Manu­el Hagels Beför­de­rung ist ein Affront gegen die Wäh­ler­schaft

Manu­el Hagel wird neu­er Innen­mi­nis­ter in Baden-Würt­tem­berg. Macht­po­li­tisch mag das fol­ge­rich­tig wir­ken: Der CDU-Lan­des­chef und bis­he­ri­ge Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de greift nach dem sicht­bars­ten Res­sort, das sei­ne Par­tei in der neu­en Lan­des­re­gie­rung über­haupt bean­spru­chen kann. Inne­re Sicher­heit gehört zum rhe­to­ri­schen Mar­ken­kern der Uni­on, und das Innen­mi­nis­te­ri­um garan­tiert maxi­ma­le öffent­li­che Prä­senz. Doch genau dar­in liegt das Pro­blem: Die­se Per­so­na­lie ist kein poli­ti­scher Glücks­fall, son­dern ein Lehr­stück über die Selbst­be­die­nungs­men­ta­li­tät einer Par­tei, die aus Wahl­nie­der­la­gen kei­ne Kon­se­quen­zen mehr zu zie­hen bereit ist.

Denn Hagel über­nimmt das Amt nicht aus einer Posi­ti­on der Stär­ke, son­dern aus einer der Schwä­che. Er war als Spit­zen­kan­di­dat ange­tre­ten, führ­te mona­te­lang in Umfra­gen, lag zeit­wei­se deut­lich vor den Grü­nen – und ver­lor am Ende den­noch
gegen Cem Özd­emir. Eine Nie­der­la­ge, die er selbst zu ver­ant­wor­ten hat. Dass er nach die­sem Deba­kel nicht etwa in die zwei­te Rei­he tritt, son­dern mit einem Schlüs­sel­res­sort und dem Pos­ten des stell­ver­tre­ten­den Minis­ter­prä­si­den­ten belohnt wird, ist mehr als frag­wür­dig. Es ist ein offe­ner Bruch mit dem demo­kra­ti­schen Prin­zip, dass Wahl­er­geb­nis­se Fol­gen haben soll­ten. Hier wird ein geschei­ter­ter Bewer­ber mit dem sen­si­bels­ten Minis­te­ri­um des Lan­des ent­schä­digt – weil die Par­tei­hier­ar­chie es so will, nicht weil die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler es legi­ti­miert hät­ten.

Beson­ders bri­sant ist aus­ge­rech­net die Wahl des Innen­res­sorts. Es ver­zeiht kei­ne Feh­ler. Wer für Poli­zei, Ter­ror­ab­wehr, Groß­la­gen, Kata­stro­phen­schutz und öffent­li­che Sicher­heit ver­ant­wort­lich ist, muss nicht ver­wal­ten, son­dern in Kri­sen sou­ve­rän füh­ren – unter Zeit­druck, unter media­lem Dau­er­feu­er, ohne Pro­be­lauf. Hagel hat die­se Füh­rungs­qua­li­tät bis­lang an kei­ner Stel­le bele­gen müs­sen. Sei­ne poli­ti­sche Kar­rie­re ist eine Geschich­te kon­trol­lier­ter Auf­trit­te, sorg­fäl­tig kura­tier­ter Bot­schaf­ten und par­tei­in­ter­ner Netz­werk­pfle­ge. Nichts davon berei­tet auf einen miss­glück­ten Poli­zei­ein­satz, eine isla­mis­ti­sche Anschlags­la­ge oder ein Hoch­was­ser­de­sas­ter vor. Schon im Wahl­kampf war­fen Kri­ti­ker Hagel inhalt­li­che Lee­re, über­steu­er­te Insze­nie­rung und man­geln­de Spon­ta­nei­tät vor. In einem Res­sort, das Impro­vi­sa­ti­ons­fä­hig­keit und Kri­sen­fes­tig­keit ver­langt, sind das kei­ne Neben­säch­lich­kei­ten, son­dern exis­ten­zi­el­le Defi­zi­te.

