Es gibt mehrere Gründe, warum es lohnenswert sein kann, Carl Mengers „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ zu lesen, auch heute noch, mehr als 150 Jahre nach seiner Veröffentlichung:
1. Fundamentales Verständnis der Wirtschaft:
- Grundlagen der modernen Wirtschaftswissenschaft: Mengers Werk ist eines der Gründungsdokumente der österreichischen Schule der Nationalökonomie, einer bedeutenden Strömung in der Wirtschaftswissenschaft. Es bietet einen Einblick in die Anfänge wichtiger Konzepte wie den Subjektivismus in der Wertlehre, die Grenznutzenlehre und die Analyse des menschlichen Handelns.
- Erklärung von Kernkonzepten: Menger behandelt auf grundlegende Weise Begriffe wie Güter, Wert, Preis, Tausch und Geld. Es wird aufgezeigt, wie diese Konzepte durch individuelle Bedürfnisse und Entscheidungen entstehen, anstatt durch objektive Kosten oder gesellschaftliche Konventionen.
- Verständnis wirtschaftlicher Prozesse: Das Buch vermittelt ein grundlegendes Verständnis, wie wirtschaftliche Prozesse funktionieren. Wie der Autor versucht, die komplexen Phänomene der Wirtschaft aus den einfachsten Elementen zu erklären, kann dies helfen, die Mechanismen des Marktes besser zu verstehen.
2. Der Fokus auf menschliches Handeln:
- Individuum im Mittelpunkt: Menger stellt den Menschen und seine subjektiven Bedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Analyse. Er betont, dass wirtschaftliche Entscheidungen auf den individuellen Präferenzen und Einschätzungen von Personen beruhen.
- Motivation und Handlung: Das Buch hilft zu verstehen, warum Menschen handeln, wie sie ihre Entscheidungen treffen und wie diese Handlungen zu wirtschaftlichen Ergebnissen führen.
- Abgrenzung zu anderen Ansätzen: Menger zeigt einen alternativen Ansatz zu den klassischen Wirtschaftstheorien, die oft objektive Wertlehren vertreten, die auf Produktionskosten oder Arbeitswerten beruhen.
3. Einblick in eine historische Perspektive:
- Entwicklung des ökonomischen Denkens: Das Buch zu lesen, ermöglicht es, die Entwicklung des ökonomischen Denkens zu verfolgen und nachzuvollziehen, wie sich die Ideen von Menger und der österreichischen Schule von früheren Ansätzen abgrenzen.
- Kontext der Zeit: Das Werk wurde zu einer Zeit großer industrieller und wirtschaftlicher Veränderungen geschrieben. Dies verleiht dem Buch einen zusätzlichen Wert, da es den historischen Kontext reflektiert.
4. Relevanz für heute:
- Kritische Auseinandersetzung: Die Ideen Mengers sind auch heute noch relevant und können helfen, zeitgenössische wirtschaftliche Herausforderungen und Debatten besser zu verstehen und zu hinterfragen.
- Grundlage für weitere Studien: Das Buch ist eine solide Grundlage für alle, die sich intensiver mit Wirtschaftstheorie und besonders mit den Ideen der österreichischen Schule auseinandersetzen möchten.
5. Ein wissenschaftliches Meisterwerk:
- Analytische Schärfe: Das Buch zeichnet sich durch einen strengen logischen Aufbau, eine präzise Definition der Begriffe und eine sorgfältige Argumentation aus. Es zeigt, wie man komplexe wirtschaftliche Phänomene auf ihre grundlegenden Ursachen zurückführen kann.
- Sprachlicher Stil: Obwohl es sich um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt, ist der Text gut geschrieben und relativ verständlich, insbesondere wenn man den historischen Kontext und die verwendete Terminologie berücksichtigt.
Zusammenfassend:
„Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ ist nicht nur ein historisch bedeutsames Werk, sondern auch ein Werk, das heute noch einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis der Funktionsweise von Wirtschaftssystemen und des menschlichen Verhaltens liefern kann. Es ist ein Muss für alle, die sich ernsthaft mit Wirtschaftstheorie beschäftigen, die eine kritische Perspektive suchen oder die die Ursprünge moderner Wirtschaftswissenschaften verstehen möchten. Es mag ein anspruchsvolles Buch sein, doch die investierte Zeit ist angesichts der tiefgreifenden Erkenntnisse, die es vermittelt, in jedem Fall lohnenswert.
