Die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS am 19. März 2023 markierte das Ende einer 167-jährigen Bankeninstitution und stellt einen Wendepunkt für den Schweizer Finanzplatz dar. Zwei Jahre nach dem Schock ist die Aufarbeitung in vollem Gange. Der Untergang der CS war keine plötzliche Katastrophe, sondern das Ergebnis struktureller Schwächen, mangelhaften Risikomanagements und eines tiefgreifenden Vertrauensverlusts. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen über die Stabilität des Schweizer Bankensystems und die Rolle des Staates bei der Rettung systemrelevanter Finanzinstitute auf.
I. Ursachen: Wie konnte die Credit Suisse untergehen?
Die Ursachen für den Niedergang der Credit Suisse sind vielschichtig. Eine genaue Analyse zeigt, dass drei zentrale Faktoren maßgeblich zum Kollaps beitrugen:
- Strukturelle Schwächen im Geschäftsmodell
- Schlechte Governance und Fehlentscheidungen
- Verlust des Vertrauens und ein massiver Kapitalabfluss
1. Strukturelle Schwächen: Eine toxische Mischung aus Investmentbanking und Vermögensverwaltung
Historisch war die Credit Suisse als Unternehmerbank und Vermögensverwalterin erfolgreich. Doch mit der Übernahme von First Boston (1988) und Donaldson, Lufkin & Jenrette (2000) begann eine riskante Expansion ins angelsächsische Investmentbanking. Diese Geschäftsbereiche entwickelten sich nie zu einer harmonischen Einheit mit der traditionellen Vermögensverwaltung. Während Schweizer Kunden sichere Anlagestrategien bevorzugten, setzte die Investmentbank auf hochriskante Finanzgeschäfte – eine Strategie, die in Krisenzeiten besonders anfällig war.
Die Fehler lagen in der Annahme, dass die Investmentbank und das Wealth Management sich ergänzen könnten. In Wahrheit führten sie ein Doppel-Leben innerhalb der Bank: Während Vermögensverwaltung auf langfristige Kundenbeziehungen setzte, war das Investmentbanking von kurzfristigen Gewinnen, hohen Boni und spekulativen Deals geprägt.
2. Governance-Versagen: Von Boni, Skandalen und mangelndem Risikomanagement
Die Credit Suisse produzierte über Jahre hinweg eine Serie von Skandalen, die nicht nur Kapital, sondern vor allem Vertrauen kosteten:
- 2012-2022: 31 Milliarden Franken an Boni wurden ausgezahlt – während die Bank 33 Milliarden an Verlusten machte und 11 Milliarden an Strafen zahlen musste.
- 2021: Der Archegos-Skandal führte zu einem Verlust von über 5 Milliarden Franken, weil riskante Positionen nicht rechtzeitig geschlossen wurden.
- 2021: Der Greensill-Kollaps führte dazu, dass 10 Milliarden Franken Kundengelder eingefroren wurden.
- 2020: CEO Tidjane Thiam musste wegen einer Überwachungsaffäre gehen, nachdem bekannt wurde, dass ein Kadermitglied ausspioniert wurde.
Zudem hielt die CS an einer aggressiven Bonuskultur fest: Manager verdienten Millionen, während die Bank Milliarden verlor. Die Kontrollmechanismen versagten, und anstelle von Kurskorrekturen wurden Fehlentscheidungen durch hohe Ausschüttungen kaschiert.
3. Der finale Vertrauensverlust: Kapitalflucht und Social Media als Brandbeschleuniger
Im Oktober 2022 sorgte ein Tweet eines australischen Journalisten für Panik:
„Eine glaubwürdige Quelle sagt mir, dass eine große Investmentbank am Abgrund steht.“
Der Tweet wurde weltweit geteilt, und binnen weniger Tage zogen Kunden 90 Milliarden Franken von ihren Konten ab – eine Dimension, die in der Geschichte der Finanzmärkte einmalig ist.
Die Geschwindigkeit dieses Runs verdeutlicht eine neue Realität: Bank Runs finden heute nicht mehr physisch, sondern digital statt. Kunden müssen nicht mehr in einer Warteschlange stehen – sie können per Smartphone Milliardenbeträge transferieren. Dieser „digitale Sturm“ brachte die CS endgültig in eine Abwärtsspirale.
