Die Schwei­zer Schul­den­brem­se

Funk­ti­ons­wei­se der Schul­den­brem­se

Die Schwei­zer Schul­den­brem­se ist ein finanz­po­li­ti­sches Regel­werk, das den Bun­des­haus­halt zu einem aus­ge­gli­che­nen Bud­get über den Kon­junk­tur­zy­klus ver­pflich­tet. Kern­stück ist eine Aus­ga­ben­re­gel: Die jähr­lich maxi­mal zuläs­si­gen ordent­li­chen Aus­ga­ben des Bun­des wer­den an die pro­gnos­ti­zier­ten ordent­li­chen Ein­nah­men gebun­den, berei­nigt um einen Kon­junk­tur­fak­tor. Die­ser Fak­tor berück­sich­tigt die Wirt­schafts­la­ge, indem er die Ein­nah­men mit dem Ver­hält­nis von Trend-BIP zu aktu­el­lem BIP ska­liert. In Boom­pha­sen liegt der Aus­ga­ben­pla­fond dadurch unter den Ein­nah­men – es muss also ein Über­schuss erzielt wer­den; umge­kehrt erlaubt die For­mel in Rezes­sio­nen ein Defi­zit. Auf die­se Wei­se wird ver­hin­dert, dass kon­junk­tu­rel­le Ein­nah­men­schwan­kun­gen zu struk­tu­rel­len Defi­zi­ten füh­ren. Die Schul­den­brem­se wirkt unab­hän­gig von der Steu­er­po­li­tik – Steu­er­erhö­hun­gen oder ‑sen­kun­gen sind mög­lich, jedoch muss etwa­ige Min­der­ein­nah­men im Fal­le von Steu­er­sen­kun­gen durch ent­spre­chen­de Aus­ga­ben­kür­zun­gen kom­pen­siert wer­den.

Die Schul­den­brem­se ent­hält Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für Not­la­gen. In außer­ge­wöhn­li­chen, vom Bund nicht steu­er­ba­ren Situa­tio­nen – etwa bei einer schwe­ren Rezes­si­on, Natur­ka­ta­stro­phe oder ande­ren Kri­sen – darf der Bund den Aus­ga­ben­pla­fond mit Zustim­mung bei­der Par­la­ments­kam­mern (qua­li­fi­zier­te Mehr­hei­ten) über­schrei­ten. Die­se außer­or­dent­li­chen Aus­ga­ben ermög­li­chen es, in einer Kri­se rasch gegen­zu­steu­ern, ohne die Regel außer Kraft zu set­zen. Ein aktu­el­les Bei­spiel sind die COVID-19-Maß­nah­men: Rund 30 Mrd. Fr. wur­den als außer­or­dent­li­cher Auf­wand ver­bucht, um wirt­schaft­li­che Schä­den abzu­fe­dern. Sol­che Not­fall­aus­ga­ben unter­lie­gen einer eige­nen Vor­ga­be: Ein Amor­ti­sa­ti­ons­kon­to zeich­net die kumu­lier­ten außer­or­dent­li­chen Defi­zi­te auf, wel­che inner­halb von sechs Jah­ren durch Über­schüs­se im ordent­li­chen Haus­halt wie­der abge­baut wer­den müs­sen . Dadurch bleibt auch Kri­sen­schul­den­ab­bau mit­tel­fris­tig ver­bind­lich.

Zur Kon­trol­le der ordent­li­chen Haus­hal­te führt der Bund ein Aus­gleichs­kon­to. Nach Abschluss jedes Rech­nungs­jah­res wird über­prüft, ob die effek­ti­ven Aus­ga­ben den zuläs­si­gen Pla­fond ein­hiel­ten. Über­stei­gen die Aus­ga­ben das Erlaub­te (z.B. auf­grund von Pro­gno­se­feh­lern bei Ein­nah­men oder Wirt­schafts­wachs­tum), wird die Dif­fe­renz dem Aus­gleichs­kon­to als Fehl­be­trag belas­tet; lie­gen die Aus­ga­ben dar­un­ter, ent­steht ein Gut­ha­ben . Fehl­be­trä­ge auf dem Aus­gleichs­kon­to müs­sen in den Fol­ge­jah­ren durch Ein­spa­run­gen aus­ge­gli­chen wer­den. Über­schüs­se hin­ge­gen dür­fen nicht für Mehr­aus­ga­ben ver­wen­det wer­den, son­dern flie­ßen auto­ma­tisch in den Schul­den­ab­bau. Die­ses Kon­strukt stellt sicher, dass über meh­re­re Jah­re hin­weg die Aus­ga­ben die Ein­nah­men nicht über­stei­gen – mit ande­ren Wor­ten, dass kei­ne struk­tu­rel­le Neu­ver­schul­dung ent­steht. Die Kom­bi­na­ti­on aus Aus­ga­ben­pla­fond, kon­junk­tu­rel­ler Kor­rek­tur, Not­fall­klau­sel und auto­ma­ti­schen Kor­rek­turme­cha­nis­men im Aus­gleichs­kon­to ver­hin­dert so eine über­mä­ßi­ge Staats­ver­schul­dung und sta­bi­li­siert die Bun­des­fi­nan­zen lang­fris­tig.

Ein­füh­rung und Hin­ter­grün­de

Die Schwei­zer Schul­den­brem­se wur­de zum Jah­res­be­ginn 2003 wirk­sam, nach­dem sie in einer Volks­ab­stim­mung am 2. Dezem­ber 2001 mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit von rund 85 % Ja-Stim­men ange­nom­men wor­den war. Aus­schlag­ge­bend für ihre Ein­füh­rung waren die Erfah­run­gen der 1990er-Jah­re: In die­sem Jahr­zehnt stieg die Bun­des­ver­schul­dung rapi­de an und offen­bar­te eine struk­tu­rel­le Schief­la­ge der Finanz­po­li­tik. Nach dem Plat­zen einer Immo­bi­li­en­bla­se und einer kon­junk­tu­rel­len Kri­se gerie­ten die Staats­fi­nan­zen aus dem Ruder. Trotz einer bestehen­den Ver­fas­sungs­klau­sel zur Schul­den­be­gren­zung gelang es der Poli­tik damals nicht, die Defi­zi­te zu stop­pen. Die Fol­ge: Die Schul­den­quo­te des Bun­des (Schul­den in % des BIP) ver­drei­fach­te sich von 1990 bis 2003 von 8 % auf 25 %. Die­ses rasan­te Schul­den­wachs­tum weck­te brei­te Sor­ge vor einer Ero­si­on der fis­ka­li­schen Sta­bi­li­tät und der Hand­lungs­fä­hig­keit des Staa­tes.