Die „österreichische Schule“ der Nationalökonomie, auch als „Wiener Schule“ bekannt, ist eine wirtschaftswissenschaftliche Denkschule, die sich durch ihre besondere Betonung individueller Handlungen, subjektiver Werte und methodologischen Individualismus auszeichnet. Ihre Ursprünge gehen auf das späte 19. Jahrhundert zurück, und sie hat eine bedeutende Rolle in der Geschichte der ökonomischen Theorie gespielt. Im Folgenden werden die zentralen Merkmale, Hauptvertreter und die Kritik an dieser Denkrichtung dargestellt.
Allgemeine Informationen zum Buch:
- Titel: „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre“
- Autor: Dr. Carl Menger
- Erscheinungsjahr: 1871
Inhaltsverzeichnis:
Das Buch ist in mehrere Kapitel und Abschnitte unterteilt:
- Erstes Kapitel: Die allgemeine Lehre vom Gute
- Ueber das Wesen der Güter
- Ueber den Causal-Zusammenhang der Güter
- Die Gesetze, unter welchen die Güter in Rücksicht auf ihre Güterqualität stehen
- Zeit – Irrthum
- Ueber die Ursachen der fortschreitenden Wohlfahrt der Menschen
- Der Güterbesitz
- Zweites Kapitel: Die Wirthschaft und die wirthschaftlichen Güter
- Der menschliche Bedarf
- Die verfügbaren Quantitäten
- Ueber den Ursprung der menschlichen Wirthschaft und die wirthschaftlichen Güter
- Das Vermögen
- Drittes Kapitel: Die Lehre vom Werthe
- Ueber das Wesen und den Ursprung des Güterwerthes
- Ueber das ursprünglichste Mass des Güterwerthes
- Die Gesetze, nach welchen sich der Werth der Güter regelt
- Viertes Kapitel: Die Lehre vom Tausche
- Die Grundlagen des ökonomischen Tausches
- Die Grenzen des ökonomischen Tausches
- Fünftes Kapitel: Die Lehre vom Preise
- Die Preisbildung beim isolirten Tausche
- Die Preisbildung im Monopolhandel
- Die Preisbildung und Gütervertheilung bei beiderseitiger Concurrenz
- Sechstes Capitel: Gebrauchswerth und Tauschwerth
- Siebentes Capitel. Die Lehre von der Waare
- Ueber den Begriff der Waare im populären und wissenschaftlichen Sinne
- Ueber die Absatzfähigkeit der Waaren
- Achtes Capitel. Die Lehre vom Gelde
- Ueber das Wesen und den Ursprung des Geldes
- Ueber das jedem Volke und Zeitalter eigenthümliche Geld
- Das Geld als Massstab der Preise
- Die Münze
Einige wichtige Punkte aus den Textabschnitten:
- Vorrede: Der Autor kritisiert die Unfruchtbarkeit der bisherigen Bemühungen, empirische Grundlagen für die Volkswirtschaftslehre zu gewinnen, und betont die Notwendigkeit, die komplizierten wirtschaftlichen Erscheinungen auf ihre einfachsten Elemente zurückzuführen und das Gesetz ihrer Entwicklung zu erforschen. Er sieht das Buch als einen Schritt in diese Richtung und stellt die Gültigkeit des Ansatzes zur Beurteilung der Leser. Er distanziert sich von Kritik an der Gesetzmäßigkeit der Volkswirtschaft mit Berufung auf Willensfreiheit, betont aber die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Vorgänger zu würdigen.
- Widmung: Das Buch ist dem Professor der Staats- und Cameralwissenschaften in Leipzig, Dr. Wilhelm Roscher, gewidmet, ein Zeichen der Anerkennung für dessen wissenschaftliches Werk.
- Die allgemeine Lehre vom Gute:
- Güter sind Dinge, die in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse stehen, deren Nützlichkeit erkannt wird und die tatsächlich herangezogen werden können.
- Vier Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Ding ein Gut wird: ein menschliches Bedürfnis, Eigenschaften zur Befriedigung dieses Bedürfnisses, die Erkenntnis dieses Zusammenhangs und die Verfügung über das Ding.
- Es gibt auch „eingebildete Güter“, die auf falschen Vorstellungen oder Bedürfnissen beruhen.
- Es wird eine Unterscheidung zwischen Sachgütern und nützlichen Handlungen/Unterlassungen als zwei Kategorien von Gütern vorgeschlagen.
- Güter werden nach ihrer Nähe zur Befriedigung der Bedürfnisse hierarchisiert (erste, zweite, dritte Ordnung etc.).
- Die Güter höherer Ordnung sind in ihrer Qualität davon abhängig, dass gleichzeitig über die komplementären Güter verfügt werden kann.
