete Nutzung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein statisches, vergangenheitsorientiertes Instrument handelt. In dynamischen Märkten mit hoher Bewertungsunsicherheit greift es häufig zu kurz. Das Price/Earnings-to-Growth-Verhältnis (PEG) bietet eine Erweiterung um die Dimension des erwarteten Gewinnwachstums, bleibt jedoch ebenfalls anfällig für methodische Verzerrungen. Diese Analyse nimmt beide Kennzahlen nicht nur unter die Lupe, sondern diskutiert ihre Aussagekraft, systematischen Verzerrungen und Anwendungsgrenzen in Theorie und Praxis.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Fundamentale Basis mit systematischen Schwächen
Das KGV setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie (Earnings per Share, EPS):
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie (EPS)
Beispiel: Ein Unternehmen mit einem Kurs von 75 US-Dollar und einem EPS von 3 hat ein KGV von 25. Anleger zahlen somit 25 US-Dollar pro US-Dollar Gewinn. Diese Zahl sagt jedoch isoliert wenig aus. Entscheidend ist der sektorale, historische und zyklische Vergleich.
Differenzierung nach Zeitbezug:
- Trailing KGV: Basierend auf realisierten EPS der letzten 12 Monate; objektiv, aber vergangenheitsbezogen.
- Forward KGV: Basierend auf Analystenschätzungen der kommenden 12 Monate; zukunftsorientiert, aber prognoseabhängig.
Analytische Schwächen des KGV:
- Keine Wachstumsdynamik: Ein hoher Multiplikator kann gesundes Wachstum oder eine Überhitzung anzeigen. Ohne Kontext bleibt er interpretationsoffen.
- Vernachlässigung der Kapitalstruktur: Das KGV ignoriert Fremdkapitalrisiken und verzerrt bei hoher Verschuldung die reale Bewertung.
- Anfälligkeit für Bilanzpolitik: Accounting-Gewinne können durch Einmaleffekte oder aggressive Bilanzierungstechniken manipuliert werden.
- Sektorale Inkompatibilität: KGVs von Unternehmen aus zyklischen oder strukturell defensiven Sektoren sind nicht vergleichbar. Beispielsweise sind KGVs im Technologiebereich strukturell höher als im Energiesektor.
- Makroökonomische Verzerrung: Das Zinsumfeld beeinflusst die Bewertung: Sinkende Zinsen erhöhen die Bewertungsspanne. Bei inverser Zinsstrukturkurve versagen viele historische KGV-Vergleiche.
Das PEG-Verhältnis: Ein Fortschritt mit eingebauten Unsicherheiten
Das PEG-Verhältnis verknüpft Bewertungsniveau mit Gewinnwachstum:
PEG = KGV ÷ erwartetes jährliches Gewinnwachstum (%)
Beispiel: KGV = 30, Gewinnwachstum = 20 % → PEG = 1,5
Interpretation:
- PEG < 1,0: theoretisch unterbewertet (hohes Wachstum relativ zum Preis)
- PEG ≈ 1,0: fair bewertet
- PEG > 2,0: möglicherweise überbewertet
Stärken des PEG:
- Einbeziehung der erwarteten Dynamik macht den Indikator für Wachstumsunternehmen relevanter.
- Branchenübergreifende Vergleichbarkeit in der Theorie möglich.
Kritikpunkte aus Sicht der Finanzanalyse:
- Prognoseunsicherheit: Gewinnschätzungen unterliegen zyklischen Schwankungen, Modellrisiken und kognitiven Biases der Analysten (z. B. „Optimism Bias“).
- Einperiodige Betrachtung: Langfristige Wachstumsdynamiken oder Säkulare Trends (z. B. demografische Effekte) bleiben unbeachtet.
- Vernachlässigung von Eigenkapitalkosten: Ein PEG < 1 kann fundamental dennoch unattraktiv sein, wenn die Eigenkapitalkosten über dem erwarteten Wachstum liegen.
- Branchenspezifische Nichtlinearitäten: In Sektoren mit stabilen Margen (z. B. Versorger) ist der Informationswert des PEG gering.
Vergleich und Fallbeispielanalyse
NVIDIA (NVDA):
- KGV: 35
- Erwartetes Gewinnwachstum: 25 %
- PEG: 1,4
Coca-Cola (KO):
- KGV: 22
- Gewinnwachstum: 4 %
- PEG: 5,5
Analyse: Obwohl Coca-Cola ein niedrigeres KGV aufweist, erscheint NVIDIA – gemessen am PEG – als attraktiver. Jedoch muss die Bewertungsprämie von Wachstumsaktien (Growth Premium) durch qualitative Faktoren wie Marktpositionierung, Innovationskraft, Margenstabilität und Wettbewerbsdynamik validiert werden.
Empfehlungen für Analysten und institutionelle Investoren
- Multi-Kennzahlen-Ansatz: Kombinieren Sie KGV und PEG mit EV/EBITDA, ROIC, Free Cashflow-Rendite und Kapitalstrukturkennzahlen.
- Szenarioanalyse: Nutzen Sie probabilistische Modelle (Monte-Carlo, sensitivierte DCFs), um Wachstumsannahmen zu verifizieren.
- Makroeinbettung: Berücksichtigen Sie Inflationserwartungen, Realzinsentwicklung und Risikoaufschläge für Branchen.
- Branchenspezifische Benchmarks: Verwenden Sie rollierende Vergleichswerte auf Basis von historischen Medians und Interquartilsabständen.
- Bottom-up-Validierung: Überprüfen Sie Prognosen durch Segmentanalysen, Kundenabhängigkeit und regulatorische Risiken.
Fazit
Das KGV bietet einen ersten Einblick in die Marktpreisbildung, bleibt jedoch eine vergangenheitsorientierte Größe mit begrenzter Prognosekraft. Das PEG-Verhältnis schafft hier Abhilfe, ist aber stark modellabhängig. Für professionelle Investoren ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Nur im Rahmen eines multidimensionalen Bewertungsmodells können valide Schlüsse über Unter- oder Überbewertung gezogen werden. Isolierte Kennzahlenanalysen führen in dynamischen Kapitalmärkten regelmäßig zu Fehleinschätzungen.
Disclaimer: Die genannten Beispiele dienen ausschließlich der Veranschaulichung und stellen keine Anlageempfehlung dar. Die zugrunde liegenden Schätzungen sind hypothetisch und können erheblich von der Realität abweichen.