II. Reaktion der Behörden: Warum kam es zur UBS-Übernahme?
Als die Situation im März 2023 eskalierte, standen FINMA, Nationalbank und Bundesrat unter Druck. Die offizielle Darstellung betont, dass die Übernahme durch die UBS keine Rettung der CS, sondern eine Stabilisierung des Finanzplatzes war. Doch eine detaillierte Analyse zeigt, dass die Schweiz tatsächlich eine versteckte Bankenrettung durchgeführt hat.
1. Die Rolle der FINMA: Zu spät, zu zaghaft?
Die FINMA hatte bereits 2017 einen regulatorischen Filter genehmigt, der es der Credit Suisse erlaubte, Eigenkapitalprobleme zu verschleiern. Dadurch konnte die Bank nach außen hin solvent wirken, obwohl sie tatsächlich massiv unterkapitalisiert war.
Die PUK-Untersuchung stellte fest, dass die FINMA nicht frühzeitig eingegriffen hat, obwohl sie über Jahre hinweg über die kritische Lage informiert war. Ein Beispiel: Die Behörde hätte Berufsverbote gegen verantwortliche Manager aussprechen können – sie tat es jedoch nicht.
2. Das Dilemma der Too-Big-to-Fail-Regelung
Nach der UBS-Rettung 2008 wurde eine Too-Big-to-Fail-Regulierung eingeführt. Sie sah zwei Optionen vor:
- Sanierung der Bank: Das Schweizer Geschäft bleibt bestehen, das internationale Geschäft wird stabilisiert.
- Geordnete Insolvenz: Die systemkritischen Teile der Bank werden ausgegliedert, der Rest abgewickelt.
In der Praxis wurde jedoch keine dieser Optionen genutzt. Warum?
- Eine Sanierung wäre ein Experiment gewesen, das noch nie durchgeführt wurde.
- Eine Insolvenz hätte die internationalen Finanzmärkte verunsichert.
- Die Übernahme durch die UBS galt als der „geringste Schaden“.
Am 19. März 2023 fiel die Entscheidung: Die UBS übernimmt die CS für 3 Milliarden Franken – unterstützt durch 259 Milliarden Franken an Liquiditätshilfen und Garantien des Bundes und der Nationalbank.
III. Lehren für die Zukunft: Wie sicher ist die UBS?
Die Übernahme hat eine neue Realität geschaffen: Die Schweiz hat nur noch eine systemrelevante Großbank. Die UBS verwaltet über 6.000 Milliarden Franken – ein Volumen, das fast doppelt so groß ist wie das Schweizer Bruttoinlandsprodukt. Was passiert, wenn die UBS scheitert?
1. Das Eigenkapital-Dilemma: Wie viel ist genug?
Die UBS argumentiert, dass sie mit 14 % Eigenkapitalquote bereits solide aufgestellt ist. Kritiker fordern jedoch eine Verdopplung des Eigenkapitals, um eine erneute Bankenkrise zu verhindern.
Denn klar ist: Sollte die UBS in Schieflage geraten, könnte die Schweiz die Bank nicht mehr retten – es fehlt schlicht das Geld.
2. Braucht die Schweiz eine neue Bankenstrategie?
- Eine Aufspaltung der UBS? Die Idee wäre, das Geschäft in kleinere Einheiten zu zerteilen, um das Risiko zu minimieren.
- Ein neues Too-Big-to-Fail-Modell? Die Schweiz könnte sich an anderen Ländern orientieren und Teil-Verstaatlichungen als temporäre Lösung in Betracht ziehen.
- Mehr Regulierung? Höhere Kapitalanforderungen und striktere Kontrollen könnten langfristig Vertrauen schaffen.
Fazit: Eine ungelöste Systemkrise
Der Fall der Credit Suisse war mehr als nur das Versagen eines Unternehmens – er ist ein Symptom für eine tiefgreifende strukturelle Krise des Finanzplatzes. Die Schweiz steht nun vor einer zentralen Entscheidung: Soll sie weiterhin eine Weltbank beherbergen – oder ist das Risiko zu groß?
Eine Antwort darauf wird die nächste Krise geben. Denn eine Sache ist sicher: Sie kommt. Die Frage ist nur, wann.