Hät­te ein Ver­zicht auf den Atom­aus­stieg die Ener­gie­kri­se in Deutsch­land im Jahr 2022 ver­hin­dern kön­nen?

Die Fra­ge lässt sich nur sinn­voll beant­wor­ten, wenn man drei Ebe­nen aus­ein­an­der­hält:

  1. Was genau die Ener­gie­kri­se 2022 aus­ge­löst hat
  2. Wel­che Rol­le Kern­ener­gie im deut­schen Strom­sys­tem spielt
  3. Wel­che rea­lis­ti­schen Optio­nen 2022 tat­säch­lich noch exis­tier­ten

Die kur­ze Ant­wort lau­tet: Nein, Kern­ener­gie hät­te die Ener­gie­kri­se 2022 nicht ver­hin­dert – aber sie hät­te sie mög­li­cher­wei­se leicht abge­mil­dert.
Die Grün­de dafür sind struk­tu­rell und tech­nisch.

1. Was die Ener­gie­kri­se 2022 tat­säch­lich aus­ge­löst hat

Die Ener­gie­kri­se in Euro­pa ent­stand vor allem durch den Zusam­men­bruch der rus­si­schen Gas­lie­fe­run­gen nach dem Angriff Russ­lands auf die Ukrai­ne.

Wich­ti­ge Fak­to­ren:

  • Reduk­ti­on rus­si­scher Gas­lie­fe­run­gen über Pipe­lines
  • Abschal­tung wich­ti­ger Lei­tun­gen (z. B. Nord Stream)
  • extre­me Preis­spe­ku­la­ti­on auf euro­päi­schen Ener­gie­märk­ten
  • glo­ba­ler Wett­be­werb um LNG

Deutsch­land war beson­ders betrof­fen, weil:

  • etwa 55 % des Gases aus Russ­land kamen (2021)
  • Gas nicht nur Strom erzeugt, son­dern auch:
    • Indus­trie­pro­zes­se
    • Hei­zun­gen
    • Fern­wär­me

Das Ent­schei­den­de:
Die Kri­se war pri­mär eine Gas- und Preis-kri­se, kei­ne Strom­erzeu­gungs­kri­se.

2. Wel­che Rol­le Kern­ener­gie im deut­schen Ener­gie­sys­tem spielt

Kern­kraft erzeugt nur Strom.

Sie ersetzt daher nicht:

  • Gas­hei­zun­gen
  • indus­tri­el­le Gas­pro­zes­se
  • Gas für che­mi­sche Indus­trie
  • Fern­wär­me

Selbst wenn Deutsch­land mehr Kern­kraft gehabt hät­te, hät­te das den größ­ten Teil des Gas­ver­brauchs nicht ersetzt.

Ener­gie­ver­brauch Deutsch­land (grob)

Antei­le am End­ener­gie­ver­brauch:

  • Wär­me: ~50 %
  • Ver­kehr: ~30 %
  • Strom: ~20 %

Kern­ener­gie wirkt also nur auf einen rela­tiv klei­nen Teil des gesam­ten Ener­gie­sys­tems.

3. Wie viel Strom lief 2022 noch aus Kern­ener­gie?

2021 hat­te Deutsch­land noch drei lau­fen­de Kern­kraft­wer­ke:

  • Isar 2 nuclear power plant
  • Neckar­west­heim 2 nuclear power plant
  • Ems­land nuclear power plant

Sie erzeug­ten unge­fähr:

6–7 % des deut­schen Stroms.

Selbst wenn man die­se Kapa­zi­tät voll­stän­dig erhal­ten hät­te, wäre der Effekt begrenzt gewe­sen.

4. War­um Kern­ener­gie die Kri­se nicht ver­hin­dert hät­te

1. Gas wur­de haupt­säch­lich für Wär­me genutzt

Der größ­te Teil des rus­si­schen Gases ging in:

  • Gebäu­de­hei­zung
  • Indus­trie

Kern­kraft kann die­se Nut­zung nicht direkt erset­zen.

