Die deutsche Automobilindustrie steht vor der tiefgreifendsten Umbruchphase ihrer Geschichte. Elektrifizierung, Digitalisierung, neue Wettbewerber aus China und den USA sowie veränderte geopolitische Rahmenbedingungen setzen ein jahrzehntelang erfolgreiches Geschäftsmodell unter massiven Transformationsdruck. Produktionsverlagerungen, Stellenabbau und eine Erosion traditioneller Zulieferstrukturen nähren die Sorge, dass eine zentrale Säule der deutschen Industrieordnung dauerhaft an Bedeutung verlieren könnte.
Vor diesem Hintergrund mehren sich Stimmen, die in der Rüstungsindustrie eine mögliche neue Leitbranche erkennen. Angesichts steigender Verteidigungsausgaben, sicherheitspolitischer Spannungen und wachsender staatlicher Investitionsprogramme wird argumentiert, die Verteidigungswirtschaft könne freiwerdende industrielle Kapazitäten aufnehmen und verlorene Arbeitsplätze kompensieren. Teilweise wird sogar die These vertreten, sie könne die Automobilindustrie langfristig ersetzen.
Eine solche Erwartung erscheint bei näherer Betrachtung jedoch zweifelhaft. Zwar bietet die Rüstungsindustrie in einzelnen Segmenten Wachstumschancen und technologisches Potenzial. Doch ihre strukturellen Voraussetzungen – insbesondere Marktgröße, Beschäftigungsintensität, Exportmechanismen und staatliche Abhängigkeit – unterscheiden sich grundlegend von denen einer globalen Konsum- und Investitionsgüterindustrie wie dem Automobilsektor.
Dieses Spannungsfeld bildet den Ausgangspunkt der folgenden Analyse. Sie fragt, ob die Verteidigungswirtschaft tatsächlich das ökonomische Gewicht und die systemische Reichweite besitzt, um eine der tragenden Industrien Deutschlands zu ersetzen – oder ob es sich dabei eher um eine politisch aufgeladene Hoffnung handelt, die einer nüchternen Prüfung nicht standhält.
Die Frage, ob die Rüstungsindustrie die Autoindustrie in Deutschland ersetzen kann, betrifft weit mehr als nur Produktionszahlen. Es geht um Wertschöpfung, Beschäftigungsstruktur, Exportmärkte, Innovationsdynamik, politische Rahmenbedingungen und ethische Implikationen. Eine differenzierte Betrachtung zeigt: Ein vollständiger Ersatz ist weder ökonomisch realistisch noch strukturell plausibel – selbst bei stark steigenden Verteidigungsausgaben.
1. Größenordnung und ökonomische Bedeutung
Autoindustrie: systemrelevant für die deutsche Volkswirtschaft
Die deutsche Automobilindustrie umfasst Konzerne wie Volkswagen AG, BMW AG und Mercedes-Benz Group sowie tausende Zulieferer.
Kennzahlen (gerundet):
- Rund 800.000 direkte Arbeitsplätze
- Ca. 5 % des BIP
- Über 15 % der deutschen Exporte
- Hohe regionale Konzentration (Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen)
Die Branche ist tief in globale Wertschöpfungsketten integriert und wirkt stark in andere Industrien hinein (Maschinenbau, Chemie, IT, Logistik).
Rüstungsindustrie: wachsend, aber strukturell kleiner
Zentrale Akteure sind u. a. Rheinmetall, Airbus Defence and Space (Teil von Airbus) und Hensoldt.
Kennzahlen (grobe Größenordnung):
- Etwa 100.000–150.000 direkte Arbeitsplätze
- Deutlich unter 2 % des BIP
- Stark abhängig von staatlichen Aufträgen
- Politisch regulierte Exportmärkte
Selbst mit erhöhten Verteidigungsbudgets (z. B. NATO-3,5%-Ziel) bleibt die Branche deutlich kleiner als die Automobilindustrie.
