Arbeitsmarkt zu Jahresbeginn 2026: Saisonale Stabilität bei wachsenden strukturellen Problemen

Monatsberichts zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt – Januar 2026
(Bundesagentur für Arbeit)

1. Überblick

Der Monatsbericht zeichnet das Bild eines arbeitsmarktlich stabilen, aber konjunkturell geschwächten Jahresbeginns 2026. Die wirtschaftliche Stagnation aus 2025 wirkt fort. Zwar steigt die Arbeitslosigkeit im Januar deutlich an, dies ist jedoch überwiegend saisonal bedingt. Strukturelle Probleme nehmen jedoch sichtbar zu: schwache Arbeitskräftenachfrage, sinkende Vollzeitbeschäftigung, zunehmende Langzeitarbeitslosigkeit und ein sich zuspitzendes Ungleichgewicht auf dem Ausbildungsmarkt.

2. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Zentrale Befunde

  • BIP-Wachstum 2025: +0,2 % (sehr schwach).
  • Außenhandel: Exporte −0,3 %, Importe +3,6 %.
  • Investitionen: insgesamt +3,0 %, jedoch Rückgänge bei Ausrüstungs- und Bauinvestitionen.
  • Konsum: leicht positiv, trotz gestiegener Reallöhne weiterhin hohe Sparneigung.
  • Inflation: durchschnittlich 2,2 %.

Bewertung

Die Wirtschaft zeigt keine Rezession, aber eine anhaltende Seitwärtsbewegung. Besonders problematisch ist, dass selbst positive Impulse (sinkende Zinsen, staatliche Investitionsanreize) keine durchgreifende Dynamik entfalten. Die Industrie bleibt geschwächt, während Dienstleistungsbereiche das Niveau nur stabilisieren, nicht ausweiten.

3. Beschäftigungsentwicklung

Erwerbstätigkeit

  • Dezember 2025: −6.000 Erwerbstätige (saisonbereinigt).
  • Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung: −5.000 (November).

Strukturverschiebungen

  • Teilzeitbeschäftigung wächst weiter, Vollzeitbeschäftigung sinkt:
    • Teilzeit: +117.000 (+1,1 %)
    • Vollzeit: −133.000 (−0,5 %)
  • Selbständigkeit rückläufig (−27.000 zum Vorjahr).
  • Geringfügige Beschäftigung im Hauptjob nimmt ab, im Nebenjob zu.

Branchenentwicklung

  • Starke Rückgänge:
    • Verarbeitendes Gewerbe (−167.000)
    • Arbeitnehmerüberlassung
    • Bau, Handel, IT
  • Zuwächse fast ausschließlich in staatsnahen Bereichen:
    • Pflege und Soziales (+76.000)
    • Gesundheitswesen (+68.000)
    • Öffentliche Verwaltung

Kritische Einordnung

Der Beschäftigungsaufbau erfolgt nicht mehr marktwirtschaftlich, sondern überwiegend staatlich getragen. Das deutet auf eine strukturelle Schwäche der privaten Wirtschaft hin. Der Rückgang der Vollzeitstellen verschärft zudem langfristig Probleme bei Einkommen, Fachkräftesicherung und Sozialfinanzierung.

4. Kurzarbeit

  • November 2025:
    • 204.000 Kurzarbeitende
    • 0,6 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten
  • Deutlich unter Vorjahresniveau, aber über dem Vorkrisenniveau von 2019.

Bewertung

Kurzarbeit wirkt weiterhin als Stabilisierungsinstrument, ist aber kein Konjunkturimpuls. Sie verdeckt teilweise Beschäftigungsrisiken, ohne neue Dynamik zu schaffen.

5. Arbeitskräftenachfrage

Gemeldete Stellen

  • Bestand Januar 2026: 598.000 Stellen
  • −34.000 (−5 %) gegenüber Vorjahr.
  • BA-Stellenindex (BA-X): 100 Punkte
    38 Punkte unter dem Allzeithoch von 2022.

Gesamtwirtschaftliches Stellenangebot

  • 1,03 Mio Stellen (Q3 2025)
  • −19 % gegenüber Vorjahr.

Zentrale Problematik

  • Hohe Vakanzzeiten (durchschnittlich 166 Tage).
  • Gleichzeitige Arbeitslosigkeit und Fachkräfteengpässe.

Kritische Würdigung

Es besteht kein genereller Arbeitskräftemangel, sondern ein massives Passungsproblem:

  • regional,
  • qualifikatorisch,
  • beruflich.

