1. Ausgangslage
Der Oxfam-Bericht „Resisting the Rule of the Rich“ (Januar 2026) beschreibt eine weltweit stark zunehmende Konzentration von Vermögen bei Milliardärinnen und Milliardären. Die Entwicklung habe sich 2025 deutlich beschleunigt:
- Globales Milliardärsvermögen 2025: 18,3 Billionen US-Dollar
- Zuwachs allein 2025: +2,5 Billionen US-Dollar
- Wachstum dreimal schneller als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor
Dieser Vermögenszuwachs entspricht laut Oxfam nahezu dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung.
| Rang | Land | Anzahl Milliardäre |
|---|---|---|
| 1 | USA | 902 |
| 2 | China | 450 |
| 3 | Indien | 205 |
| 4 | Deutschland | 172 |
| 5 | Russland | 140 |
2. Zentrale Befunde für Deutschland
2.1 Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre
Deutschland nimmt im internationalen Vergleich eine Spitzenposition ein:
- 172 Milliardär*innen im Jahr 2025
- Anstieg um rund ein Drittel innerhalb eines Jahres
- Deutschland hat damit die viertmeisten Milliardär*innen weltweit
Nur die USA, China und Indien liegen vor Deutschland.
2.2 Entwicklung des Milliardärsvermögens
Das Gesamtvermögen deutscher Milliardär*innen:
- 840,2 Milliarden US-Dollar (inflationsbereinigt)
- +30 % Wachstum im Jahr 2025 allein
Damit wuchs das Vermögen an der Spitze deutlich schneller als:
- Löhne
- Renten
- Sozialleistungen
- gesamtwirtschaftliche Produktivität
2.3 Einkommens- und Vermögensrelationen
Oxfam verdeutlicht die Ungleichheit anhand konkreter Relationen:
- Ein deutscher Milliardär verdient
das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland in weniger als 1,5 Stunden
Gleichzeitig:
- lebt etwa ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland in Armut oder Armutsnähe
Diese Parallelentwicklung – wachsender Extremreichtum bei gleichzeitiger Verfestigung von Armut – ist ein zentrales Argument des Berichts.
3. Gesellschaftliche und politische Folgen laut Oxfam
3.1 Gefahr für die Demokratie
Oxfam sieht in Deutschland – wie auch international – eine wachsende politische Macht der Superreichen:
- Einfluss durch Parteispenden und Lobbyarbeit
- wirtschaftliche Kontrolle über Medienkonzerne
- privilegierter Zugang zu politischen Entscheidungsträgern
Dies führe laut Bericht zu:
- verzerrter öffentlicher Meinungsbildung
- politischer Ungleichheit trotz formaler demokratischer Gleichheit
- Vertrauensverlust in demokratische Institutionen
3.2 Soziale Ungleichheit als Nährboden für Extremismus
Oxfam warnt ausdrücklich vor innenpolitischen Konsequenzen:
- wachsende soziale Spaltung
- Gefühl struktureller Ungerechtigkeit
- steigende Anfälligkeit für populistische und antidemokratische Kräfte
Manuel Schmitt (Oxfam Deutschland) spricht von einem „idealen Nährboden für antidemokratische Kräfte“, wenn Vermögen und politische Lasten so ungleich verteilt bleiben.
4. Forderungen von Oxfam an die Bundesregierung
Oxfam leitet aus den Befunden konkrete politische Forderungen ab:
4.1 Steuerpolitische Maßnahmen
- Einführung einer Milliardärssteuer
- höhere Besteuerung sehr großer Erbschaften
- Schließung von Schlupflöchern bei Vermögens- und Unternehmensbesteuerung
Begründung:
Während Arbeitseinkommen in Deutschland hoch belastet seien, würden große Vermögen vergleichsweise gering besteuert.
4.2 Staatliche Investitionen
Zusätzliche Einnahmen sollen laut Oxfam fließen in:
- Armutsbekämpfung
- soziale Infrastruktur
- Klimaschutz
- demokratische Institutionen
- internationale Entwicklungszusammenarbeit (keine weiteren Kürzungen)
5. Kritische Einordnung der Oxfam-Position
5.1 Stärken der Analyse
Positiv hervorzuheben:
- klare empirische Darstellung der Vermögenskonzentration
- transparente Datengrundlage (Forbes, Weltbank, UBS)
- Verbindung von ökonomischer und politischer Ungleichheit
- Fokus auf demokratische Stabilität, nicht nur auf Verteilungsfragen
Gerade für Deutschland zeigt der Bericht eindrücklich, dass soziale Ungleichheit kein Randphänomen ist, sondern strukturelle Dimensionen angenommen hat.
5.2 Kritische Punkte und Gegenargumente
a) Vermögen ≠ verfügbares Einkommen
Ein Teil der ausgewiesenen Vermögen besteht aus:
- Unternehmensanteilen
- nicht realisierten Gewinnen
- schwankenden Marktwerten
Eine direkte Gleichsetzung mit frei verfügbarem Einkommen ist ökonomisch problematisch.
b) Standort- und Investitionsargument
Kritiker wenden ein:
- Vermögenssteuern könnten Kapitalverlagerung fördern
- Familienunternehmen könnten belastet werden
- internationale Koordination wäre notwendig
Oxfam geht auf diese Risiken nur begrenzt ein.
c) Armut in Deutschland ist relativ
Die im Bericht genannte „Armut“ basiert auf relativen Armutsquoten, nicht auf existenzieller Armut wie im globalen Süden. Dies relativiert jedoch nicht das Problem sozialer Ausgrenzung, sollte aber analytisch sauber unterschieden werden.
6. Gesamtbewertung
Der Oxfam-Bericht zeichnet für Deutschland ein deutliches Bild:
- sehr stark wachsender Extremreichtum
- gleichzeitig hohe Armutsquote
- zunehmende politische Ungleichheit
Deutschland ist dabei kein Sonderfall, sondern eines der prominentesten Beispiele innerhalb der reichen Industrienationen.
Unabhängig davon, ob man alle politischen Forderungen teilt, ist der zentrale Befund kaum zu bestreiten:
Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat in Deutschland zu einer historisch ungewöhnlichen Konzentration von Vermögen geführt – mit potenziell erheblichen sozialen und demokratischen Folgewirkungen.