Vor die­sem Hin­ter­grund initi­ier­te der dama­li­ge Finanz­mi­nis­ter Kas­par Vil­li­ger die Idee einer Schul­den­brem­se als neu­es finanz­po­li­ti­sches Instru­ment. Ziel war es, die Aus­ga­ben dis­zi­pli­na­risch an die Ein­nah­men zu bin­den und auto­ma­tisch gegen­steu­ern­de Mecha­nis­men ein­zu­bau­en, falls die Poli­tik dage­gen ver­stößt. Die Schul­den­brem­se wur­de bewusst in der Bun­des­ver­fas­sung ver­an­kert (Art. 126 BV), um ihr gro­ßes Gewicht und Bestän­dig­keit zu ver­lei­hen Die kon­kre­ten Details wur­den im Finanz­haus­halts­ge­setz (FHG Art. 13–18) gere­gelt. Dass nahe­zu alle poli­ti­schen Lager die Not­wen­dig­keit erkann­ten, zeigt das Abstim­mungs­er­geb­nis von 2001 mit nahe­zu 85% Zustim­mung – ein unge­wöhn­lich hoher Kon­sens. Die Ein­füh­rung der Schul­den­brem­se mar­kier­te einen staats­po­li­ti­schen Kul­tur­wech­sel hin zu mehr fis­ka­li­scher Dis­zi­plin. Man woll­te sicher­stel­len, dass sich eine Situa­ti­on wie in den 90ern nicht wie­der­holt und dass künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen nicht durch aus­ufern­de Schul­den belas­tet wer­den. Zudem ent­sprach der Schritt dem inter­na­tio­na­len Trend zu strik­te­ren Fis­kal­re­geln (z.B. dem EU-Sta­bi­li­täts­pakt) und unter­mau­er­te die Repu­ta­ti­on der Schweiz als finanz­po­li­tisch ver­läss­li­ches Land.

Aus­wir­kun­gen auf Finanz­po­li­tik und Wirt­schaft

Bun­des­fi­nan­zen: Seit Ein­füh­rung der Schul­den­brem­se 2003 haben sich die Bun­des­fi­nan­zen deut­lich kon­so­li­diert. Der Bun­des­haus­halt war ab Mit­te der 2000er meist aus­ge­gli­chen oder im Über­schuss, was dazu führ­te, dass die Staats­schul­den­quo­te kon­ti­nu­ier­lich sank. Wur­de 2003 noch eine Schul­den­quo­te (alle Staats­ebe­nen) von rund 46 % ver­zeich­net, lag sie 2019 kurz vor Aus­bruch der Pan­de­mie nur noch bei etwa 25–27 % des BIP. Selbst die Finanz­kri­se 2008 über­stand die Schweiz ohne neu­en Schul­den­an­stieg – im Gegen­teil konn­te die Ver­schul­dung trotz Kri­se wei­ter redu­ziert wer­den. Der in den Boom­jah­ren erziel­te Schul­den­ab­bau ver­schaff­te dem Bund mehr finanz­po­li­ti­schen Spiel­raum, um auf wirt­schaft­li­che Schocks zu reagie­ren. So star­te­te die Schweiz mit kom­for­ta­bler Aus­gangs­la­ge in die Covid-19-Pan­de­mie und konn­te umfang­rei­che Hilfs­pro­gram­me schul­tern, ohne in eine Schul­den­kri­se zu gera­ten. Inter­na­tio­nal steht die Schweiz damit außer­or­dent­lich gut da: Unter den mit­tel­gro­ßen und gro­ßen Indus­trie­län­dern weist sie die gerings­te staat­li­che Ver­schul­dung auf. Der Nut­zen die­ser Sta­bi­li­tät zeigt sich u.a. an den nied­ri­gen Zins­kos­ten – nur ein sehr klei­ner Teil des Bud­gets muss für Schuld­zin­sen auf­ge­wen­det wer­den, was Mit­tel für ande­re Zwe­cke frei macht. Auch die Fähig­keit, in Rezes­sio­nen gegen­zu­steu­ern, blieb erhal­ten: Die Schul­den­brem­se erlaubt kon­junk­tu­rel­le Defi­zi­te, sodass auto­ma­ti­sche Sta­bi­li­sa­to­ren (wie stei­gen­de Sozi­al­aus­ga­ben, sin­ken­de Steu­er­ein­nah­men) wir­ken kön­nen, wäh­rend in Auf­schwün­gen Über­schüs­se erzielt wer­den. Ins­ge­samt hat die Schul­den­brem­se also die Bun­des­fi­nan­zen ins Lot gebracht und zur lang­fris­ti­gen Trag­fä­hig­keit bei­getra­gen.