2. Strukturelle Unterschiede
a) Nachfragecharakter
- Autoindustrie: Konsum- und Investitionsgüter mit breitem globalem Massenmarkt.
- Rüstungsindustrie: Staatlich finanzierte Spezialgüter; Nachfrage politisch determiniert und zyklisch.
Ein zentraler Unterschied: Autos werden privat gekauft, Panzer nicht. Der Markt ist fundamental anders strukturiert.
b) Beschäftigungsstruktur und Qualifikation
Die Autoindustrie bietet:
- Große industrielle Massenproduktion
- Breite Qualifikationsniveaus (von Facharbeit bis High-End-Engineering)
Die Rüstungsindustrie ist:
- Technologisch hochspezialisiert
- Weniger arbeitsintensiv
- Kapital- und forschungsintensiv
Ein Transfer von hunderttausenden Arbeitsplätzen wäre daher unrealistisch.
c) Innovationsökosystem
Die Autoindustrie treibt:
- Elektromobilität
- Batterietechnologie
- Software-Integration
- KI im autonomen Fahren
Rüstungsinnovation wirkt zwar teilweise zivil (Dual-Use), aber:
- Technologietransfer ist reguliert
- Innovationsanreize sind weniger marktgetrieben
- Skaleneffekte fehlen
3. Politisch-strategische Perspektive
Ein massiver Ausbau der Rüstungsindustrie könnte:
- Regionale Industriecluster stabilisieren
- Hochtechnologie sichern
- Strategische Autonomie stärken
Aber:
- Haushaltsabhängigkeit:
Rüstungsnachfrage entsteht primär durch Staatsausgaben – also durch Steuern oder Schulden. - Exportproblematik:
Waffenexporte sind ethisch und außenpolitisch sensibel. Ein wirtschaftliches Modell, das stark auf Rüstungsexporte setzt, birgt diplomatische Risiken. - Konjunkturwirkung:
Militärische Nachfrage ersetzt keine breit getragene Konsumnachfrage.
4. Szenarioanalyse
Szenario A: Autoindustrie schrumpft stark
Gründe könnten sein:
- Wettbewerbsverlust gegenüber China
- Technologischer Rückstand bei E-Mobilität
- Strukturkrise bei Zulieferern
→ Selbst dann könnte Rüstung nur einen Bruchteil der entfallenen Wertschöpfung auffangen.
Szenario B: Verteidigungsausgaben steigen massiv
Selbst bei Verdopplung oder Verdreifachung:
- Keine vergleichbare Beschäftigungswirkung
- Stark begrenzter Exportmarkt
- Abhängigkeit von geopolitischen Krisen
5. Kritische Würdigung
Argumente, die für eine stärkere Rolle der Rüstungsindustrie sprechen:
- Geopolitische Zeitenwende
- Technologische Souveränität
- Staatliche Investitionssicherheit
Gegenargumente:
- Kein Massenmarkt
- Moralische Implikationen
- Fiskalische Belastung
- Geringere Multiplikatoreffekte
- Politische Abhängigkeit
Zudem wäre eine strategische „Substitution“ normativ problematisch: Wirtschaftliche Stabilität an militärische Aufrüstung zu koppeln, ist langfristig kein nachhaltiges Entwicklungsmodell.
6. Fazit
Die Rüstungsindustrie kann:
- punktuell industrielle Kapazitäten stabilisieren,
- Hochtechnologie sichern,
- einzelne Standorte stärken.
Sie kann jedoch:
- weder die Beschäftigungsdimension,
- noch die Exportstärke,
- noch die gesamtwirtschaftliche Systemrelevanz
der Automobilindustrie ersetzen.
Realistischer ist ein anderes Szenario:
Die deutsche Industrie transformiert sich breiter – etwa in Richtung Elektromobilität, erneuerbare Energien, Batterietechnik, Halbleiter, Wasserstofftechnologie und Digitalisierung – während die Rüstungsindustrie ergänzend wächst, aber nicht dominierend wird.