Kapi­tal­markt­be­wer­tung im Spie­gel der Kenn­zah­len: War­um EV/EBITDA und KGV mehr sind als blo­ße Zah­len

In einer Zeit wach­sen­der Unsi­cher­heit auf den Kapi­tal­märk­ten, in der mone­tä­re Expan­si­on und geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen glei­cher­ma­ßen die Bewer­tungs­maß­stä­be ver­schie­ben, wächst das Bedürf­nis nach objek­ti­vier­ten Bewer­tungs­in­stru­men­ten. Zwei der pro­mi­nen­tes­ten Werk­zeu­ge zur Ein­schät­zung des inne­ren Werts eines Unter­neh­mens sind das EV/E­BIT­DA-Ver­hält­nis und das Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis (KGV). Doch in der Anwen­dung bei­der Kenn­zah­len offen­bart sich nicht nur deren ana­ly­ti­sches Poten­zi­al – son­dern auch deren ideo­lo­gi­sche Prä­gung und metho­di­sche Begrenzt­heit.

Das EV/E­BIT­DA-Ver­hält­nis – also das Ver­hält­nis des Unter­neh­mens­wer­tes zu den ope­ra­ti­ven Gewin­nen vor Zin­sen, Steu­ern, Abschrei­bun­gen und Amor­ti­sa­tio­nen – steht für eine nüch­ter­ne, struk­tur­un­ab­hän­gi­ge Betrach­tung des Unter­neh­mens­werts. Es befreit die Ana­ly­se von der will­kür­li­chen Gestal­tung des Finanz­ergeb­nis­ses und schafft eine Ver­gleich­bar­keit auch dort, wo Kapi­tal­struk­tu­ren diver­gie­ren. In der Pra­xis erfreut sich die­ser Mul­ti­pli­ka­tor beson­ders in Pri­va­te-Equi­ty-Krei­sen hoher Beliebt­heit, da er eine Brü­cke schlägt zwi­schen ope­ra­ti­ver Ertrags­kraft und Markt­wert – und somit ein ver­läss­li­cher Grad­mes­ser für poten­zi­el­le Über­nah­men und Restruk­tu­rie­run­gen ist. In kapi­tal­in­ten­si­ven Bran­chen wie der Ver­sor­gungs­wirt­schaft oder dem Maschi­nen­bau aller­dings ver­liert EV/EBITDA an Aus­sa­ge­kraft, da es kei­ne Rück­schlüs­se auf die Inves­ti­ti­ons­in­ten­si­tät zulässt – ein Umstand, der schnell zu Fehl­ein­schät­zun­gen füh­ren kann.

Das KGV hin­ge­gen spie­gelt weni­ger das Unter­neh­men selbst als viel­mehr die kol­lek­ti­ve Ein­schät­zung des Mark­tes über des­sen zukünf­ti­ge Gewin­ne wider. Es ist Aus­druck des Ver­trau­ens – oder Miss­trau­ens – der Anle­ger. Ein nied­ri­ges KGV kann auf eine Unter­be­wer­tung hin­deu­ten, mög­li­cher­wei­se gar auf eine anti­zy­kli­sche Chan­ce für lang­fris­tig ori­en­tier­te Inves­to­ren. Umge­kehrt kann ein hohes KGV durch­aus Ratio­na­li­tät in Form von berech­tig­tem Wachs­tums­po­ten­zi­al reflek­tie­ren – oder eben Aus­druck spe­ku­la­ti­ver Exzes­se sein, wie sie in tech­no­lo­gie­ge­trie­be­nen Märk­ten nicht unüb­lich sind. In bei­den Fäl­len ist das KGV immer auch ein Spie­gel der Erwar­tun­gen – nicht nur der öko­no­mi­schen, son­dern auch der psy­cho­lo­gi­schen.

Bei­de Kenn­zah­len eint ihr fun­da­men­ta­ler Anspruch, objek­ti­vier­ba­re Kri­te­ri­en für eine Bewer­tung zu lie­fern, doch unter­schei­den sie sich in ihrer onto­lo­gi­schen Tie­fe: EV/EBITDA rich­tet den Blick nach innen, auf das tat­säch­li­che Ertrags­po­ten­zi­al eines Unter­neh­mens; das KGV rich­tet den Blick nach außen, auf die Pro­jek­tio­nen des Mark­tes und sei­ne Preis­be­reit­schaft. In ihrer Kom­bi­na­ti­on ergibt sich ein voll­stän­di­ge­res Bild – gleich­sam ein inne­res und ein äuße­res Wert­ur­teil. Wo EV/EBITDA tief in die ope­ra­ti­ve Sub­stanz ein­taucht, lotet das KGV die Ober­flä­che der Markt­psy­cho­lo­gie aus.

Gera­de kon­ser­va­tiv-bür­ger­lich gepräg­te Inves­to­ren, die lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät und wert­ori­en­tier­tes Anle­gen dem spe­ku­la­ti­ven Momen­tum vor­zie­hen, sind gut bera­ten, bei­de Instru­men­te nicht iso­liert, son­dern im Ver­bund zu nut­zen. Es ist Aus­druck finanz­öko­no­mi­scher Klug­heit, nicht der Illu­si­on einer abso­lu­ten Wahr­heit zu ver­fal­len, son­dern die Viel­zahl rela­ti­ver Per­spek­ti­ven zu einer plau­si­blen Syn­the­se zu for­men.

Der Kapi­tal­markt ist kein Ort der end­gül­ti­gen Wahr­hei­ten, son­dern ein Raum kon­kur­rie­ren­der Deu­tun­gen. Die Kunst der Bewer­tung liegt weni­ger in der Berech­nung als im Urteil. Und die­ses Urteil, so zeigt der reflek­tier­te Umgang mit EV/EBITDA und KGV, erfor­dert nicht nur Zah­len­ver­ständ­nis, son­dern auch wirt­schaft­li­che Bil­dung, his­to­ri­sches Bewusst­sein und die Bereit­schaft zur kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem, was Märk­te uns über Unter­neh­men zu sagen glau­ben. Wer das ver­steht, inves­tiert nicht nur mit dem Taschen­rech­ner – son­dern mit Ver­stand.


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