Kan­to­na­le Finanz­po­li­tik: Auch auf Ebe­ne der Kan­to­ne – die in der Schweiz für einen Groß­teil der öffent­li­chen Aus­ga­ben ver­ant­wort­lich sind – zeig­te sich eine ähn­li­che Ent­wick­lung. Schon vor der Bun­des-Schul­den­brem­se hat­ten die meis­ten Kan­to­ne eige­ne Haus­halts­re­geln ein­ge­führt (oft­mals als Aus­ga­ben- oder Schul­den­brem­sen in den Kan­tons­ver­fas­sun­gen) . Bis auf einen Kan­ton (Stand 2015: Appen­zell Inner­rho­den) ver­fü­gen heu­te alle Kan­to­ne über sol­che fis­ka­li­schen Regeln. Die­se kan­to­na­len Schul­den­brem­sen vari­ie­ren in Aus­ge­stal­tung, zie­len aber meist dar­auf ab, dass lau­fen­de Aus­ga­ben und Net­to­in­ves­ti­tio­nen im Gleich­ge­wicht gehal­ten wer­den (Selbst­fi­nan­zie­rungs­grad nahe 100 % über meh­re­re Jah­re). Die Wir­kung ist klar erkenn­bar: Die kan­to­na­len Schul­den sind ins­ge­samt sta­bil geblie­ben . Zwi­schen 2010 und 2020 stieg die Brut­to­ver­schul­dung der Kan­to­ne und Gemein­den nur mar­gi­nal, und gemes­sen am BIP liegt die Ver­schul­dungs­quo­te der Kan­to­ne im Medi­an bei nied­ri­gen ~15 %. Meh­re­re Kan­to­ne konn­ten ihre Schul­den­quo­te sogar wei­ter sen­ken. Rech­net man noch Finanz­ver­mö­gen gegen, haben die meis­ten Kan­to­ne ihre Net­to­schul­den redu­ziert oder wei­sen sogar Net­to­ver­mö­gen auf. Die­se Ent­wick­lung deu­tet dar­auf hin, dass nicht nur der Bund, son­dern auch die Glied­staa­ten finan­zi­ell gesün­der daste­hen. Somit hat die Schul­den­brem­se – zusam­men mit den kan­to­na­len Regeln – eine gesamt­staat­li­che Kon­so­li­die­rung bewirkt. Gleich­zei­tig ist zu beach­ten, dass die Kan­to­ne auf­grund ihrer klei­ne­ren Wirt­schafts­struk­tur weni­ger kon­junk­tur­glät­tend wir­ken kön­nen. Den­noch bie­ten soli­de Kan­tons­fi­nan­zen eben­falls Puf­fer für regio­na­le Abschwün­ge und ver­hin­dern, dass Bun­des­er­fol­ge durch kan­to­na­le Schul­den unter­lau­fen wür­den.

Inves­ti­tio­nen: Ein häu­fig dis­ku­tier­tes The­ma ist die Aus­wir­kung der Schul­den­brem­se auf öffent­li­che Inves­ti­tio­nen. Da die Regel kei­ne Unter­schei­dung zwi­schen kon­sum­ti­ven Aus­ga­ben und Inves­ti­ti­ons­aus­ga­ben macht, müs­sen auch lang­fris­ti­ge Inves­ti­ti­ons­pro­jek­te voll­stän­dig im Aus­zah­lungs­zeit­punkt finan­ziert sein. Kri­ti­ker monie­ren, dass dies zu Inves­ti­ti­ons­zu­rück­hal­tung füh­ren kön­ne – in Pha­sen stren­ger Spar­vor­ga­ben wür­den mög­li­cher­wei­se sinn­vol­le Infra­struk­tur­pro­jek­te oder ande­re Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen auf­ge­scho­ben oder ganz gestri­chen. Das Prin­zip der inter­ge­ne­ra­ti­ven Gerech­tig­keit wür­de eigent­lich nahe­le­gen, dass Inves­ti­tio­nen, von denen kom­men­de Gene­ra­tio­nen pro­fi­tie­ren, auch mit lang­fris­ti­gen Kre­di­ten finan­ziert wer­den dürf­ten. In der Schweiz jedoch gibt es (anders als z.B. bei der tra­di­tio­nel­len Gol­de­nen Regel in eini­gen Län­dern) kei­ne Son­der­be­hand­lung für Inves­ti­tio­nen inner­halb der Schul­den­brem­se. Empi­risch ist die öffent­li­che Inves­ti­ti­ons­quo­te der Schweiz in den 2000er-Jah­ren zwar nicht kol­la­biert, aber der restrik­ti­ve Kurs könn­te ten­den­zi­ell dazu bei­getra­gen haben, dass Groß­pro­jek­te nur zöger­lich ange­gan­gen wur­den. Befür­wor­ter der Schul­den­brem­se ent­geg­nen aller­dings, dass aus­rei­chend Spiel­raum für Inves­ti­tio­nen bestehe, solan­ge an ande­rer Stel­le Prio­ri­tä­ten gesetzt wer­den – die Regel limi­tie­re nur die Gesamt­aus­ga­ben­hö­he, nicht aber die Zusam­men­set­zung. Zudem habe die Schweiz in den letz­ten Jah­ren wich­ti­ge Inves­ti­tio­nen (etwa in die Bahn- und Stra­ßen­in­fra­struk­tur) trotz Schul­den­brem­se rea­li­sie­ren kön­nen, indem man inner­halb der Bud­gets Umschich­tun­gen vor­nahm oder zweck­ge­bun­de­ne Fonds ein­setz­te. Nichts­des­to­trotz bleibt die Inves­ti­ti­ons­pro­ble­ma­tik ein zen­tra­ler Dis­kus­si­ons­punkt: Vie­le Fach­leu­te schla­gen vor, die Schul­den­brem­se inso­weit zu moder­ni­sie­ren, dass z.B. Inves­ti­tio­nen über die Nut­zungs­dau­er abge­schrie­ben wer­den dür­fen, anstatt das Bud­get in einem Jahr zu belas­ten. Dies wür­de län­ger­fris­tig wirk­sa­men Aus­ga­ben – etwa im Kli­ma­schutz oder der Ener­gie­ver­sor­gung – mehr finan­zi­el­len Spiel­raum ver­schaf­fen, ohne das Grund­prin­zip der Dis­zi­plin zu ver­let­zen.

