Debat­te um CO₂-Beprei­sung: Kret­schmer for­dert Aus­set­zung – Bun­des­re­gie­rung hält am Emis­si­ons­han­del fest

Die Dis­kus­si­on über die Rol­le der CO₂-Beprei­sung in der euro­päi­schen Kli­ma­po­li­tik hat erneut an Dyna­mik gewon­nen. Der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer hat vor­ge­schla­gen, die CO₂-Beprei­sung vor­über­ge­hend aus­zu­set­zen oder zumin­dest grund­le­gend zu über­prü­fen. Ziel sei es, Unter­neh­men und Ver­brau­cher ange­sichts hoher Ener­gie­prei­se zu ent­las­ten und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Indus­trie zu sichern. Ver­tre­ter der Bun­des­re­gie­rung, dar­un­ter die Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Kathe­ri­na Rei­che, spre­chen sich hin­ge­gen klar gegen eine Aus­set­zung des Sys­tems aus und beto­nen des­sen zen­tra­le Bedeu­tung für die euro­päi­sche Kli­ma­po­li­tik.

Kret­schmers Vor­stoß: Ent­las­tung für Wirt­schaft und Ver­brau­cher

Kret­schmer begrün­det sei­nen Vor­schlag vor allem mit wirt­schafts­po­li­ti­schen Argu­men­ten. Der der­zei­ti­ge CO₂-Preis im euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del (EU-ETS) sowie im natio­na­len CO₂-Preis­sys­tem für Ver­kehr und Gebäu­de erhö­he die Kos­ten für Ener­gie und indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on erheb­lich. Ins­be­son­de­re ener­gie­in­ten­si­ve Bran­chen wie Che­mie, Stahl oder Grund­stoff­in­dus­trie stün­den dadurch unter zuneh­men­dem Wett­be­werbs­druck.

Der Minis­ter­prä­si­dent warnt, dass hohe CO₂-Kos­ten Inves­ti­tio­nen in Deutsch­land und Euro­pa erschwe­ren könn­ten. Unter­neh­men könn­ten ihre Pro­duk­ti­on ver­mehrt in Regio­nen mit weni­ger stren­gen Kli­ma­vor­ga­ben ver­la­gern. In die­sem Zusam­men­hang wird häu­fig das Risi­ko des soge­nann­ten „Car­bon Leaka­ge“ genannt – also der Ver­la­ge­rung von Emis­sio­nen und indus­tri­el­ler Wert­schöp­fung in ande­re Welt­re­gio­nen.

Vor die­sem Hin­ter­grund plä­diert Kret­schmer dafür, die CO₂-Beprei­sung zumin­dest tem­po­rär aus­zu­set­zen oder zu redu­zie­ren, bis sich die wirt­schaft­li­che Lage sta­bi­li­siert und aus­rei­chend kli­ma­freund­li­che Alter­na­ti­ven zur Ver­fü­gung ste­hen.

Bun­des­re­gie­rung hält am Emis­si­ons­han­del fest

Aus der Bun­des­re­gie­rung kommt hin­ge­gen deut­li­cher Wider­spruch. Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Kathe­ri­na Rei­che beton­te in einer Pres­se­kon­fe­renz, dass eine Aus­set­zung des Emis­si­ons­han­dels der­zeit nicht zur Debat­te ste­he. Der euro­päi­sche Emis­si­ons­han­del sei das wich­tigs­te markt­wirt­schaft­li­che Instru­ment der Kli­ma­po­li­tik und ein zen­tra­ler Bestand­teil der euro­päi­schen Kli­ma­schutz­ar­chi­tek­tur.

