Der „Neue Sozia­lis­mus” und die Fein­de der Frei­heit

In Tei­len des poli­ti­schen Dis­kur­ses Deutsch­lands macht sich eine Erzäh­lung breit, die mit wach­sen­der Laut­stär­ke vor­ge­tra­gen wird und deren Kern­be­haup­tung lau­tet: Der Sozia­lis­mus ist zurück – nur dies­mal ver­klei­det. Er ver­ste­cke sich hin­ter wohl­klin­gen­den Begrif­fen wie „Brü­der­lich­keit, Viel­falt und Gerech­tig­keit”, ope­rie­re aber nach den­sel­ben alten Mus­tern von Plan­wirt­schaft, staat­li­cher Kon­trol­le und ideo­lo­gi­scher Gleich­schal­tung. Die eta­blier­ten Par­tei­en – SPD, CDU und Grü­ne glei­cher­ma­ßen – sei­en die­sem Den­ken ver­fal­len und trie­ben Deutsch­land ziel­stre­big in den Unter­gang. Was auf den ers­ten Blick wie eine poli­ti­sche Ana­ly­se klingt, ent­puppt sich bei nähe­rer Betrach­tung als ein Kon­glo­me­rat aus Halb­wahr­hei­ten, gefähr­li­chen Ver­ein­fa­chun­gen und bewuss­ter Feind­bild­kon­struk­ti­on, das zwar emo­tio­nal mobi­li­siert, aber intel­lek­tu­ell wenig stand­hält.

Die „grü­ne Trans­for­ma­ti­on” als sozia­lis­ti­sches Tarn­pro­jekt

Beson­ders die soge­nann­te „grü­ne Trans­for­ma­ti­on” der deut­schen Wirt­schaft dient in die­ser Erzäh­lung als Beweis­stück Num­mer eins. Der Umbau der Ener­gie­ver­sor­gung, die Abkehr von fos­si­len Brenn­stof­fen, der Aus­stieg aus der Kern­ener­gie – all das wird nicht als kli­ma­po­li­ti­sche Reak­ti­on auf eine wis­sen­schaft­lich beleg­te Kri­se inter­pre­tiert, son­dern als sozia­lis­ti­sches Pro­jekt, das mit gera­de­zu „sozia­lis­ti­scher Effi­zi­enz” die Grund­la­gen des deut­schen Wohl­stands ver­nich­te. Kraft­wer­ke, so die Argu­men­ta­ti­on, sei­en lebens­not­wen­di­ge Infra­struk­tur, deren Zer­stö­rung die Men­schen ihren ele­men­ta­ren Grund­la­gen berau­be. Der Mensch wer­de in die­sem Sys­tem nicht als Indi­vi­du­um mit eige­nen Rech­ten betrach­tet, son­dern ledig­lich als Werk­zeug zur Errei­chung poli­ti­scher Zie­le einer ideo­lo­gisch ver­blen­de­ten Eli­te.

Die­se Sicht­wei­se hat durch­aus einen rea­len Anknüp­fungs­punkt: Die wirt­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen der Ener­gie­wen­de, gestie­ge­ne Strom­prei­se, die Deindus­tria­li­sie­rungs­ten­den­zen und büro­kra­ti­sche Hemm­nis­se sind legi­ti­me Kri­tik­punk­te, die eine ernst­haf­te poli­ti­sche Debat­te ver­die­nen. Doch die Gleich­set­zung von Kli­ma­po­li­tik mit Sozia­lis­mus oder gar mit dem bewuss­ten Wil­len zur Zer­stö­rung ist eine rhe­to­ri­sche Eska­la­ti­on, die Kom­ple­xi­tät auf­löst, um ein kla­res Feind­bild zu erzeu­gen. Wer jeden Ein­griff des Staa­tes in wirt­schaft­li­che Pro­zes­se als „Sozia­lis­mus” dekla­riert, macht den Begriff bedeu­tungs­los und ver­hin­dert gleich­zei­tig sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung.

Anti­fa als Links­ter­ro­ris­mus – Sprach­po­li­tik mit Kal­kül

Ein wei­te­res zen­tra­les Ele­ment die­ser Welt­sicht ist die For­de­rung, den Begriff „Anti­fa” aus dem poli­ti­schen Voka­bu­lar zu strei­chen – nicht weil er falsch beschrei­bend wäre, son­dern weil er ver­harm­lo­se. An sei­ne Stel­le sol­le der Begriff „links­ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung” tre­ten. Die Anti­fa, so die The­se, habe den direk­ten Weg in poli­ti­sche Gewalt ein­ge­schla­gen, wäh­rend ein selek­ti­ver Staats­schutz harm­lo­se Bür­ger ver­fol­ge und mili­tan­te Links­extre­mis­ten gewäh­ren las­se.