Sozia­le Aus­ga­ben: Die Schul­den­brem­se beein­flusst auch die Ent­wick­lung der Sozi­al­aus­ga­ben, wenn auch indi­rekt. Einer­seits trägt die sta­bi­le Finanz­la­ge dazu bei, Sozi­al­wer­ke ver­läss­lich zu finan­zie­ren. Ande­rer­seits setzt die Schul­den­brem­se der Aus­deh­nung sozia­ler Leis­tun­gen enge Gren­zen, da neue oder aus­ge­bau­te Pro­gram­me gegen­fi­nan­ziert wer­den müs­sen. In den Jah­ren nach 2003 wur­den mehr­fach Spar­pa­ke­te geschnürt, um die Aus­ga­ben an das Regel­werk anzu­pas­sen – die­se tra­fen oft auch den Sozi­al­be­reich. Befür­wor­ter argu­men­tie­ren, die Schul­den­brem­se ver­hin­de­re zwar über­mä­ßi­ge Aus­ga­ben­zu­wäch­se, aber essen­zi­el­le sozia­le Leis­tun­gen blie­ben gewähr­leis­tet; man habe viel­mehr inef­fi­zi­en­te Aus­ga­ben redu­zie­ren müs­sen. Kri­ti­ker hin­ge­gen sehen fort­schritt­li­che Poli­tik aus­ge­bremst und war­nen, dass strik­te Aus­ga­ben­de­ckel zulas­ten sozi­al Schwä­che­rer gehen könn­ten. Tat­säch­lich konn­te der Schwei­zer Sozi­al­staat unter der Schul­den­brem­se wei­ter funk­tio­nie­ren und z.B. in Kri­sen­zei­ten (Finanz­kri­se, Pan­de­mie) wur­den auto­ma­ti­sche Mehr­aus­ga­ben für Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, Kurz­ar­beit etc. zuge­las­sen. Mit­tel­fris­tig übt die Regel aber Druck aus, Sozi­al­aus­ga­ben zu prio­ri­tie­ren und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, um im Bud­get zu blei­ben. Ein wei­te­rer Aspekt ist die impli­zi­te Ver­schul­dung der Sozi­al­ver­si­che­run­gen: Da etwa in der Alters­vor­sor­ge (AHV) Finan­zie­rungs­lü­cken bestehen, argu­men­tie­ren Öko­no­men, dass hier ähn­li­che Regeln nötig wären, um künf­ti­ge Las­ten zu begren­zen. Ins­ge­samt kann man sagen, dass die Schul­den­brem­se den Wachs­tums­pfad der Sozi­al­aus­ga­ben gedämpft hat – was je nach poli­ti­schem Stand­punkt als sinn­vol­ler Kon­so­li­die­rungs­bei­trag oder als sozi­al­po­li­ti­scher Brems­ef­fekt gewer­tet wird.

Wirt­schafts­wachs­tum: Die Aus­wir­kun­gen auf das Wirt­schafts­wachs­tum sind ambi­va­lent. Posi­tiv zu ver­mer­ken ist, dass soli­de Staats­fi­nan­zen Ver­trau­en und Sta­bi­li­tät schaf­fen – die Schweiz genießt her­vor­ra­gen­de Kre­dit­kon­di­tio­nen und wirt­schaft­li­che Akteu­re müs­sen kaum Steu­er­erhö­hun­gen oder Finanz­kri­sen fürch­ten, was inves­ti­ti­ons­freund­lich wirkt. Zudem erlaubt die anti­zy­kli­sche Aus­rich­tung der Schul­den­brem­se eine gewis­se Glät­tung kon­junk­tu­rel­ler Schwan­kun­gen, was extre­me Boom-Bust-Zyklen ver­hin­dert und lang­fris­tig gleich­mä­ßi­ge­res Wachs­tum för­dern kann. Eine Stu­die zeigt, dass seit 2004 – als die Schul­den­quo­te zu sin­ken begann – das Wirt­schafts­wachs­tum der Schweiz im Durch­schnitt deut­lich höher war (ca. 2 % jähr­lich) als im Jahr­zehnt davor (rund 1,2 % jähr­lich). Natür­lich spiel­ten hier­bei auch exter­ne Fak­to­ren und die all­ge­mei­ne Welt­kon­junk­tur eine Rol­le, doch es gibt einen Zusam­men­hang zwi­schen Wachs­tum und Schul­den­ab­bau: Solan­ge das BIP stär­ker wächst als die Zins­be­las­tung, fällt es dem Staat leich­ter, Schul­den zu redu­zie­ren. Gleich­zei­tig eröff­net gerin­ge­re Ver­schul­dung künf­tig mehr Mög­lich­kei­ten, inves­tiv und inno­va­ti­ons­trei­bend zu han­deln, da weni­ger Mit­tel für Zin­sen gebun­den sind. Auf der nega­ti­ven Sei­te könn­te argu­men­tiert wer­den, dass die Schul­den­brem­se in bestimm­ten Pha­sen staat­li­che Nach­fra­ge dämpft. Ins­be­son­de­re in wirt­schaft­li­chen Schwä­che­pha­sen wur­de – so die Kri­tik – viel­leicht zu früh wie­der kon­so­li­diert, anstatt mit zusätz­li­chen Inves­ti­ti­ons­pro­gram­men das Wachs­tum anzu­kur­beln. Der Schul­den­ab­bau ist näm­lich nicht gra­tis, wie Öko­no­men beto­nen: Jeder Fran­ken, der zur Schul­den­til­gung ver­wen­det wird, steht nicht für Staats­leis­tun­gen oder Steu­er­sen­kun­gen zur Ver­fü­gung. In den frü­hen 2000ern bei­spiels­wei­se flos­sen Über­schüs­se pri­mär in den Schul­den­rück­kauf, statt etwa in Infra­struk­tur­pro­jek­te oder eine Ent­las­tung der Steu­er­zah­len­den. Kurz­fris­tig mag dadurch etwas Wachs­tums­po­ten­ti­al unge­nutzt geblie­ben sein. Ins­ge­samt jedoch hat die Schweiz in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten ein robus­tes Wirt­schafts­wachs­tum ver­zeich­net, was dar­auf hin­deu­tet, dass die posi­ti­ven Effek­te soli­der Finan­zen die mög­li­chen nega­ti­ven Effek­te strik­ter Aus­ga­ben­de­ckel über­wo­gen haben.

