Die Core-Satellite-Strategie mit ETFs ist ein Portfoliokonzept, das Stabilität (Core) mit gezielten Renditechancen (Satellites) kombiniert. Ziel ist es, den Großteil des Vermögens breit, kostengünstig und passiv anzulegen und kleinere Teile aktiv bzw. thematisch auszurichten, um Mehrertrag oder Risikosteuerung zu erreichen.
1. Grundidee und Aufbau
1.1 Core (Kern)
- Anteil: typischerweise 60–80 % des Portfolios
- Inhalt: breit gestreute, kostengünstige ETFs (z. B. MSCI World, ACWI, FTSE All-World, Aggregate Bond)
- Ziel:
- Marktrendite (Beta) zuverlässig abbilden
- Hohe Diversifikation
- Niedrige Kosten
- Geringer Wartungsaufwand
Der Core ist das „Rückgrat“ des Portfolios. Er soll langfristig stabil wachsen und größere Fehlentscheidungen abfedern.
1.2 Satellites (Beigaben)
- Anteil: typischerweise 20–40 % (oft auch weniger)
- Inhalt: gezielte Schwerpunkte, z. B.
- Regionen: Emerging Markets, Europa, USA Small Caps
- Faktoren: Value, Quality, Momentum, Minimum Volatility
- Themen: Technologie, KI, Clean Energy, Healthcare
- Assetklassen: REITs, Gold, Rohstoffe
- Ziel:
- Überrendite (Alpha)
- Risikostreuung
- taktische oder strategische Akzente
Die Satellites sind bewusst aktiver, spekulativer oder spezialisierter.
2. Typisches Beispiel
Angenommen, ein Anleger investiert 100.000 €:
Core (70 %)
- 50 % FTSE All-World ETF
- 20 % Globaler Anleihen-ETF
Satellites (30 %)
- 10 % Emerging Markets ETF
- 10 % Technologie-ETF
- 5 % Small-Cap ETF
- 5 % Gold-ETF
Der Core liefert die Basisrendite, die Satellites setzen gezielte Wetten.
3. Vorteile der Core-Satellite-Strategie
3.1 Strukturierte Balance
Man verbindet Disziplin (passiver Kern) mit Flexibilität (aktive Satelliten).
3.2 Kostenkontrolle
Der größte Teil liegt in günstigen ETFs → Gesamtkosten bleiben niedrig, auch wenn Satellites teurer sind.
3.3 Psychologischer Nutzen
Viele Anleger möchten „mehr tun“ als nur einen Welt-ETF halten. Satellites geben Spielraum, ohne das Gesamtportfolio zu gefährden.
3.4 Risikosteuerung
Durch gezielte Beimischungen (z. B. Gold, Minimum-Volatility) kann das Risiko angepasst werden.
4. Kritische Betrachtung und Risiken
4.1 Gefahr der Überoptimierung
Viele Anleger überschätzen ihre Fähigkeit, die „richtigen“ Satelliten zu wählen.
In der Praxis führen thematische ETFs oft nicht dauerhaft zu Überrendite.
4.2 Verwässerung der Einfachheit
Ein großer Vorteil von ETFs ist Einfachheit. Zu viele Satellites:
- erhöhen Komplexität
- erschweren Rebalancing
- steigern Fehleranfälligkeit
4.3 Performance-Illusion
Rückblickend sieht es leicht aus, die „Gewinner-Themen“ zu identifizieren. Ex ante ist das extrem schwierig.
Beispiel: Viele Trendthemen erleben zunächst Übertreibungen und anschließend lange Durststrecken.
4.4 Kostenfalle
Themen-ETFs und Faktor-ETFs sind oft deutlich teurer. Wenn sie keinen Mehrwert liefern, schmälern sie die Rendite.
4.5 Disziplinproblem
Satellites verleiten zum häufigen Umschichten („Performance-Jagd“). Das widerspricht dem langfristigen Ansatz.
5. Für wen ist die Strategie sinnvoll?
Geeignet für:
- Anleger mit solider Grundkenntnis
- Personen, die Spaß an Marktbeobachtung haben, aber dennoch ein stabiles Fundament wollen
- Investoren, die bewusst begrenzte Risiken eingehen möchten
Weniger geeignet für:
- Einsteiger, die noch keine klare Strategie haben
- Personen, die zu impulsivem Handeln neigen
- Anleger, die maximale Einfachheit wollen (für diese reicht oft 1–2 ETFs)
6. Wichtige Regeln für die Praxis
- Core zuerst festlegen.
Der Kern darf nicht von Satellites „untergraben“ werden. - Satellites begrenzen.
Wenn ein Satellite scheitert, darf das Gesamtportfolio nicht leiden. - Klare Begründung je Satellite.
„Weil es gerade im Trend ist“ ist keine valide Strategie. - Regelmäßiges Rebalancing.
Sonst übernehmen einzelne Satellites ungewollt die Kontrolle. - Langfristiger Horizont.
Satellites brauchen Zeit – oder sie werden konsequent wieder entfernt.
7. Einordnung: Braucht man das überhaupt?
Kritisch betrachtet gilt:
Ein einziger weltweiter Aktien-ETF plus ggf. Anleihen liefert bereits:
- hohe Diversifikation
- sehr gute Rendite-Risiko-Relation
- minimale Komplexität
Die Core-Satellite-Strategie ist keine Notwendigkeit, sondern ein Gestaltungsinstrument. Sie kann Mehrwert bringen – oder auch einfach nur Aktivität simulieren.
8. Kurzfazit
Die Core-Satellite-Strategie mit ETFs:
- kombiniert stabilen, passiven Kern mit gezielten, aktiven Beimischungen
- kann Renditechancen und Individualisierung ermöglichen
- erhöht aber Komplexität, Fehleranfälligkeit und Disziplinanforderungen
Sie ist sinnvoll, wenn sie bewusst, begrenzt und systematisch eingesetzt wird – nicht, um Trends hinterherzulaufen, sondern um eine klare Überzeugung umzusetzen.