Dass es in links­extre­men Milieus tat­säch­lich Gewalt­be­reit­schaft gibt, ist doku­men­tiert und straf­ver­folgt wor­den – die Anschlä­ge auf Infra­struk­tur im Kon­text des G20-Gip­fels in Ham­burg oder Über­grif­fe auf poli­ti­sche Geg­ner sind rea­le Ereig­nis­se, die nicht klein­zu­re­den sind. Doch die pau­scha­le Gleich­set­zung aller anti­fa­schis­ti­schen Akti­vi­tät mit Ter­ro­ris­mus ist eine poli­tisch moti­vier­te Begriffs­ver­zer­rung. Sie dient weni­ger der prä­zi­sen Beschrei­bung eines Phä­no­mens als viel­mehr der dis­kur­si­ven Dele­gi­ti­mie­rung eines brei­ten poli­ti­schen Spek­trums, das weit über mili­tan­te Grup­pen hin­aus­reicht. Wer die Spra­che so setzt, betreibt selbst eine Form der poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung, die er dem Geg­ner vor­wirft.

Brain-Drain, Mas­sen­mi­gra­ti­on und Umver­tei­lung – das Nie­der­gangs­nar­ra­tiv

Das Bild des gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs wird in die­ser Erzäh­lung in gro­ben, düs­te­ren Stri­chen gezeich­net. Die Klügs­ten ver­lie­ßen das Land – ein rea­les Phä­no­men des Brain-Drains, das tat­säch­lich wirt­schafts­po­li­ti­sche Auf­merk­sam­keit ver­dient. Gleich­zei­tig belas­te eine „unge­steu­er­te Mas­sen­mi­gra­ti­on von Analpha­be­ten” die Sozi­al­sys­te­me. Die­se For­mu­lie­rung ist nicht zufäl­lig gewählt: Sie dehu­ma­ni­siert Zuge­wan­der­te, indem sie aus Men­schen mit indi­vi­du­el­len Schick­sa­len und Poten­zia­len eine homo­ge­ne Mas­se des Ver­sa­gens macht, und bedient damit ein ras­sis­ti­sches Grund­mus­ter, das sich hin­ter demo­gra­fi­schen Beden­ken ver­birgt.

Hin­zu kommt die Umver­tei­lungs­the­se: Der Sozia­lis­mus, so wird behaup­tet, sei in Wirk­lich­keit kei­ne Umver­tei­lung von oben nach unten, son­dern von der brei­ten Mas­se zu einer klei­nen herr­schen­den Eli­te. Der Staat trei­be deut­sche Bür­ger mit aller Här­te zur Steu­er­leis­tung, über­wei­se die Erträ­ge aber ins Aus­land oder ver­wen­de sie zweck­ent­frem­det. Und schließ­lich: Die gesam­te Ideo­lo­gie zie­le letzt­lich auf die Aus­lö­schung der west­li­chen Kul­tur und Iden­ti­tät ab. Die­se Erzäh­lung kom­bi­niert berech­tig­te Kri­tik an staat­li­cher Ver­schwen­dung und man­geln­der Haus­halts­dis­zi­plin mit einer kul­tu­rel­len Pani­ker­zäh­lung, die sug­ge­riert, das Abend­land ste­he kurz vor sei­ner Aus­lö­schung. Die Mischung ist rhe­to­risch wirk­sam, weil sie rea­le Miss­stän­de als Bele­ge für eine apo­ka­lyp­ti­sche Gesamt­the­se ver­wen­det.

Die unhei­li­ge Alli­anz – Sozia­lis­mus und Isla­mis­mus

Als intel­lek­tu­ell beson­ders ambi­tio­niert – und gleich­zei­tig beson­ders gewagt – prä­sen­tiert sich die The­se einer struk­tu­rel­len Alli­anz zwi­schen Sozia­lis­mus und Isla­mis­mus. Bei­de Ideo­lo­gien sei­en die zwei gro­ßen Übel der Gegen­wart, die sich auf „unse­li­ge Wei­se” ver­ein­ten, weil sie das­sel­be Ziel ver­folg­ten: die Zer­stö­rung der west­li­chen Frei­heit. Die poli­ti­sche Lin­ke, so die Behaup­tung, erhof­fe sich durch Migra­ti­on isla­mis­ti­scher Milieus neue „Kampf­ge­fähr­ten” im Kampf gegen den frei­en Wes­ten.

