Das Börsenjahr 2026 beginnt mit ungewöhnlich hoher Unsicherheit. Geopolitische Spannungen, ein schwacher US-Dollar, politische Eingriffe in den Welthandel und extrem hohe Bewertungen einzelner Technologieunternehmen prägen das Marktumfeld. Für Anleger stellt sich damit eine zentrale Frage neu:
Wie lässt sich ein ETF-Portfolio aufstellen, das auch in Krisenzeiten stabil bleibt?
Die kurze Antwort:
Mit einem einzelnen Welt-ETF ist dieses Ziel kaum noch erreichbar.
1. Das strukturelle Problem klassischer Welt-ETFs
Viele Privatanleger setzen seit Jahren auf den MSCI World – zu Recht, denn er bietet eine einfache und kostengünstige Form der globalen Aktienanlage. Doch die Struktur dieses Index hat sich deutlich verändert.
Heute gilt:
- über 70 % des Index entfallen auf US-Unternehmen
- ein großer Teil davon auf wenige Tech-Konzerne
- die zehn größten Positionen stellen mehr als ein Viertel des Indexgewichts
Der MSCI World ist damit faktisch kein neutraler Weltindex mehr, sondern ein US-Technologieindex mit globalem Anstrich.
Solange der amerikanische Tech-Sektor wächst, funktioniert dieses Modell hervorragend. Gerät er jedoch unter Druck – etwa durch politische Risiken, regulatorische Eingriffe oder technologische Konkurrenz –, wirkt sich das unmittelbar auf das gesamte Portfolio aus.
2. Diversifikation bedeutet heute mehr als viele Aktien
In einem Umfeld wachsender Unsicherheiten reicht breite Streuung allein nicht mehr aus. Entscheidend ist wo investiert wird – nicht nur wie viel.
Ein zukunftsfähiges Portfolio benötigt:
- mehrere Wirtschaftsregionen
- unterschiedliche Wachstumszyklen
- verschiedene Währungsräume
- eine ausgewogene Branchenstruktur
Ziel ist nicht die Vorhersage einzelner Krisen, sondern ein Portfolio, das nicht von einem einzigen Szenario abhängig ist.
3. Das Kern-Satelliten-Prinzip als sinnvolle Struktur
Für Privatanleger bewährt sich zunehmend ein zweistufiger Ansatz:
Kernportfolio (strategisch)
Der langfristige Kern besteht aus wenigen, breit gestreuten ETFs:
- Aktien-ETFs aus Industrie- und Schwellenländern
- Anleihe-ETFs mit hoher Bonität
- klare regionale Gewichtung
- regelmäßiges Rebalancing (ein- bis zweimal jährlich)
Dieses Fundament soll stabil, pflegeleicht und langfristig tragfähig sein.
Satelliten (taktisch)
Ergänzend können zeitlich begrenzte Positionen eingesetzt werden, etwa:
- Branchen- oder Themen-ETFs
- Rohstoffe über ETCs
- Gold als Krisenabsicherung
Diese Positionen dienen nicht der Daueranlage, sondern der gezielten Anpassung an Marktphasen.
4. Warum weniger USA das Risiko senken kann
Ein zentrales Thema 2026 ist die hohe Abhängigkeit vieler Portfolios vom US-Markt.
Risiken entstehen insbesondere durch:
- politische Unberechenbarkeit
- hohe Unternehmensbewertungen
- starke Dollarschwankungen
- zunehmenden Protektionismus
Eine Reduzierung dieses Klumpenrisikos ist auf mehreren Wegen möglich:
- Welt-ETFs ohne US-Anteil (MSCI World ex USA)
- stärkere Gewichtung Europas und Japans
- gezielte Beimischung von Schwellenländern
- Fokus auf Nebenwerte statt Mega-Caps
Ziel ist nicht die Abkehr von den USA, sondern eine Rückkehr zu echter globaler Balance.
5. Schwellenländer: Chance mit Risiko
Emerging Markets gewinnen wieder an Bedeutung:
- attraktivere Bewertungen
- strukturelles Wachstum
- positive Effekte eines schwächeren US-Dollars
Gleichzeitig bleiben sie volatil und politisch sensibel. Besonders wichtig ist daher die Einordnung:
Schwellenländer sind kein Ersatz, sondern eine Ergänzung.
Viele Experten sehen einen Anteil zwischen 20 und 30 Prozent des Aktienportfolios als sinnvoll – abhängig von Risikoneigung und Anlagehorizont.
6. Anleihen bleiben unverzichtbar
Auch wenn sie lange als unattraktiv galten, erfüllen Anleihen weiterhin eine zentrale Funktion:
- Stabilisierung des Portfolios
- Liquiditätsreserve in Krisen
- Reduzierung der Gesamtschwankung
Bevorzugt werden:
- Staatsanleihen guter Bonität
- breit gestreute Anleiheindizes
- möglichst währungsgesicherte Euro-Produkte
Unternehmensanleihen und Hochzinsanleihen können beigemischt werden, sollten jedoch nicht dominieren.
7. Die zentrale Erkenntnis für Anleger
Das Börsenjahr 2026 macht eines deutlich:
Nicht maximale Rendite, sondern strukturelle Robustheit entscheidet über langfristigen Anlageerfolg.
Ein modernes ETF-Portfolio sollte daher:
- breit diversifiziert sein
- US-Klumpenrisiken bewusst begrenzen
- mehrere Wirtschaftsregionen abbilden
- Aktien und Anleihen ausgewogen kombinieren
- flexibel auf unterschiedliche Krisenszenarien reagieren können
Der einfache Ein-ETF-Ansatz verliert damit an Überzeugungskraft. Gefragt ist kein komplexes Trading, sondern ein durchdachtes, global ausbalanciertes Portfolio, das nicht auf Prognosen angewiesen ist.
Fazit:
Wer sein Depot 2026 krisenfest aufstellen will, sollte weniger auf einzelne Trends setzen – und mehr auf Struktur, Balance und langfristige Widerstandsfähigkeit.