Kri­tik und Dis­kus­sio­nen

Trotz ihrer Erfol­ge ist die Schul­den­brem­se kein unum­strit­te­nes Instru­ment. Wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Kri­tik­punk­te las­sen sich wie folgt zusam­men­fas­sen:

  • Zu strik­te Aus­rich­tung: Die Schwei­zer Schul­den­brem­se gilt im inter­na­tio­na­len Ver­gleich als außer­ge­wöhn­lich streng. Ver­fas­sung und Gesetz ver­lan­gen im Kern nomi­nal sta­bi­le oder sin­ken­de Schul­den über den Zyklus. Wäh­rend etwa die EU-Maas­tricht-Regeln oder die deutschen/österreichischen Schul­den­brem­sen klei­ne struk­tu­rel­le Defi­zi­te zulas­sen, schreibt die Schwei­zer Regel einen struk­tu­rel­len Über­schuss vor (da Über­schüs­se nicht für Mehr­aus­ga­ben genutzt wer­den dür­fen). Kri­ti­ker emp­fin­den die­se Rigi­di­tät als unfle­xi­bel: Ange­sichts dau­er­haft sehr nied­ri­ger Zin­sen stellt sich die Fra­ge, ob das stur Vor­rang geben von Schul­den­ab­bau wirt­schaft­lich immer am bes­ten ist, oder ob zusätz­li­che Inves­ti­tio­nen oder Steu­er­sen­kun­gen nicht pro­duk­ti­ver wären. Ver­schie­de­ne Fach­leu­te argu­men­tie­ren, man ver­zich­te durch die der­zei­ti­ge Regel auf Chan­cen, etwa in Bil­dung, Kli­ma oder Infra­struk­tur zu inves­tie­ren, obwohl die Finan­zie­rung güns­tig wäre. Mit ande­ren Wor­ten: Ist eine wei­te­re Reduk­ti­on einer bereits nied­ri­gen Schul­den­quo­te volks­wirt­schaft­lich ren­ta­bler als alter­na­ti­ve Ver­wen­dun­gen? Die­se Debat­te wird in der Schweiz inten­siv geführt.
  • Inves­ti­ti­ons­kri­tik (feh­len­de Gol­de­ne Regel): Wie oben erwähnt, wird die Gleich­be­hand­lung von Inves­ti­ti­ons- und Kon­sum­aus­ga­ben als Schwach­stel­le gese­hen. Aus betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht wäre es sinn­voll, gro­ße Inves­ti­tio­nen über Abschrei­bun­gen zu ver­tei­len, statt das Bud­get eines Jah­res voll zu belas­ten. Die aktu­el­le Pra­xis könn­te dazu füh­ren, dass lang­fris­tig wert­schöp­fen­de Pro­jek­te unter­blei­ben, weil kurz­fris­tig das Aus­ga­ben­li­mit über­schrit­ten wür­de. Eini­ge Öko­no­men und Poli­ti­ker for­dern daher eine Reform der Schul­den­brem­se in Rich­tung einer inves­ti­ti­ons­freund­li­che­ren Aus­ge­stal­tung. So lie­ße sich z.B. eine Inves­ti­ti­ons­kom­po­nen­te ein­füh­ren, bei der Aus­ga­ben für Infra­struk­tur über meh­re­re Jah­re gerech­net wer­den. Auch der Bun­des­rat hat­te ursprüng­lich eine sym­me­tri­sche Bewirt­schaf­tung des Aus­gleichs­kon­tos vor­ge­schla­gen – sprich, nicht nur Defi­zi­te, son­dern auch Über­schüs­se zeit­lich befris­tet vor­tra­gen zu kön­nen. Bis­her jedoch wur­de die­se Idee nicht umge­setzt, und Inves­ti­tio­nen wer­den wei­ter­hin eins-zu-eins auf das Aus­ga­ben­bud­get ange­rech­net. Befür­wor­ter war­nen, eine Son­der­be­hand­lung könn­te Miss­brauch ermög­li­chen, da plötz­lich vie­les als „Inves­ti­ti­on“ dekla­riert wür­de. Gleich­wohl bleibt die Stär­kung der öffent­li­chen Inves­ti­ti­ons­fä­hig­keit ein zen­tra­ler Reform­vor­schlag in der Dis­kus­si­on.
  • Umgang mit Kri­sen­schul­den: Die Schul­den­brem­se sieht für Kri­sen­fäl­le Aus­nah­men vor, aber der Abbau der in Kri­sen auf­ge­nom­me­nen Schul­den ist klar ter­mi­niert (inner­halb von sechs Jah­ren via Amor­ti­sa­ti­ons­kon­to) . Die strik­te Til­gungs­pflicht wird bis­wei­len als zu rigid emp­fun­den. Kon­kret ent­zün­de­te sich jüngst eine Debat­te an den Coro­na-Schul­den: Das Par­la­ment beschloss 2022, die wäh­rend der Pan­de­mie auf­ge­lau­fe­nen ~25 Mrd. Fr. bis 2035 voll­stän­dig zurück­zu­zah­len. Eini­ge Öko­no­men und Poli­ti­ker brach­ten jedoch den Vor­schlag ein, einen Teil der Coro­na-Schul­den fak­tisch ste­hen zu las­sen, indem man sie mit frü­he­ren Über­schüs­sen ver­rech­net. Da die Bun­des­ver­schul­dung vor der Pan­de­mie deut­lich unter dem Trend lag, hät­te man ver­fas­sungs­ge­treu einen Teil des pan­de­mie­be­ding­ten Anstiegs als qua­si aus­ge­gli­chen betrach­ten kön­nen. Dies hät­te künf­ti­gen Bud­gets Luft ver­schafft, Über­schüs­se auch mal für Steu­er­sen­kun­gen oder zusätz­li­che Aus­ga­ben nut­zen zu kön­nen, anstatt sie aus­schließ­lich für die Schul­den­til­gung zu reser­vie­ren. Letzt­lich blieb das Par­la­ment bei der kon­ser­va­ti­ven Linie, was zeigt, dass die poli­ti­sche Kul­tur wei­ter­hin stark auf Schul­den­ab­bau fixiert ist. Nichts­des­to­trotz wird kri­tisch gefragt, ob ein der­art for­cier­ter Schul­den­ab­bau nach Kri­sen sinn­voll ist – oder ob man den Abbau etwas stre­cken soll­te, um wirt­schaft­li­che Erho­lung nicht zu brem­sen. Die Geg­ner einer Locke­rung ver­wei­sen jedoch auf das Prin­zip der Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit, wonach Kri­sen­schul­den mög­lichst rasch wie­der abzu­bau­en sind, um die Last nicht zukünf­ti­gen Steu­er­zah­lern auf­zu­bür­den.