Die­se The­se ist in sich wider­sprüch­lich: Eine poli­ti­sche Lin­ke, der vor­ge­wor­fen wird, Frau­en- und Min­der­hei­ten­rech­te über­zu­be­to­nen, soll gleich­zei­tig mit einer Ideo­lo­gie pak­tie­ren, die in ihrer extre­men Form eben­die­se Rech­te mit Gewalt unter­drückt. Der Ver­such, hier eine kohä­ren­te stra­te­gi­sche Alli­anz zu kon­stru­ie­ren, erfor­dert ein erheb­li­ches Maß an argu­men­ta­ti­vem Auf­wand, den die­se Erzäh­lung schlicht nicht leis­tet. Statt­des­sen wer­den zwei rea­le und ernst­zu­neh­men­de poli­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen – links­extre­me Ten­den­zen in Tei­len des Kul­tur­be­triebs sowie poli­ti­scher Isla­mis­mus – zu einem ein­heit­li­chen Welt­feind­bild zusam­men­ge­schmol­zen, das die Kom­ple­xi­tät bei­der Phä­no­me­ne auf­löst.

CDU und Medi­en – nie­mand ist sau­ber

Abge­run­det wird die­ses Welt­bild durch eine Kri­tik, die auch die ver­meint­lich bür­ger­li­che Mit­te nicht ver­schont. Die CDU unter Fried­rich Merz sei unter dem Ban­ner des „Kamp­fes gegen rechts” in eine „lin­ke Schlacht gegen sich selbst” gezo­gen und unter­stüt­ze damit indi­rekt lin­ke Schlä­ger­trupps. Die Medi­en­land­schaft wer­de von einer lin­ken Mehr­heit domi­niert, die Gewalt gegen Anders­den­ken­de mit „klamm­heim­li­cher Freu­de” ver­harm­lost oder gar begrüßt.

Der Vor­wurf der media­len Schief­la­ge wird in Deutsch­land auch von seriö­sen Medi­en­wis­sen­schaft­lern dis­ku­tiert und ist nicht von der Hand zu wei­sen – Unter­su­chun­gen zei­gen eine Ten­denz zu links­li­be­ra­len Hal­tun­gen in bestimm­ten Redak­tio­nen. Doch der Sprung von die­ser sta­tis­ti­schen Beob­ach­tung zur The­se einer orga­ni­sier­ten Bereit­schaft, poli­ti­sche Gewalt zu ver­harm­lo­sen, ist groß und ver­langt nach Bele­gen, die in die­ser Form nicht gelie­fert wer­den.

Fazit: Mobi­li­sie­rung durch Ver­ein­fa­chung

Was die­se gesam­te Welt­sicht zusam­men­hält, ist weni­ger eine kon­sis­ten­te poli­ti­sche Phi­lo­so­phie als eine emo­tio­na­le Logik der Bedro­hung. Rea­le Pro­ble­me – wirt­schaft­li­cher Struk­tur­wan­del, unkon­trol­lier­te Zuwan­de­rung, poli­ti­scher Extre­mis­mus, staat­li­che Inef­fi­zi­enz – wer­den auf­ge­grif­fen, aber nicht ana­ly­siert. Sie wer­den zu Indi­zi­en für eine umfas­sen­de Ver­schwö­rung umde­fi­niert, an deren Ende die bewuss­te Zer­stö­rung Deutsch­lands durch sei­ne eige­ne poli­ti­sche Klas­se steht. Die­se Erzähl­struk­tur ist klas­sisch popu­lis­tisch: Sie schafft ein rei­nes Volk, eine kor­rup­te Eli­te und einen äuße­ren Feind, der mit der inne­ren Bedro­hung im Bun­de ist.

Die Gefahr die­ser Welt­sicht liegt nicht dar­in, dass sie aus­schließ­lich falsch ist – gera­de ihre Stär­ke besteht dar­in, rea­le Miss­stän­de als Anknüp­fungs­punk­te zu nut­zen. Die Gefahr liegt in dem, was sie damit macht: Sie löst Kom­ple­xi­tät auf, ver­hin­dert dif­fe­ren­zier­te poli­ti­sche Lösungs­su­che und ersetzt demo­kra­ti­schen Dis­kurs durch Feind­bild­pfle­ge. Wer jeden poli­ti­schen Geg­ner zum exis­ten­zi­el­len Feind der Zivi­li­sa­ti­on erklärt, macht Kom­pro­mis­se unmög­lich und demo­kra­ti­sche Poli­tik damit letzt­lich obso­let. Das ist nicht die Ret­tung des frei­en Wes­tens – es ist sei­ne Unter­gra­bung mit ande­ren Mit­teln.

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