Die Per­so­na­lie offen­bart zudem ein tie­fer lie­gen­des Pro­blem der Süd­west-CDU. Die Par­tei hat trotz güns­ti­ger Aus­gangs­la­ge ver­lo­ren und reagiert dar­auf mit einem fast trot­zi­gen „Wei­ter so”. Statt die Nie­der­la­ge auf­zu­ar­bei­ten, per­so­nell Kon­se­quen­zen zu zie­hen und pro­gram­ma­tisch nach­zu­jus­tie­ren, zemen­tiert sie die
bestehen­de Macht­struk­tur. Hagel bleibt Lan­des­vor­sit­zen­der, wird
stell­ver­tre­ten­der Minis­ter­prä­si­dent und bekommt das pres­ti­ge­träch­tigs­te Minis­te­ri­um oben­drauf – eine Ämter­häu­fung, die nicht Stär­ke, son­dern Alter­na­tiv­lo­sig­keit doku­men­tiert. In einer Par­tei, die auf Erneue­rung ange­wie­sen wäre, ist das ein Armuts­zeug­nis.

Hin­zu kommt die inhalt­li­che Gefahr: Sicher­heits­po­li­tik eig­net sich denk­bar schlecht für die Art von Kam­pa­gnen­kom­mu­ni­ka­ti­on, die Hagels bis­he­ri­ges Mar­ken­zei­chen war. Paro­len zu Migra­ti­on, „Ord­nung” oder „har­ter Hand” mögen Bei­fall auf Par­tei­ta­gen ern­ten – im ope­ra­ti­ven All­tag eines Innen­mi­nis­ters sind sie wert­los oder sogar schäd­lich. Wer hier nur Schlag­wor­te lie­fert, wird von der Rea­li­tät bin­nen Mona­ten ein­ge­holt. Hagel müss­te bewei­sen, dass er mehr kann als Rhe­to­rik, dass er Behör­den füh­ren, Wider­spruch aus­hal­ten und in Kri­sen trans­pa­rent kom­mu­ni­zie­ren kann. Dass aus­ge­rech­net er die­ses Pro­fil mit­bringt, hat er bis­her nicht belegt – und sei­ne Kri­ti­ker wer­den ihm nichts schen­ken.

Auch für Cem Özd­emir ist die­se Kon­stel­la­ti­on ris­kan­ter, als die freund­li­che Spra­che des Koali­ti­ons­frie­dens ver­mu­ten lässt. Er holt sich einen ange­schla­ge­nen, zugleich hoch­am­bi­tio­nier­ten Riva­len ins Zen­trum der Macht, der aus sei­ner Nie­der­la­ge her­aus unter Pro­fi­lie­rungs­druck steht. Das Innen­mi­nis­te­ri­um wird damit abseh­bar zu einem Neben­zen­trum der Regie­rung, in dem ein kon­ser­va­ti­ver Gegen­spie­ler sitzt, der jede Gele­gen­heit zur Abgren­zung von den Grü­nen nut­zen wird. Schei­tert Hagel, reißt er das Kabi­nett mit in die Tie­fe. Hat er Erfolg, nutzt er das Amt als Sprung­brett gegen sei­nen Regie­rungs­chef. Für Özd­emir gibt es in die­ser Kon­stel­la­ti­on kaum einen ech­ten Gewinn.

Hagels Wech­sel ins Innen­mi­nis­te­ri­um ist des­halb kein Neu­an­fang, son­dern ein poli­ti­scher Selbst­be­die­nungs­akt mit erheb­li­chem Risi­ko. Er erhält die Chan­ce, sei­ne Nie­der­la­ge in einen Kar­rie­re­sprung umzu­schrei­ben – finan­ziert mit einem Res­sort, in dem Feh­ler Men­schen gefähr­den kön­nen. Wer sich auf die­se Büh­ne stellt, kann sich nicht län­ger hin­ter Par­tei­dis­zi­plin, Koali­ti­ons­rä­son oder PR-Stra­te­gien ver­schan­zen. Manu­el Hagel hat bekom­men, was er woll­te. Ob er dem Amt gewach­sen ist, ist eine ganz ande­re Fra­ge – und sie ist, Stand heu­te, alles ande­re als beant­wor­tet.


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