Worum geht es?
Die Bundesregierung beantwortet eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke zu Arbeitsbedingungen, Entlohnung, Tarifbindung und Beschäftigungsstrukturen im Einzelhandel (WZ 2008, Abteilung 47). Grundlage sind Daten der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamts, des IAB und weiterer Quellen.
Zentrale Erkenntnisse
1) Beschäftigtenzahlen
- Beschäftigte im Einzelhandel stiegen von 2,85 Mio. (2010) auf 3,02 Mio. (2025).
- Hoher Frauenanteil: rund 70 %.
- Teilzeit dominiert: 2025 arbeiten 54,2 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Teilzeit.
- Besonders viele Beschäftigte unter 25 und über 55 Jahren.
2) Teilzeit & unfreiwillige Teilzeit
- Teilzeitquote im Einzelhandel deutlich höher als in der Gesamtwirtschaft (2025: 54,2 % vs. 31,8 %).
- Viele Beschäftigte arbeiten unter 20 Wochenstunden.
- Unfreiwillige Teilzeit ist laut ver.di-Studie weit verbreitet.
3) Befristungen
- Anteil befristeter Beschäftigung schwankt zwischen 5–7 %.
- Befristungen ohne Sachgrund überwiegen deutlich.
- Frauen sind etwas häufiger befristet beschäftigt als Männer.
4) Niedriglohn
- 2024: 32,7 % der Vollzeitbeschäftigten im Einzelhandel verdienen im unteren Entgeltbereich (Gesamtwirtschaft: 15,3 %).
- Medianentgelt 2024:
- Gesamtwirtschaft: 4.013 €
- Einzelhandel: 3.087 €
5) Aufstockende Leistungen (SGB II)
- 2025: 82.500 Beschäftigte im Einzelhandel beziehen ergänzende Leistungen (2,9 % aller Beschäftigten).
- Kosten Jan–Sep 2025: 651 Mio. €.
6) Tarifbindung
- Tarifbindung sinkt drastisch:
- 2010: 32,7 % der Betriebe tarifgebunden
- 2025: 18,5 %
- Beschäftigte in tarifgebundenen Betrieben:
- 2010: 49,5 %
- 2025: 23,4 %
- Nur 3 allgemeinverbindliche Tarifverträge existieren (BW & RLP).
- Seit 2014 keine neuen Anträge auf Allgemeinverbindlichkeit.
7) Arbeitszeiten & Überstunden
- Tarifliche Arbeitszeit im Handel liegt konstant unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft.
- Tatsächliche Jahresarbeitszeit im Handel: ca. 1.240 Std. (2025).
- Daten zu Überstunden nur eingeschränkt verfügbar.
8) Arbeitsbedingungen
- Hohe Belastungen: Wochenendarbeit, Abend- und Nachtarbeit, Schichtmodelle.
- Datenlage eingeschränkt, da Erhebungsmethoden 2017 geändert wurden.
9) Fachkräftemangel
- Laut BA-Engpassanalyse:
Einzelhandel zeigt bis 2029 keine strukturellen Engpässe. - Einzelne Verkaufsberufe gelten dennoch als Engpassberufe.
10) Unternehmensumsätze
- Umsatzdaten liegen vor, Gewinnzahlen jedoch nicht (werden statistisch nicht erhoben).
- Vergleichbarkeit zwischen 2010/2015 und 2020/2023 eingeschränkt wegen unterschiedlicher Statistiksysteme.
11) Arbeitsunfälle & Berufskrankheiten
- Zahlen liegen in SuGA-Berichten vor.
- Keine Daten zu Verdachtsanzeigen nach Bundesländern.
12) Kriminalität & Gewalt gegen Beschäftigte
- Bundesregierung hat keine Erkenntnisse zu Straftaten gegen Beschäftigte im Einzelhandel.
13) Krankentage
- Keine bundeslandspezifischen Daten verfügbar; Krankenkassen veröffentlichen nur kassenspezifische Statistiken.
Kurzfazit
Der Einzelhandel ist geprägt von:
- hoher Teilzeitquote, oft unfreiwillig
- niedrigen Löhnen und vielen Niedriglohnbeschäftigten
- sinkender Tarifbindung
- hohem Frauenanteil
- zunehmender Belastung durch atypische Arbeitszeiten
- geringer Datenlage in einigen Bereichen (Überstunden, Gewalt, Krankentage)
Gleichzeitig zeigt sich kein struktureller Fachkräftemangel, obwohl einzelne Verkaufsberufe Engpässe aufweisen.
Quelle: Drucksache 21/5889