Atomkraft im Klimawandel
Die Debatte über eine mögliche Rückkehr zur Kernenergie hat in Deutschland wieder an Dynamik gewonnen. Befürworter verweisen vor allem auf die vergleichsweise niedrigen CO₂-Emissionen im laufenden Betrieb, die hohe Energiedichte und die grundsätzliche Fähigkeit von Kernkraftwerken, große Strommengen unabhängig von Wind und Sonneneinstrahlung zu erzeugen. Weniger Aufmerksamkeit erhält bislang die Frage, wie zuverlässig solche Anlagen unter den Bedingungen eines zunehmend wärmeren und trockeneren Klimas betrieben werden können. Dabei zeigen aktuelle Entwicklungen in mehreren europäischen Ländern, dass die Verfügbarkeit von Kernkraftwerken wesentlich von ausreichenden und geeigneten Kühlwasserressourcen abhängt.
Besonders deutlich wird dieses Problem am ungarischen Kernkraftwerk Paks. Die Anlage erzeugt nahezu die Hälfte des ungarischen Stroms und ist damit für die nationale Energieversorgung von zentraler Bedeutung. Wegen rekordniedriger Wasserstände der Donau mussten die vier Reaktoren ihre Leistung jedoch stark reduzieren. Zeitweise liefen sie nur noch mit etwa einem Viertel ihrer gemeinsamen Kapazität. Eine vollständige Abschaltung stand im Raum, weil das Flusswasser für die Kühlung der Anlage benötigt wird und der Pegel weiter zu sinken drohte.
Der Fall Paks ist kein isoliertes Ereignis. Auch in Frankreich, wo Kernenergie einen besonders hohen Anteil an der Stromproduktion hat, führten hohe Flusstemperaturen und geringe Wasserstände zu erheblichen Einschränkungen. Viele französische Reaktoren nutzen Flusswasser zur Kühlung und geben anschließend erwärmtes Wasser zurück. Umweltrechtliche Vorgaben begrenzen diese Einleitungen, wenn die Gewässer bereits stark aufgeheizt sind. In solchen Situationen müssen Reaktoren ihre Leistung reduzieren oder vorübergehend abgeschaltet werden. Nach den im Bloomberg-Artikel genannten Daten gingen in Frankreich allein im Juni und Juli mehr als 3,7 Terawattstunden Kernkraftproduktion durch temperaturbedingte Beschränkungen verloren. Damit wurde der bisherige Sommerrekord deutlich überschritten.
Technisch betrachtet entstehen zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Risiken. Bei anhaltender Trockenheit sinkt zunächst die verfügbare Wassermenge. Dadurch kann die Kühlleistung begrenzt werden, insbesondere bei Anlagen, die auf große Mengen von Flusswasser angewiesen sind. Gleichzeitig steigen während Hitzeperioden die Wassertemperaturen. Je wärmer das zugeführte Kühlwasser ist, desto geringer ist die thermische Effizienz des Kraftwerks. Zudem kann die zusätzliche Erwärmung des Flusses ökologische Grenzwerte überschreiten. Die Folge sind Leistungsdrosselungen aus technischen oder regulatorischen Gründen.
Diese Einschränkungen sind energiepolitisch besonders relevant, weil sie häufig in Phasen auftreten, in denen das Stromsystem ohnehin belastet ist. Während Hitzewellen steigt der Stromverbrauch durch Klimaanlagen und Kühlung. Gleichzeitig kann die Wasserkraft unter Trockenheit leiden, weil Flüsse und Speicher weniger Wasser führen. Wenn dann auch Kernkraftwerke ihre Leistung reduzieren müssen, fallen mehrere als verlässlich geltende Erzeugungsquellen gleichzeitig teilweise aus. Europa ist in solchen Situationen stärker auf Stromimporte, fossile Kraftwerke und wetterabhängige erneuerbare Energien angewiesen. Das kann die Großhandelspreise erhöhen und die Versorgungssicherheit regional verschärfen.
Aus den beschriebenen Problemen folgt allerdings nicht, dass Kernkraftwerke bei hohen Temperaturen grundsätzlich nicht betrieben werden können. Die Verwundbarkeit hängt wesentlich vom Standort und vom Kühlsystem ab. Anlagen mit Kühltürmen, geschlossenen Kühlkreisläufen oder Zugang zu großen Küstengewässern sind weniger direkt von einzelnen Flusspegeln abhängig. Auch solche Systeme benötigen jedoch Wasser, zusätzliche Infrastruktur und Eigenenergie. Zudem müssen sie auf die klimatischen Bedingungen während der gesamten vorgesehenen Betriebsdauer ausgelegt sein. Bei Neubauprojekten, deren Planung, Bau und Betrieb mehrere Jahrzehnte umfassen können, reicht es daher nicht aus, historische Wasserstände und Temperaturwerte zugrunde zu legen.
Für eine belastbare Bewertung der Kernenergie in Deutschland müsste deshalb stärker zwischen installierter Leistung und tatsächlich gesicherter Leistung unterschieden werden. Entscheidend ist nicht nur, welche Strommenge ein Reaktor unter normalen Bedingungen erzeugen kann, sondern welche Leistung auch während langanhaltender Hitze- und Trockenperioden verfügbar bleibt. Dazu wären standortspezifische Analysen zu Wasserverfügbarkeit, Gewässertemperatur, ökologischen Grenzwerten, Kühltechnik und möglichen Anpassungskosten erforderlich.
Die aktuelle europäische Entwicklung zeigt, dass klimatische Veränderungen nicht nur Wind- und Solarstrom betreffen. Auch konventionelle Großkraftwerke sind von Wetter, Wasserführung und Temperatur abhängig. Eine sachliche deutsche Atomkraftdebatte müsste diesen Zusammenhang systematisch berücksichtigen. Die Frage lautet daher nicht allein, ob Kernenergie CO₂-arm Strom erzeugen kann, sondern auch, wie zuverlässig, wirtschaftlich und ökologisch sie unter den Bedingungen des Klimawandels betrieben werden kann.