Wer zählt in Deutschland zur Mittelschicht?

Die Mittelschicht – kaum ein Begriff wird im politischen Diskurs so häufig bemüht und zugleich so vage verwendet. Gerade in Wahlkampfzeiten avanciert sie zur Projektionsfläche für fast jede Partei. Doch wer gehört tatsächlich zur „Mitte der Gesellschaft“? Der aktuelle IW-Kurzbericht 29/2024 von Judith Niehues und Maximilian Stockhausen unternimmt den Versuch einer präziseren ökonomischen Einordnung – mit spannenden, teils unbequemen Ergebnissen.

Mittelschicht: Ein Begriff, viele Deutungen

Trotz inflationärer Verwendung existiert keine einheitliche Definition der Mittelschicht. Subjektiv ordnen sich laut ALLBUS 2023 über 70 Prozent der Deutschen dieser Schicht zu. Das IW setzt hingegen auf ein zweistufiges Verfahren:

  1. Soziokulturelle Mitte: Berücksichtigt Bildung, Beruf und Erwerbsstatus.
  2. Einkommensbasierte Eingrenzung: Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 80 % und 150 % des Medians gelten als „enge Mittelschicht“.

Für 2022 ergibt sich so:

  • Ein alleinlebender Mensch gehörte mit 1.850 € bis 3.470 € netto pro Monat zur Mittelschicht.
  • Ein Paar mit zwei Kindern lag zwischen 3.880 € und 7.280 € netto.

Knapp 48 % der Bevölkerung zählten laut dieser Definition zur Einkommensmittelschicht. Trotz sozialer Spannungen und Krisen zeigt sich hier also eine erstaunliche Konstanz.

Armut, Reichtum und das Dazwischen

Das IW nimmt auch die Extreme in den Blick:

  • Relativ arm war 2022, wer als Alleinstehender unter 1.390 € netto verfügte.
  • Relativ reich galt, wer mehr als das 2,5-fache des Medians, also über 5.780 € netto, zur Verfügung hatte. Solche Einkommensverhältnisse trafen allerdings nur auf unter 4 % der Bevölkerung zu – deutlich weniger als die subjektiv wahrgenommene Reichenquote von 25 %.

Haushaltsstruktur und Erwerbstätigkeit: Die wahren Treiber

Einen besonders starken Einfluss auf die Zugehörigkeit zur Mittelschicht haben der Erwerbsstatus und die Haushaltszusammensetzung:

  • Vollzeiterwerbstätige (mind. 35 Wochenstunden) sind selten arm (unter 6 %).
  • Doppelverdiener-Paare ohne Kinder: Nur 3 % armutsgefährdet, ein Drittel in der oberen Mittelschicht.
  • Rentnerhaushalte: Armutsrisiko bei Alleinlebenden deutlich erhöht (27 %), bei Paaren deutlich geringer (12 %).

Ein interessanter Befund: Auch wenn ältere Menschen öfter armutsgefährdet sind, empfinden sie ihre Lage weniger prekär – vermutlich wegen Vermögen oder geringerer Ausgaben.

Die Tücken der Definition

Die IW-Analyse liefert wertvolle Zahlen, doch bleibt – wie jede quantitative Einordnung – begrenzt. Einkommen allein ist kein vollständiges Abbild von Wohlstand oder sozialer Sicherheit. Faktoren wie Vermögen, Wohnkosten, regionale Unterschiede und Zukunftsperspektiven bleiben außen vor. Hinzu kommt: Wer sich als „Mitte“ versteht, tut das oft aus normativer, nicht rein ökonomischer Sicht.

Eine nüchterne Mitte – mit politischer Sprengkraft

Die Studie belegt: Die deutsche Mittelschicht ist zahlenmäßig stabil, aber intern sehr heterogen. Sie wird durch Erwerbsstatus und Haushaltsform strukturiert – nicht allein durch Einkommen. Damit bleibt die „Mitte“ weniger ein fester Block als ein sozialdynamischer Raum, in dem Auf- und Abstieg jederzeit möglich sind.

Politisch ist das bedeutsam: Wer die Mittelschicht ansprechen will, muss sich über ihre Vielfalt und Verletzlichkeit im Klaren sein – und darf sich nicht auf plakative Wohlfühlrhetorik verlassen.


Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater