„America-First“-Strategie

1. Grundkonzept und politische Einordnung

Die sogenannte „America-First“-Strategie bezeichnet einen außen-, wirtschafts- und sicherheitspolitischen Ansatz, der während der Präsidentschaft Donald Trumps (2017–2021) zu einem leitenden Orientierungsrahmen der US-Politik wurde. Zentrales Merkmal dieser Strategie ist die Priorisierung nationalstaatlicher Interessen der Vereinigten Staaten gegenüber multilateralen Institutionen, internationalen Regelwerken und langfristigen Bündnisverpflichtungen.

Im Unterschied zum liberal-internationalistischen Paradigma der Nachkriegsordnung, das auf multilaterale Kooperation, offene Märkte und institutionelle Einbindung setzt, verfolgt „America First“ einen souveränitätsorientierten Ansatz. Außen- und Wirtschaftspolitik werden dabei primär als Instrumente zur Sicherung nationaler Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und politischer Autonomie verstanden.

2. Wirtschaftspolitische Grundelemente

2.1 Fiskal- und Regulierungspolitik

Ein zentrales Element der Strategie bildet eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die insbesondere folgende Maßnahmen umfasst:

  • deutliche Senkung der Unternehmenssteuern,
  • Abbau regulatorischer Vorgaben in Industrie-, Energie- und Finanzsektoren,
  • Stärkung investitionsfreundlicher Rahmenbedingungen.

Ziel dieser Politik war es, private Investitionen zu fördern, Unternehmensgewinne zu erhöhen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts USA zu verbessern.

2.2 Handelsbeziehungen und Reziprozität

Die Handelspolitik orientierte sich an einem bilateralen Verständnis wirtschaftlicher Beziehungen. Dabei wurde das Konzept des sogenannten reziproken Freihandels betont, nach dem die Vereinigten Staaten von ihren Handelspartnern vergleichbare Marktöffnungen und Wettbewerbsbedingungen einfordern sollten.

Handelsdefizite wurden in diesem Zusammenhang als potenzieller Hinweis auf strukturelle Ungleichgewichte interpretiert, was zu einer kritischen Neubewertung bestehender Handelsabkommen führte.

2.3 Rückverlagerung industrieller Produktionskapazitäten

Ein weiteres Ziel bestand in der Verringerung externer Abhängigkeiten durch die Rückverlagerung strategisch relevanter Produktionsketten („Reshoring“). Besondere Bedeutung wurde dabei folgenden Bereichen beigemessen:

  • Halbleitertechnologie,
  • pharmazeutische Wirkstoffe,
  • sicherheitsrelevante Industrieprodukte.

Diese Maßnahmen sollten die Resilienz nationaler Lieferketten erhöhen und die Verwundbarkeit gegenüber geopolitischen Risiken, insbesondere im Verhältnis zu China, reduzieren.

3. Handelspolitik als strategisches Instrument

Die Strategie sah den gezielten Einsatz handelspolitischer Maßnahmen als Verhandlungsinstrument vor. Dazu zählten insbesondere:

  • die Einführung von Zöllen auf ausgewählte Importgüter,
  • die Androhung weiterer Handelsrestriktionen,
  • die Nutzung wirtschaftlicher Abhängigkeiten zur Durchsetzung politischer Zugeständnisse.

Diese Vorgehensweise zielte darauf ab, bestehende Abkommen neu zu verhandeln und kurzfristige Anpassungen der Handelsbedingungen zu erzwingen. Gleichzeitig markierte sie eine Abkehr vom multilateralen Streitbeilegungssystem der Welthandelsorganisation.

4. Nationale Sicherheit und geopolitische Dimension

4.1 Erweiterter Sicherheitsbegriff

Im Rahmen von „America First“ wurde nationale Sicherheit nicht ausschließlich militärisch definiert, sondern auf wirtschaftliche, technologische und infrastrukturelle Faktoren ausgeweitet. Dazu zählten insbesondere:

  • Kontrolle über kritische Technologien,
  • Zugang zu strategischen Rohstoffen,
  • Sicherheit globaler Transport- und Lieferketten.

4.2 Regionale Prioritäten

Besondere Aufmerksamkeit galt der westlichen Hemisphäre, die als geopolitisch sensibler Raum betrachtet wurde. Ziel war es, den wachsenden Einfluss externer Akteure – insbesondere Chinas und Russlands – in unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten zu begrenzen.

