Sind Fei­er­ta­ge ein Stand­ort­nach­teil für Deutsch­land?

Ich habe den Schwer­punkt vom Han­del auf die Gesamt­wirt­schaft erwei­tert und die Mög­lich­kei­ten der Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit in Indus­trie und Unter­neh­men mit Auf­trags­spit­zen berück­sich­tigt.

Sind Fei­er­ta­ge ein Stand­ort­nach­teil für Deutsch­land?

In Deutsch­land wer­den gesetz­li­che Fei­er­ta­ge häu­fig aus der Per­spek­ti­ve der Beschäf­tig­ten betrach­tet. Sie gel­ten als geschütz­te Ruhe­zei­ten, ermög­li­chen Erho­lung und schaf­fen fes­te gesell­schaft­li­che Pau­sen. Aus Sicht der Unter­neh­men stellt sich dage­gen die Fra­ge, ob zusätz­li­che arbeits­freie Tage Pro­duk­ti­on, Umsatz und inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit beein­träch­ti­gen. Beson­ders im Ver­gleich mit den USA ent­steht bis­wei­len der Ein­druck, Deutsch­land ver­zich­te durch Fei­er­ta­ge und ein­ge­schränk­te Öff­nungs­zei­ten bewusst auf wirt­schaft­li­che Akti­vi­tät.

Die­se Ein­schät­zung ist jedoch stark davon abhän­gig, wel­che Bran­che betrach­tet wird. Am sicht­bars­ten sind die Aus­wir­kun­gen im sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del. Geschlos­se­ne Geschäf­te ver­mit­teln unmit­tel­bar den Ein­druck eines voll­stän­di­gen Umsatz­aus­falls. Vor allem rund um Weih­nach­ten und den Jah­res­wech­sel ver­dich­ten sich meh­re­re Tage mit ein­ge­schränk­ten Öff­nungs­zei­ten. Aus Sicht eines ein­zel­nen Händ­lers kön­nen dar­aus ent­gan­ge­ne Ver­kaufs­chan­cen, höhe­re Lager­kos­ten und orga­ni­sa­to­ri­sche Belas­tun­gen ent­ste­hen.

Ein geschlos­se­ner Ver­kaufs­tag bedeu­tet aller­dings nicht auto­ma­tisch, dass der ent­spre­chen­de Umsatz voll­stän­dig ver­lo­ren geht. Ein erheb­li­cher Teil der Nach­fra­ge wird zeit­lich ver­la­gert. Lebens­mit­tel wer­den vor dem Fei­er­tag ein­ge­kauft, Anschaf­fun­gen vor­ge­zo­gen oder Waren online bestellt. Ande­re Bran­chen, dar­un­ter Gas­tro­no­mie, Tou­ris­mus, Frei­zeit­wirt­schaft, Ver­kehr und Online­han­del, kön­nen an Fei­er­ta­gen sogar zusätz­li­che Nach­fra­ge ver­zeich­nen. Auch län­ge­re Laden­öff­nungs­zei­ten füh­ren nicht zwangs­läu­fig zu pro­por­tio­nal höhe­ren Erlö­sen, da ihnen zusätz­li­che Personal‑, Energie‑, Sicher­heits- und Logis­tik­kos­ten gegen­über­ste­hen.

Die wirt­schaft­li­che Wir­kung von Fei­er­ta­gen lässt sich des­halb nicht allein anhand geschlos­se­ner Laden­tü­ren beur­tei­len. In Indus­trie, Logis­tik, Ener­gie­ver­sor­gung, Gesund­heits­we­sen und vie­len ande­ren Berei­chen kann auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen gear­bei­tet wer­den. Das deut­sche Arbeits­zeit­recht sieht zwar grund­sätz­lich eine Sonn- und Fei­er­tags­ru­he vor, ent­hält jedoch zahl­rei­che Aus­nah­men. Die­se betref­fen unter ande­rem kon­ti­nu­ier­li­che Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, tech­ni­sche Anla­gen, Ver­sor­gungs­leis­tun­gen, Ver­kehr, Sicher­heit, Gesund­heit und Tätig­kei­ten, die nicht ohne erheb­li­che Schä­den oder unver­hält­nis­mä­ßi­ge Unter­bre­chun­gen auf einen Werk­tag ver­scho­ben wer­den kön­nen.

In Indus­trie­be­trie­ben kann ein voll­stän­di­ger Still­stand sogar wirt­schaft­lich und tech­nisch pro­ble­ma­tisch sein. Hoch­öfen, che­mi­sche Anla­gen, Ener­gie­er­zeu­gung, Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on oder auto­ma­ti­sier­te Fer­ti­gungs­sys­te­me las­sen sich nicht in jedem Fall kurz­fris­tig her­un­ter­fah­ren und anschlie­ßend ohne Auf­wand wie­der hoch­fah­ren. In sol­chen Betrie­ben wird häu­fig im Schicht­sys­tem pro­du­ziert. Fei­er­ta­ge ver­än­dern dann nicht zwin­gend das Pro­duk­ti­ons­vo­lu­men, son­dern vor allem die Per­so­nal­pla­nung und die Kos­ten­struk­tur.

Auch Unter­neh­men mit zeit­wei­se stark schwan­ken­der Nach­fra­ge kön­nen unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen an Sonn- und Fei­er­ta­gen arbei­ten. Auf­trags­spit­zen, drin­gen­de Lie­fer­ter­mi­ne oder uner­war­te­te betrieb­li­che Situa­tio­nen kön­nen zusätz­li­che Arbeits­zei­ten erfor­der­lich machen. Dafür bestehen tarif­li­che, betrieb­li­che oder behörd­lich geneh­mig­te Son­der­re­ge­lun­gen. Fei­er­tags­ar­beit ist damit in Deutsch­land nicht grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen. Sie ist jedoch an recht­li­che Vor­aus­set­zun­gen gebun­den und muss in der Regel durch Ersatz­ru­he­ta­ge oder tarif­lich ver­ein­bar­te Zuschlä­ge aus­ge­gli­chen wer­den.

Nicht jede Auf­trags­spit­ze recht­fer­tigt aller­dings auto­ma­tisch eine Aus­nah­me. Plan­ba­re Mehr­ar­beit, dau­er­haft zu knapp bemes­se­ne Kapa­zi­tä­ten oder gewöhn­li­che sai­so­na­le Schwan­kun­gen kön­nen nicht ohne Wei­te­res als außer­ge­wöhn­li­cher Grund für Fei­er­tags­ar­beit her­an­ge­zo­gen wer­den. Die Unter­neh­men müs­sen des­halb ihre Per­so­nal- und Pro­duk­ti­ons­pla­nung so orga­ni­sie­ren, dass gesetz­li­che Ruhe­zei­ten grund­sätz­lich ein­ge­hal­ten wer­den. Wo dies aus tech­ni­schen, wirt­schaft­li­chen oder ver­sor­gungs­be­zo­ge­nen Grün­den nicht mög­lich ist, bestehen dif­fe­ren­zier­te Aus­nah­me­re­ge­lun­gen.

Aus unter­neh­me­ri­scher Sicht ver­ur­sa­chen Fei­er­ta­ge daher nicht nur mög­li­che Umsatz­aus­fäl­le, son­dern auch zusätz­li­che Kos­ten. Fei­er­tags­zu­schlä­ge, Ersatz­ru­he­ta­ge, kom­ple­xe­re Schicht­plä­ne und höhe­re admi­nis­tra­ti­ve Anfor­de­run­gen kön­nen die Pro­duk­ti­on ver­teu­ern. Beson­ders für inter­na­tio­nal täti­ge Unter­neh­men kann dies rele­vant sein, wenn aus­län­di­sche Wett­be­wer­ber an den­sel­ben Tagen ohne ver­gleich­ba­re Ein­schrän­kun­gen pro­du­zie­ren. Glo­ba­le Lie­fer­ket­ten, Finanz­märk­te und digi­ta­le Geschäfts­mo­del­le ori­en­tie­ren sich nicht an deut­schen Fei­er­ta­gen. Ein natio­na­ler Ruhe­tag kann daher Abstim­mungs­pro­ble­me und Ver­zö­ge­run­gen ver­ur­sa­chen.

Gleich­zei­tig ist die deut­sche Wirt­schaft an sol­che Unter­schie­de weit­ge­hend ange­passt. Pro­duk­ti­ons­plä­ne, Lager­be­stän­de, Lie­fer­ter­mi­ne und Schicht­mo­del­le berück­sich­ti­gen Fei­er­ta­ge im Vor­aus. Vie­le Unter­neh­men nut­zen arbeits­freie Tage für War­tungs­ar­bei­ten, tech­ni­sche Umrüs­tun­gen oder geplan­te Betriebs­still­stän­de. Ande­re ver­la­gern Arbeit auf Stand­or­te in Regio­nen oder Län­dern, in denen kein Fei­er­tag gilt. Der tat­säch­li­che wirt­schaft­li­che Scha­den hängt des­halb stark von der Plan­bar­keit, der Bran­che und dem jewei­li­gen Geschäfts­mo­dell ab.

