Deutsch­land zahlt, Spa­ni­en gewinnt

Wie Euro­pas Coro­na-Hil­fen die Ungleich­ge­wich­te scho­nungs­los offen­le­gen

Die euro­päi­sche Coro­na-Kri­se war nicht nur eine gesund­heit­li­che und wirt­schaft­li­che Aus­nah­me­si­tua­ti­on – sie war ein poli­ti­scher Bruch mit einem jahr­zehn­te­al­ten Tabu. 2020 einig­ten sich die EU-Staa­ten auf einen gigan­ti­schen Wie­der­auf­bau­fonds, finan­ziert erst­mals in gro­ßem Stil über gemein­sa­me euro­päi­sche Schul­den. Ver­kauft wur­de das Gan­ze als Akt der Soli­da­ri­tät, als Ret­tungs­an­ker für pan­de­mie­ge­beu­tel­te Volks­wirt­schaf­ten. Deutsch­land stimm­te zu – und zahlt seit­her kräf­tig mit. Genau dar­aus erwächst eine unbe­que­me, aber berech­tig­te Fra­ge: Zahlt Deutsch­land am Ende die Zeche für den Auf­schwung ande­rer?

Die Zah­len spre­chen zunächst eine deut­li­che Spra­che. Deutsch­land ist nicht irgend­ein Net­to­zah­ler der EU, son­dern der größ­te – und wird auch bei der Rück­zah­lung der Coro­na-Schul­den über Jahr­zehn­te hin­weg die Haupt­last schul­tern. Schät­zun­gen zufol­ge sum­miert sich die Belas­tung für Deutsch­land auf 145 bis 154 Mil­li­ar­den Euro. Umge­rech­net fast 2.000 Euro pro Kopf – Mann, Frau, Kind. Zwar han­delt es sich nicht um eine Rech­nung, die mor­gen im Brief­kas­ten lan­det, son­dern um eine schlei­chen­de Last über Jahr­zehn­te, ver­teilt über Steu­ern, Abga­ben und den EU-Haus­halt. Doch genau das macht die Sache nicht harm­lo­ser, son­dern gefähr­li­cher: Eine Belas­tung, die nie­mand direkt spürt, wird auch nie­mand poli­tisch ernst­haft hin­ter­fra­gen.

Wäh­rend Deutsch­land zahlt, düm­pelt die eige­ne Wirt­schaft seit Jah­ren vor sich hin. Mick­ri­ges Wachs­tum, sta­gnie­ren­de Indus­trie, ein Land, das im euro­päi­schen Ver­gleich zuse­hends zurück­fällt. Spa­ni­en dage­gen legt einen Lauf hin, von dem deut­sche Öko­no­men nur träu­men kön­nen: seit 2021 jedes Jahr min­des­tens 2,5 Pro­zent Wachs­tum. Güns­ti­ge Ener­gie­prei­se, ein Bau­boom, ein Tou­ris­mus­sek­tor, der aus dem Vol­len schöpft – und oben­drauf rund 90 Mil­li­ar­den Euro an euro­päi­schen Wie­der­auf­bau­hil­fen, von denen das Land kräf­tig pro­fi­tiert hat.

Das Bild, das sich dar­aus ergibt, ist an poli­ti­scher Bri­sanz kaum zu über­bie­ten: Der deut­sche Steu­er­zah­ler schul­tert einen Löwen­an­teil der Finan­zie­rung eines Pro­gramms, wäh­rend die eige­ne Volks­wirt­schaft am Boden liegt – Spa­ni­en hin­ge­gen kas­siert, boomt und lässt Deutsch­land wirt­schaft­lich links lie­gen. Wer die­sen Kon­trast sieht, kann kaum anders, als sich zu fra­gen, ob deut­sche Steu­er­gel­der hier nicht schlicht den Wohl­stand ande­rer sub­ven­tio­niert haben, wäh­rend die eige­ne Sub­stanz ver­fällt.

So bequem die rei­ne Kau­sal­ge­schich­te auch wäre, ganz so ein­fach lässt sie sich nicht erzäh­len. Dass Spa­ni­en gleich­zei­tig hohe EU-Hil­fen kas­sier­te und stär­ker wuchs, beweist noch kei­nen ursäch­li­chen Zusam­men­hang. Wachs­tum speist sich aus vie­len Quel­len – Tou­ris­mus, Beschäf­ti­gung, Inves­ti­tio­nen, Bin­nen­nach­fra­ge. Die euro­päi­schen Hil­fen haben die­se Ent­wick­lung zwei­fel­los befeu­ert, aber sie allein erklä­ren den spa­ni­schen Boom nicht. Wer das igno­riert, macht es sich zu leicht – in bei­de Rich­tun­gen.

Auch ist Deutsch­land kei­nes­wegs nur der lei­den­de Zahl­meis­ter, als der es sich ger­ne selbst insze­niert. Auch Deutsch­land bezieht Mit­tel aus dem Fonds, und deut­sche Unter­neh­men kas­sie­ren indi­rekt mit, wenn ande­re EU-Staa­ten inves­tie­ren und dabei deut­sche Maschi­nen, Fahr­zeu­ge und Tech­nik kau­fen. Ein spa­ni­scher Auf­schwung kann also durch­aus auch deut­schen Kon­zer­nen in die Kas­sen spü­len. Die plum­pe Gegen­über­stel­lung „Deutsch­land ver­liert, Spa­ni­en gewinnt“ trägt der kom­ple­xen Rea­li­tät nicht aus­rei­chend Rech­nung – so ver­füh­re­risch die Schlag­zei­le auch klingt.

Umso schär­fer muss aber die Kri­tik an der tat­säch­li­chen Schwach­stel­le des Pro­gramms aus­fal­len: der Ver­wen­dung und Kon­trol­le der Gel­der. Ein erheb­li­cher Teil der Mit­tel floss erst, als die aku­te Kri­se längst über­stan­den war – bezahl­te Kon­junk­tur­pro­gram­me mit der Aus­re­de von ges­tern. Hin­zu kom­men zahl­rei­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren wegen mut­maß­li­chen Betrugs. Das ist kein Rand­pro­blem, son­dern ein Alarm­si­gnal: Ein Pro­gramm die­ser Grö­ßen­ord­nung, finan­ziert über gemein­sa­me Schul­den und maß­geb­lich von deut­schen Steu­er­zah­lern getra­gen, hät­te von Anfang an mit eiser­ner Kon­trol­le und scho­nungs­lo­ser Trans­pa­renz ein­her­ge­hen müs­sen – nicht mit halb­her­zi­gen Nach­prü­fun­gen im Nach­hin­ein. Dass genau das gefehlt hat, ist ein poli­ti­sches Ver­sa­gen, das man nicht schön­re­den soll­te.

Natür­lich lässt sich ein­wen­den, war­um der Fonds über­haupt geschaf­fen wur­de: Die Sor­ge, wirt­schaft­lich schwä­che­re EU-Staa­ten könn­ten dau­er­haft abge­hängt wer­den und die Euro­zo­ne aus­ein­an­der­drif­ten, war real – mit poten­zi­ell ver­hee­ren­den Fol­gen gera­de für die export­ab­hän­gi­ge deut­sche Wirt­schaft. Der Öko­nom Iain Begg erin­nert zu Recht dar­an, dass damals sogar ein Zer­fall des Euro als Risi­ko im Raum stand. Das recht­fer­tigt die grund­sätz­li­che Idee der Soli­da­ri­tät. Es recht­fer­tigt aber nicht, dass Mil­li­ar­den­sum­men ohne hin­rei­chen­de Kon­trol­le ver­teilt wur­den und Deutsch­land bis heu­te kaum belast­ba­re Ant­wor­ten dar­auf bekommt, ob sein Geld wirk­lich dort ankam, wo es gebraucht wur­de.

Die The­se „Deutsch­land zahlt, Spa­ni­en gewinnt“ ist des­halb weder blan­ke Stamm­tisch­pa­ro­le noch die vol­le Wahr­heit – sie trifft einen wun­den Punkt, den die euro­päi­sche Poli­tik zu lan­ge klein­ge­re­det hat. Deutsch­land trägt die Haupt­last der Finan­zie­rung, wäh­rend die eige­ne Wirt­schaft schwä­chelt und ande­re Län­der sicht­bar pro­fi­tie­ren. Das auto­ma­tisch als eins-zu-eins-Trans­fer von deut­schem Wohl­stand zu spa­ni­schem Boom zu deu­ten, wäre zu sim­pel. Aber die Gegen­fra­ge muss eben­so erlaubt sein: Wie lan­ge kann sich Deutsch­land eine Rol­le als Haupt­fi­nan­zier euro­päi­scher Soli­da­ri­tät leis­ten, wenn die eige­ne wirt­schaft­li­che Basis ero­diert und die Kon­trol­le der ein­ge­setz­ten Mit­tel der­art lücken­haft bleibt?

Das eigent­li­che Skan­da­lon liegt nicht dar­in, dass Spa­ni­en vom Fonds pro­fi­tiert – das war so gewollt. Es liegt dar­in, dass Deutsch­land Jahr für Jahr Mil­li­ar­den in ein Sys­tem pumpt, des­sen Wirk­sam­keit, Kon­trol­le und lang­fris­ti­ge Kos­ten­wahr­heit bis heu­te nicht über­zeu­gend belegt sind. Die poli­ti­sche Leh­re kann des­halb nicht lau­ten, ein­fach wei­ter­zu­ma­chen wie bis­her. Sie muss lau­ten: kei­ne neu­en gemein­sa­men Schul­den­pro­gram­me ohne glas­kla­re Regeln, ohne stren­ge, unab­hän­gi­ge Kon­trol­le und ohne mess­ba­re Rechen­schaft gegen­über genau jenen Steu­er­zah­lern, die am Ende die Rech­nung beglei­chen.

Am Ende bleibt die For­mel „Deutsch­land zahlt, Spa­ni­en gewinnt“ eine zuge­spitz­te, aber nicht aus der Luft gegrif­fe­ne Beschrei­bung eines rea­len Ungleich­ge­wichts. Spa­ni­en hat kräf­tig pro­fi­tiert, Deutsch­land trägt die Haupt­last der Kos­ten – und die Fra­ge, ob die­ses Geschäft für Deutsch­land am Ende auf­geht, ist alles ande­re als beant­wor­tet. Wer ange­sichts sta­gnie­ren­den Wachs­tums, mil­li­ar­den­schwe­rer Belas­tun­gen und unge­klär­ter Betrugs­fäl­le wei­ter­hin von einem rei­nen Erfolgs­pro­jekt spricht, blen­det die unbe­que­men Fak­ten schlicht aus.


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