Wenn Ener­gie zur Waf­fe wird

Wie die glo­ba­le Ener­gie­kri­se die Welt spal­tet – und wer davon pro­fi­tiert

Kri­sen tref­fen nicht alle gleich. Das gilt für Men­schen, und es gilt offen­bar auch für gan­ze Volks­wirt­schaf­ten. Die aktu­el­le Ener­gie­kri­se, aus­ge­löst durch geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen, die kaum jemand in die­sem Aus­maß vor­her­ge­se­hen hat, ist dafür ein beson­ders ein­drucks­vol­les Bei­spiel. Wäh­rend Euro­pa friert – im über­tra­ge­nen wie zeit­wei­se auch im wört­li­chen Sin­ne –, erle­ben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, die man ange­sichts der glo­ba­len Lage kaum für mög­lich gehal­ten hät­te.

Vom Impor­teur zum Expor­teur: Ame­ri­kas stil­le Revo­lu­ti­on

Um zu ver­ste­hen, war­um das so ist, muss man ein paar Jah­re zurück­bli­cken. Noch vor nicht all­zu lan­ger Zeit gal­ten die USA selbst als Land, das auf Ener­gie­im­por­te ange­wie­sen war. Dann kam der Frack­ing-Boom, der die Öl- und Gas­pro­duk­ti­on in Texas, North Dako­ta und anders­wo regel­recht explo­die­ren ließ. Heu­te ste­hen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten an der Spit­ze der welt­wei­ten Expor­teu­re von Erd­öl und Flüs­sig­erd­gas – eine Ver­schie­bung, die lan­ge Zeit kaum die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit bekam, die sie ver­dient hät­te.

In nor­ma­len Zei­ten ist das schlicht eine wirt­schaft­li­che Erfolgs­mel­dung. In Zei­ten stei­gen­der Ener­gie­prei­se aber wird dar­aus ein ech­ter stra­te­gi­scher Vor­teil. Was für import­ab­hän­gi­ge Län­der ein schmerz­haf­ter Kos­ten­schock ist, bedeu­tet für die USA zusätz­li­che Ein­nah­men. Ener­gie­ex­por­te stüt­zen die Han­dels­bi­lanz und kön­nen Schwä­chen in ande­ren Wirt­schafts­be­rei­chen zumin­dest abfe­dern. Die Aus­gangs­la­ge könn­te kaum unter­schied­li­cher sein.

Euro­pa zahlt die Rech­nung

Auf der ande­ren Sei­te des Atlan­tiks sieht die Lage deut­lich düs­te­rer aus. In der Euro­päi­schen Uni­on schlägt die Ener­gie­kri­se voll durch – und das an meh­re­ren Fron­ten gleich­zei­tig.

Ers­tens stei­gen die Pro­duk­ti­ons­kos­ten in der Indus­trie, was Unter­neh­men, die schon vor­her unter glo­ba­lem Wett­be­werbs­druck stan­den, zusätz­lich belas­tet. Zwei­tens schrumpft die Kauf­kraft der Haus­hal­te, weil höhe­re Strom- und Gas­rech­nun­gen das monat­li­che Bud­get auf­fres­sen. Und drit­tens trü­ben sich die Wachs­tums­pro­gno­sen ein, was Inves­to­ren vor­sich­ti­ger wer­den lässt.

Das ist kein kurz­fris­ti­ger Schmerz, der schnell vor­über­geht. Viel­mehr legt die Kri­se struk­tu­rel­le Schwach­stel­len offen, die über Jahr­zehn­te ent­stan­den sind: eine zu hohe Abhän­gig­keit von fos­si­len Impor­ten, eine zu gerin­ge Diver­si­fi­zie­rung der Ener­gie­quel­len und – das ist viel­leicht das Bit­ters­te – ein Ver­trau­en in sta­bi­le Lie­fer­be­zie­hun­gen, das sich als trü­ge­risch erwie­sen hat.

Ener­gie als geo­po­li­ti­sches Werk­zeug

Doch die Geschich­te hat noch eine zwei­te Ebe­ne, die über rei­ne Wirt­schafts­zah­len hin­aus­geht. Es lässt sich näm­lich beob­ach­ten, dass die USA Ener­gie zuneh­mend nicht nur als Han­dels­wa­re, son­dern als geo­po­li­ti­sches Instru­ment begrei­fen.

Wenn ame­ri­ka­ni­sches Flüs­sig­erd­gas nach Euro­pa gelie­fert wird, ent­steht dabei mehr als eine Geschäfts­be­zie­hung. Es ent­ste­hen Abhän­gig­kei­ten – und damit Ein­fluss­mög­lich­kei­ten. Das mag zynisch klin­gen, ist aber kei­ne neue Erfin­dung. Russ­land hat über Jahr­zehn­te genau das­sel­be mit sei­nen Gas­lie­fe­run­gen gemacht. Neu ist, dass nun Washing­ton in die­ser Rol­le agiert und dabei eine Außen­po­li­tik ver­folgt, die offe­ner als frü­her auf den eige­nen Vor­teil schaut.

Das ist eine ech­te Zei­ten­wen­de. Lan­ge haben die USA ihre Außen­po­li­tik – zumin­dest offi­zi­ell – unter das Leit­bild von offe­nem Han­del und glo­ba­ler Sta­bi­li­tät gestellt. Die­ser Anspruch war nie voll­stän­dig unge­trübt, aber er exis­tier­te als Ori­en­tie­rungs­punkt. Was heu­te stär­ker in den Vor­der­grund tritt, ist ein nüch­ter­ne­rer, inter­es­sen­ge­lei­te­ter Ansatz: natio­na­le Stär­ke zuerst, stra­te­gi­sche Hebel nut­zen, wo sie sich bie­ten.

Was die Kri­se wirk­lich zeigt

Am Ende lehrt uns die­se Kri­se etwas, das wir viel­leicht hät­ten wis­sen kön­nen, aber in den Jah­ren rela­ti­ver Sta­bi­li­tät aus dem Blick ver­lo­ren hat­ten: Glo­ba­le Schocks wir­ken nicht gleich­mä­ßig. Sie tref­fen die Schwa­chen här­ter als die Star­ken – und sie ver­schie­ben die Gewich­te zwi­schen denen, die Res­sour­cen kon­trol­lie­ren, und denen, die auf die­se Res­sour­cen ange­wie­sen sind.

Die Ener­gie­kri­se ist des­halb nicht nur ein wirt­schaft­li­ches Pro­blem. Sie ist ein Spie­gel, der zeigt, wie ver­wund­bar Euro­pa gewor­den ist, wie geschickt Ame­ri­ka sei­ne neue Rol­le nutzt – und wie sehr Ener­gie längst zu einer der wich­tigs­ten Wäh­run­gen inter­na­tio­na­ler Macht gewor­den ist.

Die Fra­ge, die bleibt: Was ler­nen wir dar­aus für die Zukunft?


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