Bewer­ben im Algo­rith­mus: Wie Appli­cant Track­ing Sys­tems den Arbeits­markt ver­än­dern

Der ers­te Leser einer Bewer­bung ist heu­te oft kein Mensch mehr. In vie­len Unter­neh­men ent­schei­det zunächst eine Soft­ware dar­über, ob ein Lebens­lauf über­haupt auf dem Bild­schirm eines Recrui­ters erscheint. Die­se Pro­gram­me hei­ßen Appli­cant Track­ing Sys­tems (ATS) – und sie haben den Bewer­bungs­pro­zess grund­le­gend ver­än­dert.

Für Bewer­ber ist das eine stil­le, aber ent­schei­den­de Ver­schie­bung. Wer den Mecha­nis­mus die­ser Sys­te­me ver­steht, kann sei­ne Chan­cen erheb­lich ver­bes­sern. Wer ihn igno­riert, läuft Gefahr, trotz guter Qua­li­fi­ka­ti­on gar nicht erst wahr­ge­nom­men zu wer­den.

Der stil­le Gate­kee­per im Recrui­ting

Appli­cant Track­ing Sys­tems sind Soft­ware­platt­for­men, die Unter­neh­men nut­zen, um Bewer­bun­gen zu sam­meln, zu struk­tu­rie­ren und vor­zu­sor­tie­ren. Der Hin­ter­grund ist ein­fach: Auf vie­le Stel­len­an­zei­gen gehen heu­te hun­der­te Bewer­bun­gen ein. Beson­ders durch „One-Click-Bewer­bun­gen“ auf Platt­for­men wie Lin­ke­dIn oder Inde­ed ist die Ein­tritts­schwel­le extrem nied­rig gewor­den.

Für Per­so­nal­ab­tei­lun­gen bedeu­tet das ein Ska­lie­rungs­pro­blem. Ein Recrui­ter kann rea­lis­tisch nur eine begrenz­te Anzahl von Lebens­läu­fen lesen. ATS-Sys­te­me lösen die­ses Pro­blem, indem sie Bewer­bun­gen zunächst auto­ma­tisch ana­ly­sie­ren und bewer­ten.

Das Ergeb­nis ist eine Rang­lis­te von Kan­di­da­ten, die den Anfor­de­run­gen einer Stel­le algo­rith­misch am nächs­ten kom­men.

Wie ATS tech­nisch arbei­ten

Im Kern funk­tio­nie­ren ATS-Sys­te­me wie eine Fil­ter­pipe­line für Infor­ma­tio­nen. Ein Lebens­lauf wird zunächst in Text umge­wan­delt und anschlie­ßend ana­ly­siert.

Die Soft­ware iden­ti­fi­ziert dabei zen­tra­le Ele­men­te wie:

  • Berufs­er­fah­rung
  • Aus­bil­dung
  • Fach­kennt­nis­se (Skills)
  • ver­wen­de­te Tech­no­lo­gien
  • Zeit­räu­me der Tätig­keit

Anschlie­ßend wird der Lebens­lauf mit der Stel­len­be­schrei­bung abge­gli­chen. Beson­ders rele­vant sind dabei soge­nann­te Key­words – also Schlüs­sel­be­grif­fe, die typi­sche Fähig­kei­ten oder Anfor­de­run­gen beschrei­ben.

Wenn eine Stel­le bei­spiels­wei­se „Pro­ject Manage­ment“, „SQL“ oder „Python“ ver­langt, prüft das Sys­tem, ob die­se Begrif­fe im Lebens­lauf vor­kom­men. Je mehr Über­ein­stim­mun­gen vor­han­den sind, des­to höher fällt der soge­nann­te Match Score aus.

Moder­ne Sys­te­me gehen inzwi­schen einen Schritt wei­ter. Sie nut­zen Ver­fah­ren aus dem Natu­ral Lan­guage Pro­ces­sing (NLP), um Zusam­men­hän­ge zwi­schen Begrif­fen zu erken­nen. So kann bei­spiels­wei­se „Data Ana­ly­sis“ als ver­wand­tes Kon­zept zu „Sta­tis­ti­cal Model­ling“ inter­pre­tiert wer­den.

Trotz die­ser Fort­schrit­te bleibt die Grund­lo­gik rela­tiv ein­fach: Das Sys­tem ver­sucht zu mes­sen, wie stark ein Pro­fil zur aus­ge­schrie­be­nen Posi­ti­on passt.