Dies verweist auf Defizite in Weiterbildung, Mobilität und Berufsorientierung.

6. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung

Aktuelle Zahlen (Januar 2026)

  • Arbeitslose: 3,085 Mio
    (+177.000 gegenüber Dezember)
  • Arbeitslosenquote: 6,6 % (saisonbereinigt 6,3 %)
  • Unterbeschäftigung: 3,705 Mio

Entwicklung

  • Saisonbereinigt nahezu stabil.
  • Anstieg im Vorjahresvergleich: +92.000 Arbeitslose.

Rechtskreise

  • SGB III (Arbeitslosenversicherung):
    • +100.000 Arbeitslose (+9 %)
  • SGB II (Bürgergeld):
    • −8.000 Arbeitslose (−0,4 %)

→ Der Anstieg ist klar konjunkturell getrieben.

7. Langzeitarbeitslosigkeit

  • 1,073 Mio Personen
  • Anteil: 34,8 % aller Arbeitslosen
  • +56.000 gegenüber Vorjahr.

Bewertung

Der Zuwachs zeigt, dass die geringen Abgangschancen in Beschäftigung zunehmend verfestigte Arbeitslosigkeit erzeugen. Besonders kritisch ist die Situation im SGB-II-Bereich, wo über die Hälfte der Arbeitslosen langzeitarbeitslos ist.

8. Dynamik des Arbeitsmarktes

  • Zugangsrisiko aus Beschäftigung:
    • 0,60 % pro Monat (historisch niedrig, aber steigend).
  • Abgangschance in Beschäftigung:
    • 5,66 % → einer der niedrigsten Werte seit Beginn der Messung.

Interpretation

Nicht steigende Entlassungen, sondern fehlende Neueinstellungen sind das Hauptproblem. Der Arbeitsmarkt ist damit weniger krisenhaft als vielmehr blockiert.

9. Ausbildungsmarkt

Nachvermittlungszeitraum 2025

  • Weniger gemeldete Ausbildungsstellen.
  • Mehr Bewerberinnen und Bewerber.
  • Deutlich steigende Zahl unversorgter Jugendlicher.

Neues Beratungsjahr 2025/26

  • Ausbildungsstellenmeldungen erneut stark rückläufig.
  • Bewerberzahlen leicht steigend.

Kritische Bewertung

Der Ausbildungsmarkt kippt erneut zugunsten der Betriebe:

  • Angebotsrückgang,
  • steigender Konkurrenzdruck für Jugendliche,
  • wachsendes Risiko von Übergangssystemen und Bildungsabbrüchen.

Dies widerspricht der häufig behaupteten „Bewerberknappheit“ und verweist auf regionale, qualitative und betriebliche Angebotsdefizite.

10. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen

  • 691.000 Teilnehmende im Januar 2026.
  • Aktivierungsquote: 14,9 % (unter Vorjahr).
  • Rückgang insbesondere bei:
    • Sprach- und Integrationskursen,
    • Weiterbildungsmaßnahmen.

Einordnung

Trotz wachsender struktureller Probleme wird der arbeitsmarktpolitische Instrumenteneinsatz eher zurückgefahren. Dies schwächt langfristig die Integrationsfähigkeit des Arbeitsmarktes.

11. Gesamtbewertung

Positive Aspekte

  • Keine akute Arbeitsmarktkrise.
  • Internationale Vergleichswerte weiterhin günstig.
  • Kurzarbeit stabilisiert Beschäftigung.

Problematische Entwicklungen

  • Dauerhafte Konjunkturschwäche.
  • Rückgang von Vollzeit- und Industriebeschäftigung.
  • Historisch niedrige Vermittlungschancen.
  • Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit.
  • Einbrechender Ausbildungsstellenmarkt.
  • Wachsende strukturelle Passungsprobleme.

Gesamturteil

Der Arbeitsmarkt befindet sich nicht im Absturz, aber in einer strukturellen Erosion. Die Risiken liegen weniger im kurzfristigen Beschäftigungsabbau als in:

  • nachlassender Dynamik,
  • verfestigter Arbeitslosigkeit,
  • wachsender Abhängigkeit von staatlichen Sektoren,
  • unzureichender Qualifizierungsstrategie.

Ohne konjunkturelle Belebung und eine aktivere Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik droht eine schleichende Verschlechterung, die sich erst zeitverzögert in deutlich höheren Arbeitslosenzahlen niederschlagen würde.


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