- Die Güter höherer Ordnung sind in ihrer Qualität durch Güter niederer Ordnung bedingt.
- Die Wirthschaft und die wirthschaftlichen Güter:
- Die Sorge für die Befriedigung der Bedürfnisse ist die wichtigste menschliche Bestrebung.
- Der Bedarf ist die Menge von Gütern, die zur Befriedigung von Bedürfnissen benötigt werden.
- Menschen sorgen in der Regel für die Deckung ihres Bedarfs in kommenden Zeiträumen.
- Das Wort „Bedarf“ hat eine doppelte Bedeutung: einmal die vollständige Befriedigung und zum anderen die Güterquantitäten.
- Der Bedarf an Gütern erster Ordnung bedingt den Bedarf an Gütern höherer Ordnung.
- Der Mensch kann durch Erkenntnis die Bedürfnisse nach der Zukunft berechnen.
- Der Grad der Unsicherheit über die Quantität und Qualität von Gütern im Produktionsprozess beeinflusst den Werth.
- Die Lehre vom Werthe:
- Der Wert ist die Bedeutung, die Güter durch ihren Bezug zu unseren Bedürfnissen erhalten.
- Er ist nicht etwas Anhaftendes am Gut, sondern eine Beziehung zwischen Mensch und Objekt.
- Der Wert leitet sich aus dem Bedürfnis nach Befriedigung, dem Causalzusammenhang mit dem Ding und der Erkenntnis dieser Zusammenhänge ab.
- Es gibt eine Beziehung der Güter untereinander, wo die Güter zweiter Ordnung durch Güter erster Ordnung bedingt sind.
- Die Güter stehen in einer Ordnung, die den Causalzusammenhang zeigt, mit den Bedürfnissen des Menschen.
- Die Güter höherer Ordnung stehen ebenfalls unter den Gesetzen der Güterqualität.
- Sechstes Capitel. Gebrauchswerth und Tauschwerth
- Der Autor geht auf die Theorie des Gebrauchswerthes ein, die die Dinge unter dem Gesictspunkt ihrer Befriedigungsmöglichkeiten einteilt, und den Tauschwerth, der durch die Beziehungen zwischen Gütern auf dem Markt entsteht.
- Siebentes Capitel. Die Lehre von der Waare
- Hier diskutiert der Autor den Begriff der Waare im populären und wissenschaftlichen Sinne und analysiert die Absatzfähigkeit von Waaren.
- Achtes Capitel. Die Lehre vom Gelde
- Der Autor beschreibt das Wesen und den Ursprung des Geldes, die unterschiedliche Natur des Geldes für verschiedene Völker und die Bedeutung des Geldes als Messstab der Preise und als Form der Münzen.
Schlüsselthemen:
- Subjektivismus: Der Wert ist nicht objektiv, sondern hängt von der Wahrnehmung und den Bedürfnissen des Einzelnen ab.
- Ursächlichkeit: Die Beziehungen zwischen Gütern sind durch Ursache und Wirkung bestimmt.
- Hierarchie der Bedürfnisse: Es gibt eine Hierarchie von Bedürfnissen und daher auch eine Ordnung der Güter.
- Handeln: Menschen handeln, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
- Bedeutung der Zeit: Die Zeit spielt eine wesentliche Rolle in wirtschaftlichen Prozessen, da sie bei der Produktion und dem Verbrauch von Gütern eine Rolle spielt.
Fazit:
Dieser Text von Carl Menger bietet eine frühe, systematische und subjektivistische Analyse der Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. Es stellt einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der modernen Wirtschaftslehre dar. Es betont die subjektive Natur des Wertes, die Rolle des Menschen in der Wirtschaft, die Hierarchie der Güter und die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Bedürfnis und Verfügung. Die Detailgenauigkeit und der argumentative Aufbau verdeutlichen Mengers analytischen Ansatz und seine Ambition, die Volkswirtschaftslehre auf ein sicheres wissenschaftliches Fundament zu stellen.
Die „österreichische Schule“ der Nationalökonomie, auch als „Wiener Schule“ bekannt, ist eine wirtschaftswissenschaftliche Denkschule, die sich durch ihre besondere Betonung individueller Handlungen, subjektiver Werte und methodologischen Individualismus auszeichnet. Ihre Ursprünge gehen auf das späte 19. Jahrhundert zurück, und sie hat eine bedeutende Rolle in der Geschichte der ökonomischen Theorie gespielt. Im Folgenden werden die zentralen Merkmale, Hauptvertreter und die Kritik an dieser Denkrichtung dargestellt.
