Der Außenkanzler und der Identitätsstifter: Wie Merz und Söder Deutschland neu ausrichten wollen

Obwohl beide Redner die Geschlossenheit der Union und ihre gemeinsame Verantwortung betonen, zeigen sich in den Reden von Friedrich Merz und Markus Söder deutliche Unterschiede in der thematischen Schwerpunktsetzung, der Rhetorik und bei konkreten politischen Forderungen. Während Merz eher die Rolle des weltpolitischen Strategen und Staatsmannes einnimmt, fungiert Söder als pointierter Wahlkämpfer, der stärker auf Identitätsthemen und die Abgrenzung zum politischen Gegner setzt.

1. Migration und Innere Sicherheit

Ein markanter Unterschied liegt im Umgang mit dem Thema Migration.

  • Friedrich Merz geht in den vorliegenden Auszügen seiner Rede nicht explizit auf die Migrationspolitik ein. Sein Fokus bei der Sicherheit liegt auf der äußeren Sicherheit (NATO, Verteidigung gegen Russland) und der Abwehr hybrider Bedrohungen sowie von Antisemitismus.
  • Markus Söder hingegen macht die Migration zu einem Kernpunkt seiner Ausführungen. Er rühmt die Erfolge der Union bei der Begrenzung illegaler Migration und stellt klare Forderungen: „Nein zu illegaler Migration in die soziale Sicherung“, die konsequente Nutzung der Bezahlkarte (Sachleistungen statt Bargeld) sowie Rückführungen nach Syrien und Afghanistan ohne „Rückzahlprämie“. Er verknüpft das Thema zudem mit dem Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum (Parks, Bahnhöfe, Schwimmbäder).

2. Verteidigungspolitik und Wehrpflicht

Beide fordern eine massive Stärkung der Bundeswehr, unterscheiden sich aber im Weg dorthin:

  • Merz betont die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 5 % des BIP und sieht dies als notwendigen Impuls für Europa und die NATO.
  • Söder geht einen Schritt weiter und fordert explizit eine „Wehrpflicht für alle“. Er argumentiert, dass Material allein nicht ausreiche, sondern auch „Mannschaft“ nötig sei, um die Grenzen zu verteidigen, da Freiwilligenmodelle (wie in Litauen) an ihre Grenzen stießen.

3. Identität, Werte und Patriotismus

Söder setzt wesentlich stärker auf Symbole und kulturelle Identität:

  • Markus Söder betont das „C“ im Parteinamen als christliches Menschenbild und bekennt sich zu Traditionen wie Kreuzen in Behörden, Religionsunterricht und kirchlichen Feiertagen. Er fordert zudem einen „offensiven Patriotismus“ und schlägt vor, an Schulen zum Jahresabschluss die Nationalhymne zu singen, um dem Land seine „Seele“ zu erhalten.
  • Merz spricht zwar von „bürgerlichen Tugenden“ und dem „normativen Fundament“ der Gesellschaft, bleibt dabei aber eher auf einer staatspolitischen Ebene und konzentriert sich auf das Erbe von Adenauer und Kohl.

4. Wirtschaftspolitik und Arbeitszeit

In der Wirtschaftspolitik verfolgen beide einen liberalen Kurs, setzen aber unterschiedliche Akzente:

  • Merz fokussiert sich auf strukturelle Reformen: Senkung der Unternehmenssteuern, Reduzierung der Energiekosten und massiven Bürokratieabbau durch schnellere Planungsverfahren. Er fordert eine Reform der Grundsicherung („Wer arbeiten kann, muss arbeiten gehen“).
  • Söder bringt einen sehr konkreten und kontroversen Vorschlag ein: Er plädiert für eine Stunde Mehrarbeit pro Woche (ca. 12 Minuten pro Werktag), um das Wirtschaftswachstum ohne zusätzliche Subventionen anzukurbeln. Zudem verteidigt er die Erbschaftssteuer-Regelungen massiv, um Familienbetriebe vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Bei der Energie setzt er – über Merz hinausgehend – ein starkes Augenmerk auf die Kernfusion als Zukunftstechnologie.

5. Rhetorischer Stil und Angriff auf den Gegner

Die Rollenverteilung zwischen „Staatsmann“ und „Wahlkämpfer“ ist deutlich erkennbar:

  • Merz wird als „Außenkanzler“ wahrgenommen. Er analysiert die „Großmachtordnung“ und spricht viel über internationale Partnerschaften. Seine Kritik am Gegner ist eher prinzipiell, etwa wenn er die Grünen als „unverantwortlich“ beim Handelsabkommen bezeichnet.
  • Söder agiert deutlich aggressiver gegenüber der politischen Konkurrenz. Er verspottet den „Ampelquatsch“, attackiert die Grünen als „Ideologen“ und „Klimakulturkampf-Moralisten“. Er greift die AfD-Führung (insbesondere Alice Weidel) persönlich scharf an, indem er ihr mangelnden Patriotismus vorwirft, weil sie nicht in Deutschland lebe. Zudem positioniert er sich scharf gegen die Macht von NGOs, die seiner Meinung nach Infrastrukturprojekte blockieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während Merz die strategischen Linien für die Zukunft Deutschlands in einer neuen Weltordnung zieht, besetzt Söder die Themen Heimat, Patriotismus und Migration, um das konservative Profil der Union zu schärfen und die Basis zu mobilisieren.


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