4.3 Arktis und Grönland

Im sicherheitspolitischen Diskurs gewann die Arktis aufgrund neuer Schifffahrtsrouten, militärischer Frühwarnsysteme und rohstoffpolitischer Interessen an Bedeutung. In diesem Zusammenhang wurde auch die strategische Relevanz Grönlands hervorgehoben, das bereits seit Jahrzehnten Teil der US-amerikanischen Sicherheitsarchitektur ist.

4.4 Bündnispolitik

Die Strategie betonte eine stärker transaktionale Auslegung von Bündnissen. Von Partnerstaaten, insbesondere innerhalb der NATO, wurde erwartet, einen höheren finanziellen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung zu leisten. Langjährige sicherheitspolitische Verpflichtungen sollten stärker an konkrete Gegenleistungen gekoppelt werden.

5. Energiepolitik und internationale Rolle der USA

Ein weiterer Bestandteil war die Förderung der inländischen Öl- und Gasproduktion mit dem Ziel einer weitgehenden Energieautarkie. Die Vereinigten Staaten sollten dadurch:

  • ihre Importabhängigkeit reduzieren,
  • ihre Rolle als globaler Energieexporteur ausbauen,
  • energiepolitische Instrumente in die Außenpolitik integrieren.

Insbesondere der Export von Flüssigerdgas (LNG) wurde als Möglichkeit betrachtet, Partnerstaaten bei der Diversifizierung ihrer Energieversorgung zu unterstützen.

6. Zielvorstellungen und politische Leitbilder

Im politischen Diskurs wurden verschiedene langfristige Zielvorstellungen formuliert, darunter:

PolitikfeldAngestrebte Zielrichtung
IndustriepolitikStärkung der US-Position in strategischen Hochtechnologiesektoren
WirtschaftswachstumErhöhung des langfristigen Wachstums durch Investitionen und Deregulierung
AußenpolitikAusrichtung internationaler Ordnungsstrukturen stärker an US-Interessen

Diese Zielsetzungen bildeten primär politische Orientierungsgrößen und waren nicht in allen Fällen durch konkrete Umsetzungsprogramme oder verbindliche Zeitpläne hinterlegt.

7. Gesamtbewertung aus analytischer Perspektive

Die „America-First“-Strategie stellt einen paradigmatischen Bruch mit der bisherigen US-Außen- und Wirtschaftspolitik dar. Sie ersetzt kooperative Ordnungsmodelle durch ein macht- und interessengeleitetes Politikverständnis, in dem nationale Handlungsfreiheit Vorrang vor institutioneller Bindung besitzt.

Während Befürworter in diesem Ansatz eine notwendige Anpassung an veränderte globale Machtverhältnisse sehen, weisen Kritiker auf mögliche Risiken hin, darunter:

  • die Schwächung multilateraler Institutionen,
  • erhöhte Handelskonflikte,
  • langfristige Belastungen transatlantischer Bündnisse,
  • begrenzte empirische Wirksamkeit einzelner Maßnahmen.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist „America First“ daher weniger als konsistente Grand Strategy zu verstehen, sondern vielmehr als politischer Orientierungsrahmen, der wirtschaftliche, sicherheitspolitische und außenpolitische Handlungsfelder unter dem Primat nationaler Interessen zusammenführt.

Kontinuität mit Nuancen, keine fundamentale Neuausrichtung

  • Die America-First-Strategie ist seit 2025 nicht grundlegend neu erfunden worden. Die zentralen Elemente – Priorisierung nationaler Interessen, ökonomische Souveränität, straffe Kontrolle über Engagements – sind weiterhin erkennbar.
  • Allerdings hat sich die operative Ausgestaltung verschoben, besonders im militärischen Bereich, in den Beziehungen zu traditionellen Partnern und durch die verstärkte Anwendung von protektionistischen und außenpolitischen Maßnahmen.
  • Diese Veränderungen stehen nicht im Widerspruch zum America-First-Grundprinzip, sondern sind eher Ausdruck einer tieferen, aggressiveren oder breiter angewandten Version dieses Ansatzes.

Kurz gesagt:
Es gibt keine neue strategische Doktrin, sondern eher eine Weiterentwicklung und Intensivierung bestehender America-First-Grundsätze in der Politik der zweiten Amtszeit.


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