Effi­zi­enz­ge­winn für Unter­neh­men – neue Hür­den für Bewer­ber

Für Unter­neh­men sind ATS-Sys­te­me vor allem ein Effi­zi­enz­werk­zeug. Sie redu­zie­ren den Auf­wand im Recrui­ting erheb­lich und ermög­li­chen es, gro­ße Bewer­ber­zah­len zu bewäl­ti­gen.

Aus Sicht der Bewer­ber ent­steht jedoch eine neue Rea­li­tät: Der Wett­be­werb beginnt nicht mehr im Gespräch mit einem Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen, son­dern im algo­rith­mi­schen Scree­ning.

Das hat zwei Kon­se­quen­zen.

Ers­tens wird der Lebens­lauf stär­ker zu einem tech­ni­schen Doku­ment. Krea­ti­ve Lay­outs, kom­ple­xe Gra­fi­ken oder unge­wöhn­li­che For­ma­te kön­nen die Tex­terken­nung der Sys­te­me erschwe­ren. Ein Lebens­lauf muss daher nicht nur für Men­schen, son­dern auch für Maschi­nen les­bar sein.

Zwei­tens gewinnt die prä­zi­se For­mu­lie­rung von Fähig­kei­ten an Bedeu­tung. Wer bei­spiels­wei­se „Daten­pro­jek­te gelei­tet“ schreibt, wäh­rend in der Stel­len­an­zei­ge „Pro­ject Manage­ment“ gefor­dert wird, könn­te algo­rith­misch schlech­ter bewer­tet wer­den – obwohl die Tätig­keit inhalt­lich iden­tisch ist.

War­um der Lebens­lauf stra­te­gi­scher wird

Für Bewer­ber bedeu­tet die­se Ent­wick­lung vor allem eines: Der Lebens­lauf wird zu einem stra­te­gi­schen Instru­ment.

Ähn­lich wie Inves­to­ren ihre Port­fo­li­os an Markt­be­din­gun­gen anpas­sen, müs­sen Kan­di­da­ten ihre Bewer­bungs­un­ter­la­gen an die Logik der Recrui­ting-Algo­rith­men anpas­sen. Dazu gehört:

  • die Spra­che der Stel­len­an­zei­ge zu spie­geln
  • rele­van­te Fach­be­grif­fe klar zu nen­nen
  • Erfah­run­gen mess­bar zu machen

Ein Satz wie „ver­ant­wort­lich für Pro­jek­te“ sagt wenig aus. Deut­lich stär­ker wirkt eine For­mu­lie­rung wie: „Lei­tung eines acht­köp­fi­gen Teams zur Ein­füh­rung eines ERP-Sys­tems; Pro­jekt­lauf­zeit um 20 % redu­ziert.“

Sol­che Anga­ben erhö­hen sowohl die algo­rith­mi­sche Bewer­tung als auch die Über­zeu­gungs­kraft beim mensch­li­chen Leser.

Die grö­ße­re Ent­wick­lung im Arbeits­markt

ATS-Sys­te­me sind kein kurz­fris­ti­ger Trend. Sie sind Teil einer brei­te­ren Ent­wick­lung, bei der Daten­ana­ly­se und Auto­ma­ti­sie­rung immer stär­ker in Per­so­nal­ent­schei­dun­gen ein­flie­ßen.

Für Unter­neh­men ent­steht dadurch ein struk­tu­rier­te­rer Recrui­tin­g­pro­zess. Für Bewer­ber bedeu­tet es jedoch auch, dass Kar­rie­re­ent­schei­dun­gen zuneh­mend durch algo­rith­mi­sche Vor­se­lek­ti­on beein­flusst wer­den.

Lang­fris­tig könn­te sich dadurch sogar die Form von Bewer­bun­gen ver­än­dern. Digi­ta­le Kom­pe­tenz­pro­fi­le, Port­fo­lio-Platt­for­men oder auto­ma­ti­sier­te Skill-Daten­ban­ken könn­ten klas­si­sche Lebens­läu­fe teil­wei­se erset­zen.

Fazit

Appli­cant Track­ing Sys­tems sind zum unsicht­ba­ren Gate­kee­per des moder­nen Arbeits­markts gewor­den. Sie ent­schei­den häu­fig dar­über, wel­che Kan­di­da­ten über­haupt eine Chan­ce auf ein Gespräch erhal­ten.

Für Bewer­ber bedeu­tet das nicht, dass Maschi­nen über Kar­rie­ren ent­schei­den. Aber es bedeu­tet, dass erfolg­rei­che Bewer­bun­gen heu­te zwei Adres­sa­ten haben: den Algo­rith­mus – und den Men­schen dahin­ter.

Wer bei­de ver­steht, ver­schafft sich einen ent­schei­den­den Vor­teil.


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