  • Pro­zy­kli­sche Ten­den­zen und Pro­gno­se­un­si­cher­hei­ten: Ein wei­te­rer Kri­tik­punkt betrifft die tech­ni­sche Umset­zung der Schul­den­brem­se. Da die erlaub­ten Aus­ga­ben auf Schät­zun­gen des Trend-BIP und der Ein­nah­men basie­ren, ist das Sys­tem anfäl­lig für Schätz­feh­ler. So muss­ten etwa direkt nach Ein­füh­rung uner­war­te­te struk­tu­rel­le Defi­zi­te kor­ri­giert wer­den, als man merk­te, dass die Ein­nah­men über­schätzt wor­den waren (der Bund sah sich 2003 vor der Auf­ga­be, ein plötz­lich fest­ge­stell­tes struk­tu­rel­les Loch von 4,6 Mrd. Fr. zu stop­fen). Zwar wur­de ein sanf­ter Über­gangs­pfad ver­ein­bart, doch ver­deut­licht dies die Abhän­gig­keit von Pro­gno­sen. Auch die Metho­de zur Bestim­mung des Kon­junk­tur­fak­tors stand in der Kri­tik: Anfangs nutz­te man einen Hod­rick-Pres­cott-Fil­ter, des­sen Para­me­ter­wahl umstrit­ten war. Auf­grund der Kri­tik stell­te die Finanz­ver­wal­tung 2004 auf einen modi­fi­zier­ten HP-Fil­ter um und ver­wen­det seit 2021 eine Pro­duk­ti­ons­funk­ti­ons-Metho­de des SECO, um die Pro­duk­ti­ons­lü­cke zu schät­zen. Den­noch bleibt die Berech­nung des Trend-BIP kom­plex und nicht direkt beob­acht­bar. Eini­ge Exper­ten monie­ren, dass die Schul­den­brem­se bei ungüns­ti­gem Timing sogar pro­zy­klisch wir­ken könn­te: Wenn z.B. ein Defi­zit­ab­bau genau in eine Abschwung­pha­se fällt (etwa weil das Aus­gleichs­kon­to gera­de dann Nega­tiv­ein­trä­ge auf­weist, die abge­baut wer­den müs­sen), könn­te der Staat gezwun­gen sein, in schlech­ter Zei­ten zu spa­ren. Zwar gibt es Schwel­len­wer­te, ab wann Fehl­be­trä­ge zwin­gend innert Frist abge­baut wer­den müs­sen (≥6 % des Aus­ga­ben­pla­fonds inner­halb 3 Jah­ren), doch ganz eli­mi­niert ist das Risi­ko pro­zy­kli­scher Effek­te nicht. Die­se tech­ni­schen Kri­tik­punk­te schla­gen vor, die Regel etwas elas­ti­scher zu machen, um bei gro­ßen Kon­junk­tur­schwan­kun­gen mehr atmen zu kön­nen – ohne jedoch Schlupf­lö­cher für struk­tu­rel­le Defi­zi­te zu öff­nen.
  • Ideo­lo­gi­sche Debat­te: Hin­ter vie­len Kri­tik­punk­ten steht letzt­lich eine grund­sätz­li­che finanz­po­li­ti­sche Wert­ent­schei­dung. Die Schul­den­brem­se balan­ciert das Ziel tie­fer Schul­den gegen mög­li­che Kos­ten in Form ent­gan­ge­ner Aus­ga­ben oder Steu­er­spiel­räu­me. Lin­ke und keyne­sia­nisch gepräg­te Stim­men beto­nen, dass staat­li­che Schul­den kein intrin­si­sches Übel sei­en, solan­ge sie pro­duk­tiv ver­wen­det und durch Wachs­tum trag­fä­hig wer­den. Sie argu­men­tie­ren, der Staat sol­le in Berei­chen wie Kli­ma­schutz, Bil­dung, Sozia­lem muti­ger inves­tie­ren, anstatt sich an der „schwar­zen Null“ zu ori­en­tie­ren. Ange­führt wird dabei oft, Staa­ten sei­en kei­ne Pri­vat­haus­hal­te und könn­ten sich im eige­nen Wäh­rungs­raum nicht so ein­fach über­schul­den – Extrem­po­si­tio­nen wie die Modern Mone­ta­ry Theo­ry (MMT) pro­pa­gie­ren gar, dass ein sou­ve­rä­ner Staat nie bank­rott­geht, solan­ge er die Infla­ti­on kon­trol­liert. Sol­che Ideen haben auch in der Schweiz die Dis­kus­si­on belebt und sor­gen dafür, dass die Schul­den­brem­se kei­nes­wegs unan­tast­bar ist. Kon­ser­va­ti­ve und finanz­or­tho­do­xe Krei­se hal­ten dage­gen, dass Schul­den sehr wohl eine Last dar­stel­len – jeder zukünf­ti­ge Fran­ken für Zin­sen feh­le im Haus­halt – und dass poli­ti­scher Defi­zit­bi­as real is. Die Schul­den­brem­se sei daher ein not­wen­di­ges Kor­rek­tiv gegen die Ver­su­chung, Wohl­ta­ten heu­te auf Kos­ten von mor­gen zu ver­tei­len. Die­ses Span­nungs­feld zwi­schen Haus­halts­dis­zi­plin vs. Hand­lungs­spiel­raum prägt die poli­ti­sche Debat­te um die Schul­den­brem­se bis heu­te. Zwar wird das Instru­ment an sich von einer Mehr­heit wei­ter­hin befür­wor­tet, doch gibt es zuneh­mend Stim­men, die Anpas­sun­gen for­dern, um es an aktu­el­le wirt­schaft­li­che Rea­li­tä­ten anzu­pas­sen (z.B. Inves­ti­ti­ons­an­rei­ze, lang­sa­me­re Schul­den­re­duk­ti­on bei Null­zin­sen). Bis­her wur­den jedoch kei­ne fun­da­men­ta­len Ände­run­gen vor­ge­nom­men – die Schul­den­brem­se wur­de seit 2003 weder auf­ge­ho­ben noch umgan­gen, son­dern allen­falls fein­jus­tiert. Dass sie seit zwei Jahr­zehn­ten Bestand hat, spricht einer­seits für ihre Akzep­tanz, ande­rer­seits macht es sie selbst zum Gegen­stand ideo­lo­gi­scher Grund­satz­dis­kus­sio­nen.

