Allzeithochs

Allzeithochs (All-Time-Highs, ATHs) werden in der technischen Analyse häufig als Signal für hohe Kaufbereitschaft und potenzielle Anschlusskäufe interpretiert – allerdings nicht uneingeschränkt. Eine differenzierte Betrachtung ist wichtig.

Im Folgenden eine strukturierte Einordnung mit Argumenten, Gegenargumenten und praktischen Implikationen.

1. Warum Allzeithochs als bullisches Signal gelten

1.1. Keine technischen Widerstände mehr

  • Oberhalb eines Allzeithochs existieren keine historischen Verkaufszonen.
  • Es gibt keine „Altinvestoren“, die auf Einstandspreise warten, um auszusteigen.
  • Dadurch kann sich der Kurs freier nach oben bewegen.

Implikation:
Technisch gesehen ist der Weg nach oben „offen“.

1.2. Momentum- und Trendlogik

  • Märkte bewegen sich oft in Trends (Trendfolgeprinzip).
  • Ein neues Hoch signalisiert:
    • Stärke
    • Nachfrageüberhang
    • funktionierendes Geschäftsmodell / positives Sentiment

Viele Marktteilnehmer handeln nach dem Prinzip:

„Stärke wird gekauft, nicht Schwäche.“

1.3. Psychologische Effekte (FOMO)

  • Neue Hochs erzeugen:
    • Medienaufmerksamkeit
    • Social-Media-Effekte
    • Angst, etwas zu verpassen (FOMO)

Konsequenz:
Zusätzliche Käufer kommen in den Markt → Anschlusskäufe werden wahrscheinlicher.

1.4. Systematische Käufer

  • Viele:
    • Trendfolger
    • Momentum-Fonds
    • algorithmische Strategien
      kaufen explizit bei Ausbrüchen auf neue Hochs.

→ Das verstärkt die Bewegung.

2. Warum Allzeithochs trügerisch sein können

2.1. Überdehnung (Overextension)

Ein Allzeithoch kann auch bedeuten:

  • kurzfristige Euphorie
  • spekulative Übertreibung
  • zu starke Abkopplung von Fundamentaldaten

Gefahr:
Nachfrage ist „vorweggenommen“ → Korrekturrisiko steigt.

2.2. Späteinstieg-Problem

Viele kaufen:

  • nicht aus Überzeugung
  • sondern aus Angst, zu spät zu sein

Diese Käufer sind:

  • nervöser
  • schneller bereit zu verkaufen

→ Das kann Abwärtsbewegungen beschleunigen.

2.3. Fundamentale Diskrepanz

Ein neues Hoch sagt nichts über:

  • Bewertung
  • Gewinnentwicklung
  • Cashflow
  • Bilanzqualität

Es kann gleichzeitig gelten:

  • Kurs = stark
  • Fundament = schwach

Das ist ein klassisches Setup für Trendbrüche.

2.4. „Buy the rumor, sell the fact“

Allzeithochs entstehen oft:

  • vor Quartalszahlen
  • vor Events
  • nach guten Nachrichten

Nach Veröffentlichung:

  • fällt der Kurs trotz guter Nachrichten

→ Markt hat die Information bereits eingepreist.

3. Empirische Sicht: Was sagen Studien?

Die Kapitalmarktforschung zeigt:

  • Kurz- bis mittelfristig:
    → Aktien nahe oder auf Allzeithochs performen im Schnitt besser als solche nahe Tiefs.
    (Momentum-Effekt)
  • Langfristig:
    → Überbewertete Titel unterperformen häufig.

Kernaussage:
Allzeithoch + Momentum = kurzfristig positiv
Allzeithoch + Überbewertung = langfristig riskant

4. Praktische Einordnung: Wann sind Allzeithochs ein gutes Zeichen?

4.1. Positiv zu werten, wenn:

  • begleitet von hohem Volumen
  • getragen von Gewinnwachstum
  • in einem intakten Gesamtmarkt
  • ohne extreme Bewertungsausdehnung

→ Hier sind Anschlusskäufe rational erklärbar.

4.2. Kritisch zu sehen, wenn:

  • Volumen abnimmt
  • Euphorie dominiert („Das kann nur steigen“)
  • Bewertungen historisch extrem sind
  • Insider verkaufen

→ Hier steigt die Wahrscheinlichkeit einer Topbildung.

5. Zentrale Differenzierung

Ein Allzeithoch ist kein Kaufsignal an sich, sondern:

ein Zustandsindikator für Marktstärke – nicht für Unterbewertung.

Oder anders:

  • Es sagt: „Der Markt ist bereit, diesen Preis zu zahlen.“
  • Es sagt nicht: „Dieser Preis ist vernünftig.“

6. Kritische Schlussfolgerung

Die verbreitete Aussage

„Allzeithoch = bullisch = kaufen“
ist verkürzt und gefährlich, wenn sie isoliert betrachtet wird.

Korrekt wäre:

Allzeithoch + gesundes Fundament + sauberes Marktumfeld = konstruktives Signal.
Allzeithoch + Hype + Bewertungsblase = Warnsignal.


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