Entstehung und Grundlagen
Die österreichische Schule wurde im Jahr 1871 durch die Publikation von Carl Mengers Werk „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ begründet. Dieses Buch legte den Grundstein für die sogenannte „marginale Revolution“, die den Übergang von der klassischen Ökonomie (vertreten durch Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill) zu einer moderneren Perspektive auf ökonomische Phänomene markierte. Menger kritisierte den objektiven Wertbegriff der klassischen Ökonomie und führte stattdessen das Konzept des subjektiven Wertes ein: Der Wert eines Gutes wird durch die individuelle Bewertung eines Menschen bestimmt, nicht durch die Arbeitszeit oder die Produktionskosten.
Zentrale theoretische Ansätze der österreichischen Schule umfassen:
- Methodologischer Individualismus: Gesellschaftliche Phänomene werden aus den Handlungen und Entscheidungen individueller Akteure erklärt.
- Subjektive Werttheorie: Der Wert eines Gutes ergibt sich aus seiner Fähigkeit, individuelle Bedürfnisse zu befriedigen.
- Zeitliche Präferenz: Individuen bewerten gegenwärtige Güter höher als zukünftige Güter, was die Grundlage für die Zinsbildung bildet.
- Spontane Ordnung: Märkte entwickeln sich organisch und folgen keiner zentralen Planung, sondern resultieren aus der Interaktion freier Individuen.
Hauptvertreter und ihre Beiträge
- Carl Menger (1840–1921): Begründete die Schule mit der subjektiven Wertlehre und legte den methodologischen Individualismus fest.
- Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914): Entwickelte die Kapital- und Zinstheorie weiter und betonte die Rolle der zeitlichen Präferenz.
- Friedrich von Wieser (1851–1926): Führte das Konzept der Opportunitätskosten ein.
- Ludwig von Mises (1881–1973): War ein zentraler Vertreter der Schule im 20. Jahrhundert. Mit seinem Hauptwerk „Human Action“ legte er die Grundlage der praxeologischen Methode, die wirtschaftliche Phänomene als Ergebnisse bewusster menschlicher Handlungen versteht.
- Friedrich August von Hayek (1899–1992): Trug zur Theorie des Wissens in der Wirtschaft und zur Kritik der Zentralplanung bei. Hayek erhielt 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Theorie der Marktwirtschaft
Die österreichische Schule sieht die Marktwirtschaft als einen Prozess an, in dem Unternehmer durch Versuch und Irrtum Wissen über Präferenzen und Produktionsmethoden erwerben. Dieser dynamische Prozess wird durch Preissignale koordiniert, die Informationen über Knappheiten und Präferenzen transportieren. Zentral ist die Idee, dass staatliche Eingriffe oft ineffizient sind, da sie die spontane Ordnung stören.
Kritik an der österreichischen Schule
Die österreichische Schule hat sowohl inhaltliche als auch methodologische Kritik erfahren:
- Ablehnung mathematischer Modellierung: Kritiker bemängeln, dass die österreichische Schule wenig Wert auf quantitative und empirische Analysen legt und somit ihre Theorien schwer testbar sind.
- Marktfundamentalismus: Gegner werfen Vertretern der Schule vor, Märkte zu idealisieren und die Notwendigkeit staatlicher Regulation zu unterschätzen.
- Theorie des Geldes: Die österreichische Konjunkturtheorie, die Wirtschaftskrisen auf eine künstliche Senkung des Zinssatzes durch Zentralbanken zurückführt, wird als unzureichend komplex betrachtet.
Relevanz und Einfluss
Die österreichische Schule hat vor allem im Bereich der liberalen Wirtschaftstheorie großen Einfluss. Ihre Ideen finden sich in politischen Bewegungen wieder, die für freie Märkte, minimale staatliche Eingriffe und Individualismus eintreten. In den letzten Jahrzehnten hat die Schule durch Think Tanks und akademische Institutionen wie das Mises Institute eine Wiederbelebung erfahren.
Fazit
Die österreichische Schule der Nationalökonomie bietet eine einzigartige Perspektive auf ökonomische Prozesse, die besonders die Rolle individueller Entscheidungen und die Dynamik von Märkten betont. Ihre Beiträge sind vor allem im Bereich der Theorie der Marktwirtschaft und der Kritik an zentraler Planung von Bedeutung. Gleichzeitig bleibt ihre Ablehnung empirischer Methoden ein Punkt intensiver Kontroverse in der Wirtschaftswissenschaft. Diese Spannungsfelder machen die österreichische Schule zu einer sowohl faszinierenden als auch umstrittenen Strömung innerhalb der ökonomischen Theorie.