9,389 Billionen Euro. So viel Geldvermögen besaßen die privaten Haushalte in Deutschland Ende des dritten Quartals 2025 – so viel wie nie zuvor. Nominal wie real wurde ein neuer Höchststand erreicht. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Der Vermögenszuwachs ist ungleich verteilt, stark börsengetrieben und für viele Menschen real kaum spürbar.
Der große Sprung nach oben: Zahlen, Treiber, Einordnung
Im Vergleich zum Vorquartal stieg das Geldvermögen um 165 Milliarden Euro. Zwei Faktoren waren entscheidend:
- 78 Milliarden Euro durch neue Forderungen (also aktives Sparen/Investieren)
- 86 Milliarden Euro durch Bewertungsgewinne, vor allem wegen steigender Aktienmärkte – insbesondere in den USA und Asien
Auffällig: Während Termineinlagen stagnierten, wuchsen Bargeld (+11 Mrd.) und Sichteinlagen (+23 Mrd.) deutlich. Das deutet auf ein starkes Bedürfnis nach Liquidität und Flexibilität hin – trotz Inflation und realer Wertverluste bei Einlagen.
Kritische Einordnung:
Das Verhalten wirkt widersprüchlich: Einerseits fließt Geld in renditestarke Anlagen, andererseits bleibt viel Kapital in niedrig verzinsten Konten liegen. Das spricht weniger für rationale Optimierung als für Unsicherheit, Vorsicht – und fehlende finanzielle Bildung.
Aktien, Fonds, Bewertungsgewinne: Die Börse als Vermögensmotor
Der Zuwachs bei Aktien und sonstigen Anteilsrechten lag bei 47 Milliarden Euro, wobei der Großteil auf ausländische börsennotierte Aktien entfiel. Fast der gesamte Zuwachs entstand durch Bewertungsgewinne, nicht durch Käufe.
Noch dynamischer entwickelten sich Investmentfonds:
- 22 Milliarden Euro Nettozukäufe
- 41 Milliarden Euro Bewertungsgewinne
→ 63 Milliarden Euro Gesamtanstieg
Kritische Einordnung:
Der Vermögenszuwachs ist stark marktpreisgetrieben. Das heißt: Er ist volatil, reversibel und abhängig von globalen Börsenentwicklungen. Ein Börsenrückschlag würde die Statistik schnell drehen – ohne dass sich an der realen Lebenssituation vieler Haushalte etwas verbessert hätte.
Reale Rendite: Warum die einen profitieren – und die anderen verlieren
Die Bundesbank zeigt erstmals differenziert nach Vermögensgruppen, wie sich die reale (inflationsbereinigte) Rendite entwickelt:
- Vermögendere Hälfte: leicht steigende reale Renditen
- Vermögensärmere Hälfte: negative reale Rendite
- Top 10 %: klar positive Effekte aus Aktien und Fonds
- Gesamt: reale Rendite ca. +1,9 %, getragen von Aktien und Fonds, gebremst durch negative Einlagenrenditen
Warum diese Schere?
Weil ärmere Haushalte ihr Geld fast ausschließlich in Einlagen und Versicherungen halten – sicher, aber renditeschwach. Reiche Haushalte sind überproportional in Kapitalmarktanlagen investiert und profitieren direkt von Kursanstiegen.
Kritische Einordnung:
Das ist kein Zufall, sondern strukturell. Wer wenig hat, kann Risiken schlechter tragen. Wer viel hat, kann Rendite optimieren. Das Ergebnis: Vermögenswachstum verstärkt Ungleichheit.
Ungleich verteilt: Wer besitzt das Rekordvermögen?
Laut Bundesbank entfallen rund 50 % des Geldvermögens auf die reichsten 10 % der Haushalte – etwa vier Millionen Haushalte. Am unteren Ende stehen rund 20 Millionen Haushalte, die zusammen nur 8 % des Geldvermögens besitzen.
Zugleich ist nur jeder Fünfte in Deutschland direkt oder indirekt in Aktien investiert. Viele parken ihr Geld weiterhin auf Tages- oder Festgeldkonten – mit realem Kaufkraftverlust.
Kritische Einordnung:
Der Vermögensrekord ist statistisch beeindruckend, sozialpolitisch aber problematisch. Er erzählt wenig über Wohlstand in der Breite – und viel über die Dynamik an den Kapitalmärkten.
Schulden steigen – Vermögen trotzdem höher
Die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte stiegen auf 2,167 Billionen Euro (+16 Mrd.). Dennoch wuchs das Nettogeldvermögen um 148 Milliarden Euro auf 7,221 Billionen Euro. Die Verschuldungsquote blieb stabil bei 49 % des BIP.
Einordnung:
Mehr Schulden bei gleichzeitig wachsendem Vermögen deuten auf ungleiche Finanzierungsbedingungen hin: Wer Vermögen hat, kann leichter Kredite aufnehmen – wer keines hat, zahlt höhere Risiken.
Unternehmen: Mehr Kredite, mehr Eigenkapital, aber wenig Dynamik
Auch bei den nichtfinanziellen Unternehmen stieg die Außenfinanzierung auf 47 Milliarden Euro. Auffällig:
- Kredite stiegen deutlich, vor allem bei inländischen Banken
- Nettoemission von Anleihen negativ (Rückzahlungen)
- Eigenkapitalaufnahme hoch (20 Mrd.) – stärkster Wert seit 2021
Hintergrund: Banken verschärfen ihre Kreditstandards, Unternehmen weichen auf Eigenkapital aus.
Kritische Einordnung:
Das ist ein Warnsignal. Wenn Unternehmen Kredite meiden (oder meiden müssen), kann das Investitionen bremsen – besonders im Mittelstand.
Prognosen: Zehn-Billionen-Marke in Sicht
Die DZ Bank rechnet für 2025 mit einem Anstieg auf 10,03 Billionen Euro, für 2026 sogar auf 10,5 Billionen Euro.
Aber: Diese Prognosen setzen stabile Märkte voraus. Ein Börsencrash, geopolitische Eskalationen oder Zinsschocks würden diese Zahlen schnell relativieren.
Fazit: Rekord ja – Wohlstand für alle nein
Das deutsche Geldvermögen wächst. Stark. Rekordhaft. Aber:
- Es wächst ungleicher, nicht gerechter.
- Es wächst börsengetrieben, nicht einkommensgetrieben.
- Es wächst bei denen, die bereits Vermögen haben – und verliert real bei denen, die nur sparen können.
Der entscheidende Punkt:
Solange breite Bevölkerungsschichten kaum Zugang zu produktiven Kapitalanlagen haben, bleibt der Vermögensboom ein Elitenphänomen. Finanzielle Bildung, Aktienkultur, Beteiligungsmodelle – all das ist keine Nebensache, sondern eine soziale Frage.
Quelle: Bundesbank