Inter­na­tio­na­le Ver­glei­che

Im inter­na­tio­na­len Maß­stab gilt die Schwei­zer Schul­den­brem­se als Pio­nier­mo­dell und eines der erfolg­reichs­ten Fis­kal­re­gime. Vie­le Län­der haben eben­falls Schul­den­re­geln ein­ge­führt, aber es gibt deut­li­che Unter­schie­de in Stren­ge und Umset­zung. Bereits kurz nach der Schwei­zer Abstim­mung 2001 wur­de die Idee auch anders­wo auf­ge­grif­fen – ins­be­son­de­re Deutsch­land ori­en­tier­te sich an der Schwei­zer Regel, als es 2009 sei­ne eige­ne „Schul­den­brem­se“ ins Grund­ge­setz auf­nahm. Die deut­sche Vari­an­te trat ab 2016 in Kraft und ver­langt für den Bund einen nahe­zu struk­tu­rell aus­ge­gli­che­nen Haus­halt (maxi­mal 0,35 % des BIP Defi­zit) und für die Län­der ab 2020 kei­ne Neu­ver­schul­dung. Aller­dings ist die deut­sche Schul­den­brem­se im Detail weni­ger rigo­ros als das Schwei­zer Vor­bild: Es bleibt ein klei­ner struk­tu­rel­ler Fehl­be­trag erlaubt, was bedeu­tet, dass die nomi­na­len Schul­den lang­sam wei­ter stei­gen dür­fen. Zudem wur­den in Deutsch­land die Regeln wäh­rend der Euro­kri­se und der Pan­de­mie teils per Not­fall­klau­sel aus­ge­setzt, um grö­ße­re Kon­junk­tur­pa­ke­te zu ermög­li­chen. Die Schweiz hin­ge­gen hat in der Pan­de­mie for­mal nicht die Schul­den­brem­se auf­ge­ho­ben, son­dern im Rah­men des bestehen­den Sys­tems als außer­or­dent­lich ver­buch­te Aus­ga­ben getä­tigt – ein sub­ti­ler, aber wich­ti­ger Unter­schied in der Regel­treue.

Auf EU-Ebe­ne exis­tie­ren seit lan­gem der Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakt und neue­re Fis­kal­re­geln (Fis­kal­pakt), die die Mit­glied­staa­ten auf Defi­zit­gren­zen (3 % des BIP) und Schul­den­quo­ten (60 % des BIP) ver­pflich­ten. In der Pra­xis wur­den die­se Vor­ga­ben jedoch von vie­len Län­dern wie­der­holt ver­fehlt oder tem­po­rär aus­ge­setzt. Kein EU-Land hat sei­ne Schul­den­quo­te seit 2000 so kon­se­quent gesenkt wie die Schweiz, die als Nicht-EU-Land eigen­stän­dig agier­te. Im Jahr 2020 etwa lagen alle gro­ßen Nach­bar­län­der über der 60 %-Schwel­le – teils dra­ma­tisch (Ita­li­en ~160 %, Frank­reich ~115 %, Deutsch­land ~70 %) – wäh­rend die Schweiz selbst nach Coro­na unter der Maas­tricht-Gren­ze blieb. Ein Kom­men­ta­tor bezeich­ne­te die Schweiz daher als „Ein­äu­gi­ge unter Blin­den“ im Schul­den­ver­gleich. Aller­dings pro­fi­tie­ren eini­ge EU-Län­der von grö­ße­rer fis­ka­li­scher Fle­xi­bi­li­tät, indem sie höhe­re Schul­den­quo­ten in Kauf neh­men, was ihnen kurz­fris­tig mehr finan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten gibt. Die Schwei­zer Poli­tik hat sich dage­gen für den lang­fris­tig sta­bi­le­ren Weg ent­schie­den, was ihr im inter­na­tio­na­len Ran­king der Staats­fi­nan­zen Spit­zen­po­si­tio­nen ein­bringt. So tra­gen Rating-Agen­tu­ren der Schweiz die Best­no­te, und das Land hat – gemes­sen an Staats­schul­den­quo­te – die mit Abstand gesün­des­ten Staats­fi­nan­zen unter den OECD-Groß­län­dern.

Ande­re Län­der haben unter­schied­li­che Ansät­ze: Schwe­den etwa ver­folgt eine Über­schuss­re­gel (im Mit­tel 1 % Über­schuss über den Zyklus), Groß­bri­tan­ni­en und USA set­zen eher auf fle­xi­ble Schuld­zie­le oder poli­ti­sche Aus­hand­lung statt fes­te Brem­sen. Die USA ken­nen kei­ne ver­gleich­ba­re Schul­den­brem­se auf Bun­des­ebe­ne, son­dern ledig­lich eine Debt Cei­ling, die jedoch regel­mä­ßig ange­ho­ben wird und kein wirk­sa­mes Instru­ment zur Defi­zit­be­gren­zung dar­stellt. Vie­le US-Bun­des­staa­ten haben zwar aus­ge­gli­che­ne Haus­halts­vor­schrif­ten, doch auf Bun­des­ebe­ne fehlt ein Pen­dant zur Schwei­zer Regel. In Süd- und Ost­eu­ro­pa wur­den im Zuge von IWF-Pro­gram­men oder EU-Vor­ga­ben teils Schul­den­re­geln ein­ge­führt, jedoch oft nur in Geset­zen und mit begrenz­ter Durch­set­zungs­kraft. Öster­reich schrieb 2011 eben­falls eine Schul­den­brem­se in die Ver­fas­sung, jedoch eben­falls mit Erlaub­nis klei­ner struk­tu­rel­ler Defi­zi­te (ähn­lich der deut­schen Regel). Spa­ni­en und Ita­li­en inte­grier­ten im Rah­men des EU-Fis­kal­pakts Schul­den­brem­sen in ihre Ver­fas­sun­gen, doch ihre hohe Aus­gangs­ver­schul­dung mach­te rigo­ro­se Anwen­dung poli­tisch schwie­rig, und die Regeln wur­den fak­tisch auf­ge­weicht.

Ins­ge­samt schnei­det die Schwei­zer Schul­den­brem­se im inter­na­tio­na­len Ver­gleich sehr gut ab. Sie ist strin­gen­ter for­mu­liert und wur­de kon­se­quen­ter umge­setzt als vie­le ihrer Pen­dants. Wäh­rend ande­re Län­der ihre Regeln häu­fi­ger aus­set­zen oder anpas­sen, hat die Schweiz zwei Jahr­zehn­te lang dar­an fest­ge­hal­ten und damit eine deut­li­che Sen­kung der Schul­den erreicht. Die­ser Erfolg macht das Schwei­zer Modell für man­che zum Export­schla­ger – es wur­de bei­spiels­wei­se in Dis­kus­sio­nen über US-Haus­halts­re­for­men oder als Vor­bild für Schwel­len­län­der her­an­ge­zo­gen. Aller­dings wird auch dar­auf ver­wie­sen, dass die Schweiz beson­de­re Bedin­gun­gen hat (sta­bi­le Insti­tu­tio­nen, eige­ne Wäh­rung, star­ke direk­te Demo­kra­tie), die das Gelin­gen einer sol­chen har­ten Regel begüns­ti­gen. Eine Leh­re aus dem Ver­gleich ist, dass fis­ka­li­sche Regeln wir­ken kön­nen – die meis­ten Stu­di­en zei­gen, dass gut kon­stru­ier­te Regeln Defi­zi­te ver­rin­gern –, aber die Gestal­tung ent­schei­dend ist. Die Schwei­zer Schul­den­brem­se ist stren­ger als anders­wo, was ihren Erfolg erklärt, zugleich aber auch die in der Kri­tik genann­ten Nach­tei­le mit sich bringt.

Fazit: Die Schwei­zer Schul­den­brem­se hat sich als wirk­sa­mes Mit­tel erwie­sen, um die Staats­fi­nan­zen zu sta­bi­li­sie­ren und exzes­si­ve Ver­schul­dung zu ver­mei­den. Recht­lich klar ver­an­kert und prak­tisch mit robus­ten Mecha­nis­men unter­legt, zwingt sie Regie­rung und Par­la­ment zu haus­häl­te­ri­schem Vor­ge­hen. Ein­ge­führt wur­de sie aus der Erkennt­nis her­aus, dass die Feh­ler der 90er-Jah­re (rasch stei­gen­de Schul­den, struk­tu­rel­le Defi­zi­te) sich nicht wie­der­ho­len dür­fen. Seit­her hat sie maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, die Schul­den­quo­te von rund 46 % auf unter 30 % zu sen­ken und der Schweiz im inter­na­tio­na­len Ver­gleich eine Aus­nah­me­stel­lung zu ver­schaf­fen. Gleich­zei­tig sind mit der strik­ten Regel auch Ziel­kon­flik­te ver­bun­den: Der Ver­zicht auf neue Schul­den erzwingt har­te Prio­ri­sie­run­gen – man­che Inves­ti­tio­nen oder Leis­tun­gen wur­den mög­li­cher­wei­se zurück­ge­stellt, und es ent­brennt eine legi­ti­me Debat­te dar­über, wie­viel Schul­den­ab­bau genug ist. Bis­her über­wiegt poli­tisch der Wil­le, an der Schul­den­brem­se fest­zu­hal­ten, doch Reform­vor­schlä­ge lie­gen auf dem Tisch (von Inves­ti­ti­ons­aus­nah­men bis zur locke­re­ren Nut­zung von Über­schüs­sen). Die kom­men­den Jah­re – ins­be­son­de­re die Bewäl­ti­gung der Covid-Schul­den und der Inves­ti­ti­ons­be­darf für Kli­ma­wan­del und Alters­vor­sor­ge – wer­den zei­gen, ob die Schul­den­brem­se in ihrer aktu­el­len Form wei­ter­hin als Erfolgs­mo­dell gilt oder ob Anpas­sun­gen nötig wer­den, um den Spa­gat zwi­schen Haus­halts­dis­zi­plin und zukunfts­ge­rich­te­ter Finanz­po­li­tik opti­mal zu meis­tern. Ins­ge­samt aber bleibt die Schwei­zer Schul­den­brem­se ein viel­be­ach­te­tes Bei­spiel dafür, wie finanz­po­li­ti­sche Regeln gestal­tet sein kön­nen, um lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät zu errei­chen – ein Balan­ce­akt zwi­schen Nach­hal­tig­keit und Fle­xi­bi­li­tät, der ste­tig neu aus­ta­riert wer­den muss.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater