Am 2. April 2025 wurde in der Bundespressekonferenz die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2024 vorgestellt. Bundesinnenministerin Nancy Faeser, BKA-Präsident Holger Münch sowie der Bremer Innensenator und IMK-Vorsitzende Ulrich Mäurer äußerten sich ausführlich zur Kriminalitätslage in Deutschland.
Wesentliche Entwicklungen der Kriminalität 2024
- Gesamtzahl der Straftaten: Rund 5,84 Mio. registrierte Straftaten, ein Rückgang von –1,7 % gegenüber 2023. Dieser Rückgang ist jedoch im Wesentlichen auf die Teillegalisierung von Cannabis zurückzuführen. Ohne Drogendelikte bliebe das Niveau etwa stabil.
- Gewaltkriminalität: Deutlicher Anstieg um +1,5 % auf ca. 217 000 Fälle – etwa 600 Gewalttaten pro Tag, darunter Vergewaltigung, Raub, schwere Körperverletzung und Tötungsdelikte.
- Tatverdächtige Kinder und Jugendliche:
- Kinder: +11,3 % bei Gewaltkriminalität
- Jugendliche: +3,8 %
- Rückgang aller tatverdächtigen Kinder um –2,3 %, Jugendliche –7 % insgesamt
- Messerkriminalität: Über 15 000 Fälle, rund 7,2 % aller Gewaltdelikte. Bundesweite Regelungen verbieten Messer bei Veranstaltungen, im ÖPNV und an kriminalitätsbelasteten Orten.
Sexualdelikte und Gewalt gegen Frauen
- Anstieg bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Übergriffen um +9,3 %.
- Fast die Hälfte aller Tötungsopfer sind Frauen, die Täter sind überwiegend Männer.
- Zunahme auch bei Stalking (+31 % seit 2019) und anderen geschlechtsspezifischen Delikten.
- Einführung des Gewalthilfegesetzes: Erstmals Anspruch auf Schutz, Beratung und Rechtsbeistand für betroffene Frauen.
- Forderung nach flächendeckender Einführung von elektronischen Fußfesseln für Täter.
Kinder- und Jugendkriminalität
- Psychische Belastungen nach der Corona-Pandemie gelten als ein zentraler Erklärungsfaktor.
- Zunahme von gewaltlegitimierenden Einstellungen („ein richtiger Mann schlägt zu“) in Teilen der Jugendlichen.
- Präventive Maßnahmen wie flächendeckende Schulsozialarbeit und zielgerichtete Unterstützung besonders belasteter Altersgruppen gefordert.
- Digitale Gewalt und Verrohung im Netz werden als wachsendes Problem gesehen.
Tatverdächtige ohne deutsche Staatsangehörigkeit
- Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger (ohne ausländerrechtliche Verstöße): über ein Drittel.
- Bei Gewaltkriminalität: Anteil teils über 40 %, z. B. bei Raub: 49 %.
- Neue Methodik: Nur Tatverdächtige mit Wohnsitz in Deutschland ab 8 Jahren werden für Belastungsziffern berücksichtigt.
- Belastungsziffer* 2024:
- Rückgang bei Deutschen: –3,8 %
- Rückgang bei Nichtdeutschen: –4,7 %
- Aber: Bei Gewaltkriminalität Anstieg der Belastungsziffer bei Nichtdeutschen um +1,5 % (Deutsche: +0,6 %).
- Erklärung: Überrepräsentation junger Männer, prekäre Lebensverhältnisse, höhere Anzeigenbereitschaft bei Tätern mit Migrationshintergrund.
- Politische Konsequenz: Beschleunigung von Abschiebungen, Gesetzesverschärfungen, Grenzkontrollen.
Cyberkriminalität und Auslandstaten
- 642 000 Auslandstaten, meist Online-Betrug und Cybercrime – Aufklärungsquote nur 5,4 %.
- Cyberkriminalität Inland: –2 %
- Cyberkriminalität Ausland: +6 %
- Strategischer Fokus künftig auf Bekämpfung von Täterstrukturen (z. B. Callcenter-Betrug) und verstärkte Prävention.