Auch die häu­fig kri­ti­sier­te Pra­xis, Geschäf­te wegen einer Inven­tur an einem regu­lä­ren Werk­tag zu schlie­ßen, betrifft vor allem den Han­del. In moder­nen Indus­trie­un­ter­neh­men erfolgt die Bestands­kon­trol­le meist fort­lau­fend mit­hil­fe digi­ta­ler Waren­wirt­schafts- und Pro­duk­ti­ons­sys­te­me. Im Ein­zel­han­del kön­nen per­ma­nen­te Inven­tu­ren, Stich­pro­ben­ver­fah­ren und tech­ni­sche Erfas­sungs­sys­te­me eben­falls dazu bei­tra­gen, voll­stän­di­ge Schlie­ßun­gen zu ver­mei­den. Den­noch kann eine vor­über­ge­hen­de Betriebs­schlie­ßung orga­ni­sa­to­risch sinn­voll sein, wenn Per­so­nal­kos­ten, Prüf­vor­ga­ben oder tech­ni­sche Umstel­lun­gen eine Inven­tur außer­halb der regu­lä­ren Arbeits­zeit unver­hält­nis­mä­ßig ver­teu­ern wür­den.

Die ent­schei­den­de volks­wirt­schaft­li­che Fra­ge ist daher nicht, wie vie­le Fei­er­ta­ge ein Land hat, son­dern wie hoch das gesam­te Arbeits­vo­lu­men ist und wie pro­duk­tiv die geleis­te­ten Stun­den genutzt wer­den. Deutsch­land weist im inter­na­tio­na­len Ver­gleich ein rela­tiv nied­ri­ges durch­schnitt­li­ches Arbeits­vo­lu­men auf. Dies hängt jedoch wesent­lich mit dem hohen Teil­zeit­an­teil zusam­men. In der Indus­trie wird dage­gen häu­fig in Voll­zeit, im Mehr­schicht­be­trieb und teil­wei­se rund um die Uhr gear­bei­tet.

Für die deut­sche Wachs­tums­schwä­che sind struk­tu­rel­le Fak­to­ren deut­lich bedeut­sa­mer als ein­zel­ne Fei­er­ta­ge. Dazu gehö­ren der demo­gra­fi­sche Wan­del, Fach­kräf­te­man­gel, hohe Ener­gie­prei­se, kom­ple­xe Regu­lie­run­gen, lan­ge Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren, eine schlep­pen­de Digi­ta­li­sie­rung und gerin­ge Inves­ti­tio­nen in neue Tech­no­lo­gien. Auch hohe Abga­ben und begrenz­te Anrei­ze zur Aus­wei­tung der Erwerbs­ar­beit kön­nen das ver­füg­ba­re Arbeits­vo­lu­men ein­schrän­ken.

Fei­er­ta­ge kön­nen die­se Pro­ble­me an ein­zel­nen Stel­len ver­stär­ken. Sie füh­ren zu höhe­ren Per­so­nal­kos­ten, erschwe­ren inter­na­tio­na­le Abstim­mun­gen und begren­zen in man­chen Berei­chen die betrieb­li­che Fle­xi­bi­li­tät. Sie sind jedoch nicht als Haupt­ur­sa­che eines wirt­schaft­li­chen Abstiegs zu bewer­ten. Ein gro­ßer Teil der Indus­trie kann auch an Fei­er­ta­gen pro­du­zie­ren, sofern die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Ande­re Unter­neh­men kön­nen ihre Arbeit vor­zie­hen, nach­ho­len oder durch fle­xi­ble Schicht­mo­del­le auf­fan­gen.

Hin­zu kommt, dass Frei­zeit einen eige­nen wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Wert besitzt. Sie dient der Erho­lung, der fami­liä­ren Betreu­ung und der lang­fris­ti­gen Leis­tungs­fä­hig­keit der Beschäf­tig­ten. Eine Volks­wirt­schaft muss daher nicht mög­lichst vie­le Arbeits­stun­den leis­ten, um erfolg­reich zu sein. Ent­schei­dend ist, wel­che Wert­schöp­fung inner­halb die­ser Arbeits­zeit ent­steht.

Deutsch­land steht somit weni­ger vor einem rei­nen Fei­er­tags­pro­blem als vor einem Produktivitäts‑, Kos­ten- und Fle­xi­bi­li­täts­pro­blem. Geschütz­te Ruhe­zei­ten und wirt­schaft­li­che Wett­be­werbs­fä­hig­keit schlie­ßen sich nicht grund­sätz­lich aus. Vor­aus­set­zung ist jedoch, dass gesetz­li­che Aus­nah­men prak­ti­ka­bel aus­ge­stal­tet sind, Unter­neh­men Auf­trags­spit­zen bewäl­ti­gen kön­nen und indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on nicht durch ver­meid­ba­re büro­kra­ti­sche Hür­den behin­dert wird.

Fei­er­ta­ge kön­nen für ein­zel­ne Unter­neh­men ein Kos­ten­fak­tor und für bestimm­te Bran­chen ein Wett­be­werbs­nach­teil sein. Ihre gesamt­wirt­schaft­li­che Bedeu­tung bleibt jedoch begrenzt. Maß­geb­lich für Deutsch­lands wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sind nicht eini­ge zusätz­li­che arbeits­freie Tage, son­dern die Fähig­keit, Kapi­tal, Arbeits­kräf­te und Tech­no­lo­gie an den übri­gen Tagen effi­zi­ent ein­zu­set­zen.

Ein hohes Arbeits­vo­lu­men allein garan­tiert noch kei­ne hohe wirt­schaft­li­che Leis­tung. Ent­schei­dend ist nicht, wie lan­ge Beschäf­tig­te an ihrem Arbeits­platz anwe­send sind, son­dern wel­che Wert­schöp­fung sie inner­halb die­ser Zeit erzie­len. Japan gilt hier­für als häu­fig genann­tes Bei­spiel. Das Land ist tra­di­tio­nell durch lan­ge Arbeits­zei­ten, aus­ge­präg­te Hier­ar­chien und eine star­ke Anwe­sen­heits­kul­tur geprägt. In man­chen Unter­neh­men besteht oder bestand die infor­mel­le Erwar­tung, dass Beschäf­tig­te das Büro nicht vor ihren Vor­ge­setz­ten ver­las­sen. Wer sei­ne Auf­ga­ben bereits erle­digt hat­te, blieb daher teil­wei­se den­noch am Arbeits­platz. Sol­che For­men des Prä­sen­tis­mus ver­län­gern die sta­tis­ti­sche Arbeits­zeit, ohne die Pro­duk­ti­on oder die Qua­li­tät der Arbeit ent­spre­chend zu erhö­hen.

Die japa­ni­sche Erfah­rung zeigt, dass Arbeits­zeit und Pro­duk­ti­vi­tät getrennt betrach­tet wer­den müs­sen. Lan­ge Anwe­sen­heit kann sogar inef­fi­zi­en­te Arbeits­ab­läu­fe ver­de­cken, weil Unter­neh­men weni­ger Anreiz haben, Pro­zes­se zu ver­ein­fa­chen, Bespre­chun­gen zu ver­kür­zen oder Ver­ant­wor­tung klar zu ver­tei­len. Hin­zu kom­men gesund­heit­li­che Belas­tun­gen, Erschöp­fung und eine sin­ken­de Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit. Eine pro­duk­ti­ve Volks­wirt­schaft zeich­net sich daher nicht durch mög­lichst lan­ge Arbeits­ta­ge aus, son­dern durch effi­zi­en­te Pro­zes­se, moder­ne Tech­nik, qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te und eine Unter­neh­mens­kul­tur, in der Ergeb­nis­se wich­ti­ger sind als blo­ße Anwe­sen­heit.

Für Deutsch­land folgt dar­aus, dass eine pau­scha­le Ver­län­ge­rung der Arbeits­zeit oder die Abschaf­fung ein­zel­ner Fei­er­ta­ge nur begrenz­te Wir­kun­gen hät­te. Mehr Arbeits­stun­den kön­nen das gesam­te Pro­duk­ti­ons­po­ten­zi­al erhö­hen, wenn tat­säch­lich zusätz­li­che Arbeit geleis­tet wird und eine ent­spre­chen­de Nach­fra­ge besteht. Wer­den dage­gen ledig­lich Anwe­sen­heits­zei­ten ver­län­gert, ohne Orga­ni­sa­ti­on, Digi­ta­li­sie­rung und Kapi­tal­aus­stat­tung zu ver­bes­sern, bleibt der Pro­duk­ti­vi­täts­ef­fekt gering. Die zen­tra­le wirt­schafts­po­li­ti­sche Fra­ge lau­tet des­halb nicht nur, wie viel gear­bei­tet wird, son­dern vor allem, wie effi­zi­ent gear­bei­tet wird.


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