2. Strom­pro­duk­ti­on war nicht das Haupt­pro­blem

Deutsch­land hat­te 2022 ins­ge­samt genug Strom­pro­duk­ti­on.

Der eigent­li­che Preis­trei­ber war der euro­päi­sche Strom­markt:

  • Gas bestimmt häu­fig den Grenz­preis im Strom­markt.

Selbst wenn mehr Atom­strom vor­han­den wäre, hät­te der Gas­preis wei­ter­hin den Strom­preis beein­flusst.

3. Reak­ti­vie­rung alter Kern­kraft­wer­ke war kaum mög­lich

Oft wird argu­men­tiert:

„Man hät­te ein­fach abge­schal­te­te AKW wie­der star­ten kön­nen.“

Tech­nisch ist das pro­ble­ma­tisch:

  • Brenn­ele­men­te feh­len
  • Per­so­nal ist abge­baut
  • Sicher­heits­über­prü­fun­gen not­wen­dig
  • teil­wei­se bereits Rück­bau begon­nen

Eine Wie­der­in­be­trieb­nah­me hät­te Jah­re dau­ern kön­nen.

5. Wo Kern­ener­gie tat­säch­lich gehol­fen hät­te

Es gibt den­noch zwei Punk­te, an denen Kern­ener­gie einen Unter­schied gemacht hät­te.

1. Weni­ger Gas in Kraft­wer­ken

Deutsch­land nutz­te Gas auch für Strom­erzeu­gung.

Mehr Kern­ener­gie hät­te die­sen Anteil teil­wei­se ersetzt.

Der Effekt wäre aber begrenzt gewe­sen:

  • Gas­strom­an­teil etwa 10–15 %.

2. Nied­ri­ge­re Strom­prei­se

Mehr güns­ti­ger Grund­last­strom hät­te den Strom­preis etwas gedämpft.

Aller­dings wäre der Effekt begrenzt, weil:

  • der euro­päi­sche Strom­markt preis­be­stim­mend ist.

6. War­um Frank­reich trotz viel Kern­ener­gie eben­falls Pro­ble­me hat­te

Ein inter­es­san­tes Gegen­bei­spiel ist Frank­reich.

Frank­reich pro­du­ziert nor­ma­ler­wei­se etwa:

70 % sei­nes Stroms aus Kern­ener­gie.

Trotz­dem gab es 2022 eine Ener­gie­kri­se, weil:

  • vie­le Reak­to­ren wegen War­tung und Kor­ro­si­ons­pro­ble­men aus­fie­len
  • Strom­prei­se euro­pa­weit explo­dier­ten

Das zeigt:
Kern­ener­gie schützt nicht auto­ma­tisch vor Ener­gie­kri­sen.

7. Das eigent­li­che struk­tu­rel­le Pro­blem Deutsch­lands

Das zen­tra­le Risi­ko lag nicht im Atom­aus­stieg, son­dern in der Kom­bi­na­ti­on aus:

  1. hohe Gas­ab­hän­gig­keit
  2. wenig LNG-Import­ka­pa­zi­tät
  3. feh­len­de Diver­si­fi­zie­rung

Die­se Stra­te­gie wur­de über Jahr­zehn­te ver­folgt.

Fazit

Kern­ener­gie hät­te die Ener­gie­kri­se 2022 nicht ver­hin­dern kön­nen, weil:

  • die Kri­se haupt­säch­lich durch Gas ent­stand
  • Kern­kraft nur Strom erzeugt
  • ihr Anteil am Ener­gie­sys­tem rela­tiv klein war

Sie hät­te aber mög­li­cher­wei­se:

  • etwas Gas in der Strom­pro­duk­ti­on ersetzt
  • Strom­prei­se leicht redu­ziert

Der größ­te stra­te­gi­sche Feh­ler war weni­ger der Atom­aus­stieg als viel­mehr die mas­si­ve Abhän­gig­keit von rus­si­schem Gas.


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