Rei­che argu­men­tiert, dass der Emis­si­ons­han­del gezielt wirt­schaft­li­che Anrei­ze set­ze, um Treib­haus­gas­emis­sio­nen zu redu­zie­ren. Durch den Preis auf CO₂ wür­den emis­si­ons­in­ten­si­ve Tech­no­lo­gien teu­rer, wäh­rend Inves­ti­tio­nen in kli­ma­freund­li­che Alter­na­ti­ven attrak­ti­ver wür­den. Eine Aus­set­zung des Sys­tems wür­de die­se Len­kungs­wir­kung erheb­lich schwä­chen.

Statt den Emis­si­ons­han­del aus­zu­set­zen, plä­diert die Minis­te­rin für Anpas­sun­gen inner­halb des bestehen­den Sys­tems. Dazu zäh­len unter ande­rem eine Ver­län­ge­rung kos­ten­lo­ser Zer­ti­fi­ka­te für beson­ders ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trien sowie eine wett­be­werbs­freund­li­che­re Aus­ge­stal­tung der soge­nann­ten Bench­marks, etwa für die che­mi­sche Indus­trie. Ziel sei es, Inves­ti­ti­ons­si­cher­heit für Unter­neh­men zu gewähr­leis­ten, ohne die kli­ma­po­li­ti­schen Zie­le der Euro­päi­schen Uni­on zu gefähr­den.

Ener­gie­po­li­tik zwi­schen Kli­ma­zie­len und Ver­sor­gungs­si­cher­heit

Die Debat­te um die CO₂-Beprei­sung steht auch im Zusam­men­hang mit der aktu­el­len Ener­gie­po­li­tik. Rei­che ver­wies dar­auf, dass Deutsch­land mit dem Aus­stieg aus der Kern­ener­gie und dem geplan­ten Koh­le­aus­stieg bewusst eine Ver­knap­pung gesi­cher­ter Ener­gie­er­zeu­gung in Kauf genom­men habe. Um Ver­sor­gungs­si­cher­heit zu gewähr­leis­ten, set­ze die Bun­des­re­gie­rung daher auf neue Gas­kraft­wer­ke als Über­gangs­tech­no­lo­gie, bis erneu­er­ba­re Ener­gien aus­rei­chend aus­ge­baut sei­en.

Par­al­lel dazu wer­de die Diver­si­fi­zie­rung der Gas­ver­sor­gung vor­an­ge­trie­ben. Deut­sche Ener­gie­un­ter­neh­men hät­ten lang­fris­ti­ge Lie­fer­ver­trä­ge mit ver­schie­de­nen Staa­ten abge­schlos­sen, unter ande­rem mit Part­nern in Afri­ka, Süd­ame­ri­ka und Kana­da. Ein Groß­teil der deut­schen Gasim­por­te erfol­ge wei­ter­hin über Pipe­lines, ins­be­son­de­re aus Nor­we­gen.

Grund­satz­fra­ge der Kli­ma­po­li­tik

Die Kon­tro­ver­se um die CO₂-Beprei­sung berührt eine grund­le­gen­de Fra­ge der Kli­ma­po­li­tik: Wie las­sen sich ambi­tio­nier­te Kli­ma­zie­le mit wirt­schaft­li­cher Wett­be­werbs­fä­hig­keit und sozia­ler Trag­fä­hig­keit ver­ein­ba­ren? Befür­wor­ter des Emis­si­ons­han­dels sehen dar­in ein effi­zi­en­tes, markt­ba­sier­tes Instru­ment zur Reduk­ti­on von Emis­sio­nen. Kri­ti­ker war­nen hin­ge­gen vor über­mä­ßi­gen Belas­tun­gen für Indus­trie und Ver­brau­cher.

Ob sich Kret­schmers For­de­rung nach einer Aus­set­zung poli­tisch durch­set­zen kann, erscheint der­zeit unwahr­schein­lich. Inner­halb der Bun­des­re­gie­rung besteht bis­lang ein kla­rer Kon­sens, den euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del als zen­tra­les Instru­ment der Kli­ma­po­li­tik bei­zu­be­hal­ten. Gleich­wohl dürf­te die Debat­te über die Höhe und Aus­ge­stal­tung der CO₂-Beprei­sung ange­sichts der wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen wei­ter an Bedeu­tung gewin­nen.