- Jugendpornografie: Massive Zunahme durch Verbreitung über soziale Medien. Viele Fälle mit selbstproduziertem Material. Polizei fordert rechtliche Klarstellung und mehr Präventionsarbeit („Don’t send it“-Kampagne).
Sicherheitsgefühl und Maßnahmen
- Sinkendes Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung (41 % sehen Verschlechterung).
- Maßnahmen:
- Sichtbare Polizeipräsenz (z. B. „Quadratstreifen“)
- Messerverbotszonen mit anlasslosen Kontrollen
- Mehr Personal für Bundespolizei (jährlich 1 000 neue Stellen)
- Schutzräume wie Frauenhäuser
- Rechtsstaatspakt zur Beschleunigung von Strafverfahren
Schlussfolgerungen
- Migration, Digitalisierung und Gewaltkriminalität bleiben zentrale Herausforderungen.
- Nulltoleranz-Politik bei Gewalt betont, insbesondere gegen Polizei und Rettungskräfte (täglich über 300 Angriffe).
- Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen erforderlich für wirksame Kriminalitätsbekämpfung.
- Forderung nach schnellerer Justiz und konsequenter Rückführung von Straftätern ohne Aufenthaltsrecht.
- Keine Pauschalisierung von Migranten – Fokus auf auffällige Gruppen, Ursachenanalyse und differenzierte politische Reaktion.
*Die Belastungsziffer (BZ) ist ein kriminalstatistischer Kennwert, der angibt, wie viele tatverdächtige Personen auf je 100 000 Einwohner einer bestimmten Bevölkerungsgruppe entfallen. Sie wird insbesondere verwendet, um die Kriminalitätsbelastung verschiedener Gruppen vergleichbar zu machen, zum Beispiel zwischen Deutschen und Nichtdeutschen oder zwischen verschiedenen Altersgruppen.
Formel:
[math]\text{Belastungsziffer} = \frac{\text{Anzahl der Tatverdächtigen einer Gruppe}}{\text{Bevölkerungszahl dieser Gruppe}} \times 100\,000[/math]
Beispielhafte Anwendung:
Wenn in einer Stadt 1 000 Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft als Tatverdächtige erfasst werden und dort 100 000 Nichtdeutsche leben:
[math]\frac{1\,000}{100\,000} \times 100\,000 = 1\,000[/math]
→ 1 000 Tatverdächtige pro 100 000 Nichtdeutsche
Zum Vergleich: Wenn unter 500 000 Deutschen 2 000 Tatverdächtige erfasst werden:
[math]\frac{2\,000}{500\,000} \times 100\,000 = 400[/math]
→ 400 Tatverdächtige pro 100 000 Deutsche
Ergebnis: In diesem Beispiel ist die Belastungsziffer bei Nichtdeutschen mehr als doppelt so hoch wie bei Deutschen. Das sagt nicht automatisch etwas über individuelle „Kriminalität“ aus, aber es zeigt eine statistisch höhere Auffälligkeit.
Warum ist das wichtig?
Die bloße Anzahl der Tatverdächtigen sagt wenig aus, wenn Bevölkerungsgruppen unterschiedlich groß sind. Erst mit der Belastungsziffer kann man sagen:
„Wie häufig treten Straftaten relativ zur Bevölkerungsgröße einer bestimmten Gruppe auf?“
Kritische Einordnung:
- Belastungsziffern zeigen Auffälligkeit, aber keine Kausalität: Höhere Zahlen bei bestimmten Gruppen bedeuten nicht zwangsläufig, dass diese „krimineller“ sind. Die BZ bildet nur das Hellfeld ab – also angezeigte und polizeilich erfasste Delikte.
- Risikofaktoren spielen eine große Rolle: Armut, fehlende Perspektiven, psychische Belastungen, Herkunftsländer mit Kriegserfahrungen, unklare Aufenthaltsperspektive etc.
- Anzeigebereitschaft und Vorurteile beeinflussen die Zahlen: Studien zeigen, dass Täter mit Migrationshintergrund häufiger angezeigt werden als deutsche Täter bei vergleichbaren Delikten.
- Auch die Polizeipraxis beeinflusst die Erfassungswahrscheinlichkeit (z. B. mehr Kontrollen bestimmter Gruppen).