Anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mie

Der Begriff „Anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mie“ (oder anti­fa­schis­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik) beschreibt ein wirt­schafts­po­li­ti­sches Kon­zept, das davon aus­geht, dass öko­no­mi­sche Unsi­cher­heit, sozia­le Ungleich­heit und Kri­sen der zen­tra­le Nähr­bo­den für den Auf­stieg von Rechts­po­pu­lis­mus und Faschis­mus sind.

[In der DDR nann­te man das Wirt­schafts­sys­tem offi­zi­ell „Sozia­lis­ti­sche Plan­wirt­schaft“ (oder Zen­tral­ver­wal­tungs­wirt­schaft). In der Wis­sen­schaft und Leh­re sprach man von der „Poli­ti­schen Öko­no­mie des Sozia­lis­mus.

Es gibt aber eine sehr span­nen­de Ver­bin­dung zwi­schen der aktu­el­len Debat­te um eine „Anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mie“ und dem Staats­ver­ständ­nis der DDR. Die DDR ver­stand ihre sozia­lis­ti­sche Wirt­schaft tat­säch­lich als die ein­zig wah­re anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mie – aller­dings mit einem völ­lig ande­ren Ansatz als moder­ne Öko­no­men wie Isa­bel­la Weber.]

Gro­ße inter­na­tio­na­le Bekannt­heit erlang­te der Begriff im Novem­ber 2024, als die pro­mi­nen­te deut­sche Öko­no­min Isa­bel­la M. Weber (Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­ty of Mas­sa­chu­setts Amherst) kurz nach dem Sieg von Donald Trump bei den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len frag­te: „Can we now final­ly have a serious con­ver­sa­ti­on about an anti-fascist eco­no­mics?“ (Kön­nen wir jetzt end­lich ernst­haft über anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mik spre­chen?).

Hier sind die zen­tra­len Kern­punk­te, Zie­le und die Kri­tik an die­sem Kon­zept:

1. Die Grund­an­nah­me

Die Ana­ly­se der Befür­wor­ter einer anti­fa­schis­ti­schen Öko­no­mie lau­tet: Wenn Men­schen – gezeich­net durch Jahr­zehn­te des Neo­li­be­ra­lis­mus – unter Infla­ti­on, Kauf­kraft­ver­lust, sozia­lem Abstieg und Kri­sen lei­den, ver­lie­ren sie das Ver­trau­en in die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen und wen­den sich rech­ten und auto­ri­tä­ren Par­tei­en zu. Die aktu­el­le poli­ti­sche Ord­nung ver­sa­ge dar­in, den Men­schen ele­men­ta­re wirt­schaft­li­che Sicher­heit zu bie­ten.

2. Zen­tra­le wirt­schafts­po­li­ti­sche For­de­run­gen

Um den glo­ba­len Rechts­ruck auf­zu­hal­ten, for­dert das Kon­zept einen star­ken, inter­ve­nie­ren­den Staat, der die Daseins­vor­sor­ge der brei­ten Bevöl­ke­rung direkt schützt. Zu den typi­schen gefor­der­ten Maß­nah­men zäh­len:

  • Preis­kon­trol­len und Preis­de­ckel: Staat­li­che Ein­grif­fe bei den Prei­sen für lebens­not­wen­di­ge Güter wie Ener­gie, Mie­te und Lebens­mit­tel (soge­nann­ter „wirt­schafts­po­li­ti­scher Kata­stro­phen­schutz“ bei Preis­schocks)].
  • Umver­tei­lung: Ein­füh­rung von Ver­mö­gens­steu­ern und Über­ge­winn­steu­ern für Kon­zer­ne, um sozia­le Sicher­heit zu finan­zie­ren.
  • Stär­kung der Arbeit­neh­mer: Gerech­te Lohn­po­li­tik und der Auf­bau grü­ner Indus­trie­ar­beits­plät­ze.
  • Abkehr von Austeri­tät: Reform oder Abschaf­fung der Schul­den­brem­se, um mas­si­ve staat­li­che Inves­ti­tio­nen zu ermög­li­chen.
  • Abkehr vom „Trick­le-Down-Effekt“: Die Belan­ge der brei­ten Bevöl­ke­rung sol­len das obers­te Ziel der Poli­tik sein und nicht bloß das erhoff­te Neben­pro­dukt einer Wirt­schafts­po­li­tik, die pri­mär Unter­neh­men und Rei­che ent­las­tet.

3. Kri­tik und Debat­te

Der Begriff und das Kon­zept haben in den Wirt­schafts- und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten sowie in lin­ken Dis­kur­sen eine inten­si­ve Debat­te aus­ge­löst. Dabei wer­den ver­schie­de­ne Kri­tik­punk­te laut:

  • Öko­no­mi­scher Deter­mi­nis­mus: Kri­ti­ker bemän­geln, dass das Kon­zept zu ein­sei­tig wirt­schaft­lich argu­men­tie­re. Der Rechts­ruck las­se sich nicht allein durch ver­nach­läs­sig­te Sozi­al­po­li­tik erklä­ren. Ideo­lo­gi­sche Aspek­te, Ras­sis­mus, Miso­gy­nie und Iden­ti­täts­po­li­tik sei­en oft stär­ke­re Trei­ber für die Wahl rech­ter Par­tei­en als rein mate­ri­el­le Sor­gen.
  • Gefahr des Natio­na­lis­mus: Autoren wie Sabi­ne Nuss und Micha­el Hein­rich mer­ken kri­tisch an, dass eine sol­che Wirt­schafts­po­li­tik Gefahr läuft, natio­na­lis­tisch zu wer­den, wenn sie nicht den natio­na­len Rah­men durch­bricht und inter­na­tio­na­lis­tisch oder euro­pä­isch gedacht wird.
  • Ist das wirk­lich neu? Ande­re fra­gen sich, ob der Begriff „anti­fa­schis­tisch“ hier nicht ein­fach als neu­es Label für klas­si­sche keyne­sia­ni­sche oder sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­po­li­tik genutzt wird.

Zusam­men­fas­send: Eine „Anti­fa­schis­ti­sche Öko­no­mie“ ist der Ver­such, der weit­rei­chen­den Ver­un­si­che­rung im moder­nen Kapi­ta­lis­mus mit einem mas­si­ven Aus­bau des Sozi­al­staa­tes und star­ken staat­li­chen Ein­grif­fen in den Markt zu begeg­nen, um so der extre­men Rech­ten die Wäh­ler­ba­sis abzu­gra­ben.

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