Das Kon­zept der CO₂-Beprei­sung: Funk­ti­ons­wei­se, Zie­le und poli­ti­sche Debat­ten

Die CO₂-Beprei­sung gilt inter­na­tio­nal als eines der zen­tra­len Instru­men­te der Kli­ma­po­li­tik. Ziel des Sys­tems ist es, den Aus­stoß von Treib­haus­ga­sen wirt­schaft­lich zu ver­teu­ern und dadurch Anrei­ze für emis­si­ons­är­me­re Tech­no­lo­gien und Pro­duk­ti­ons­wei­sen zu schaf­fen. In Deutsch­land und der Euro­päi­schen Uni­on kommt die­ses Instru­ment in meh­re­ren For­men zum Ein­satz, ins­be­son­de­re über den euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del sowie über ein natio­na­les CO₂-Preis­sys­tem für die Berei­che Ver­kehr und Gebäu­de.

Öko­no­mi­sches Grund­prin­zip

Die CO₂-Beprei­sung basiert auf einem markt­wirt­schaft­li­chen Ansatz der Umwelt­öko­no­mie. Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­ur­sa­chen gesell­schaft­li­che Schä­den, etwa durch Kli­ma­wan­del, Extrem­wet­ter­er­eig­nis­se oder öko­lo­gi­sche Fol­ge­kos­ten. Die­se soge­nann­ten exter­nen Kos­ten wer­den im Markt­preis fos­si­ler Ener­gie­trä­ger jedoch zunächst nicht berück­sich­tigt.

Durch einen Preis auf CO₂ soll die­ser Effekt kor­ri­giert wer­den. Emis­sio­nen erhal­ten einen mone­tä­ren Wert, der in wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen ein­fließt. Unter­neh­men und Ver­brau­cher wer­den dadurch ange­hal­ten, emis­si­ons­ar­me Alter­na­ti­ven zu wäh­len oder ihre Ener­gie­ef­fi­zi­enz zu erhö­hen.

Zwei zen­tra­le Instru­men­te: Emis­si­ons­han­del und CO₂-Abga­be

In Euro­pa wird die CO₂-Beprei­sung vor allem über den euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del umge­setzt. Dabei wird eine begrenz­te Men­ge an Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten aus­ge­ge­ben, die Unter­neh­men erwer­ben müs­sen, um Treib­haus­ga­se aus­zu­sto­ßen. Die Gesamt­men­ge der Zer­ti­fi­ka­te wird schritt­wei­se redu­ziert, wodurch sich der Preis in der Regel erhöht und die Emis­sio­nen sin­ken sol­len.

Der Emis­si­ons­han­del betrifft vor allem ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trien und den Ener­gie­sek­tor. Für Berei­che wie Ver­kehr und Gebäu­de exis­tiert in Deutsch­land zusätz­lich ein natio­na­les CO₂-Preis­sys­tem. In die­sem Sys­tem müs­sen Unter­neh­men, die fos­si­le Brenn­stof­fe in Ver­kehr brin­gen, Zer­ti­fi­ka­te zu einem poli­tisch fest­ge­leg­ten Preis erwer­ben. Die Kos­ten wer­den in der Pra­xis häu­fig über höhe­re Ener­gie­prei­se an Ver­brau­cher wei­ter­ge­ge­ben.

Ein­nah­men aus der CO₂-Beprei­sung

Die CO₂-Beprei­sung führt zu erheb­li­chen staat­li­chen Ein­nah­men. Die­se ent­ste­hen durch den Ver­kauf von Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten oder durch fes­te CO₂-Prei­se im natio­na­len Sys­tem. In Deutsch­land flie­ßen die­se Mit­tel über­wie­gend in den soge­nann­ten Kli­ma- und Trans­for­ma­ti­ons­fonds. Aus die­sem Fonds wer­den unter ande­rem Pro­gram­me zur För­de­rung erneu­er­ba­rer Ener­gien, Gebäu­de­sa­nie­run­gen oder indus­tri­el­le Dekar­bo­ni­sie­rungs­pro­jek­te finan­ziert.

Kri­ti­ker wei­sen jedoch dar­auf hin, dass stei­gen­de Ener­gie­prei­se auch zusätz­li­che Mehr­wert­steu­er­ein­nah­men gene­rie­ren kön­nen, da Kraft­stof­fe und Heiz­ener­gie der regu­lä­ren Umsatz­steu­er unter­lie­gen.

Die Idee des Kli­ma­gel­des

Um mög­li­che sozia­le Belas­tun­gen aus­zu­glei­chen, wur­de im poli­ti­schen Dis­kurs das Kon­zept des soge­nann­ten Kli­ma­gel­des ent­wi­ckelt. Dabei sol­len Ein­nah­men aus der CO₂-Beprei­sung pro Kopf an die Bevöl­ke­rung zurück­ge­ge­ben wer­den. Da Haus­hal­te mit gerin­gem Ener­gie­ver­brauch rela­tiv weni­ger Emis­sio­nen ver­ur­sa­chen, könn­ten sie von einer sol­chen Rück­ver­tei­lung pro­fi­tie­ren.

In Deutsch­land ist ein sol­ches Sys­tem bis­lang jedoch nicht umge­setzt wor­den. Statt­des­sen wer­den die Ein­nah­men vor allem zur Finan­zie­rung kli­ma­po­li­ti­scher För­der­pro­gram­me ver­wen­det.

Poli­ti­sche Kon­tro­ver­sen

Die CO₂-Beprei­sung ist Gegen­stand inten­si­ver poli­ti­scher Dis­kus­sio­nen. Befür­wor­ter sehen dar­in ein effi­zi­en­tes und tech­no­lo­gie­of­fe­nes Instru­ment zur Reduk­ti­on von Treib­haus­ga­sen. Durch einen kla­ren Preis auf Emis­sio­nen ent­stün­den lang­fris­ti­ge Inves­ti­ti­ons­si­gna­le für kli­ma­freund­li­che Tech­no­lo­gien.

Kri­ti­ker hin­ge­gen war­nen vor stei­gen­den Ener­gie­prei­sen und mög­li­chen Wett­be­werbs­nach­tei­len für ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trien. Beson­ders in Zei­ten wirt­schaft­li­cher Unsi­cher­heit wird daher immer wie­der über Anpas­sun­gen oder Ent­las­tungs­me­cha­nis­men dis­ku­tiert.

Rol­le im euro­päi­schen Kli­ma­schutz

Trotz der poli­ti­schen Kon­tro­ver­sen bleibt die CO₂-Beprei­sung ein zen­tra­ler Bestand­teil der euro­päi­schen Kli­ma­po­li­tik. Die Euro­päi­sche Uni­on setzt im Rah­men ihres Kli­ma­pa­kets dar­auf, den Emis­si­ons­han­del aus­zu­wei­ten und die Gesamt­men­ge der ver­füg­ba­ren Zer­ti­fi­ka­te wei­ter zu redu­zie­ren.

Damit soll lang­fris­tig ein wirt­schaft­li­cher Rah­men geschaf­fen wer­den, der Inves­ti­tio­nen in kli­ma­freund­li­che Tech­no­lo­gien för­dert und gleich­zei­tig zur Errei­chung der euro­päi­schen Kli­ma­zie­le bei­trägt. Ob die­ses Instru­ment die erwar­te­te Len­kungs­wir­kung ent­fal­tet und gleich­zei­tig sozi­al aus­ge­wo­gen gestal­tet wer­den kann, bleibt jedoch eine der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen der aktu­el­len Kli­ma­po­li­tik.


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