Regie­rungs­er­klä­rung von Minis­ter­prä­si­dent Cem Özd­emir im Land­tag Baden-Würt­tem­berg

Ein­lei­tung und per­sön­li­che Refle­xi­on

Minis­ter­prä­si­dent Cem Özd­emir eröff­net sei­ne ers­te Regie­rungs­er­klä­rung mit per­sön­li­chen Wor­ten: Als vor 60 Jah­ren in Bad Urach gebo­re­nes Kind von Gast­ar­bei­tern betont er, dass sein Weg in das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten kein selbst­ver­ständ­li­cher war. Er führt die Leit­ma­xi­me „Mut und Demut” ein – als Hal­tung, die auch für die Zukunft Baden-Würt­tem­bergs rich­tungs­wei­send sein soll: Mut, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und Klar­text zu reden; Demut, zuzu­hö­ren, bes­se­re Argu­men­te anzu­er­ken­nen und Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen.

Ana­ly­se der Aus­gangs­la­ge

Özd­emir beschreibt die gegen­wär­ti­ge Zeit als his­to­ri­sche Über­gangs­pha­se, geprägt durch mul­ti­ple Kri­sen: geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen, tech­no­lo­gi­sche Dis­rup­ti­on, Bedro­hun­gen der libe­ra­len Demo­kra­tie und den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del. Die zen­tra­le Auf­ga­be der Lan­des­re­gie­rung sei es, Baden-Würt­tem­berg sicher durch die­se Tur­bu­len­zen zu füh­ren und Grund­la­gen für die kom­men­de Epo­che zu legen.

Zen­tra­le Hand­lungs­fel­der

1. Wirt­schaft, Wachs­tum und Arbeits­plät­ze

  • Staats­mo­der­ni­sie­rung: Abbau von Büro­kra­tie durch das Effi­zi­enz­ge­setz (auto­ma­ti­sches Aus­lau­fen lan­des­recht­li­cher Berichts­pflich­ten bis Ende 2027), Geneh­mi­gungs­fik­tio­nen, digi­ta­le Ver­fah­ren.
  • Inno­va­ti­ons­po­li­tik: High­tech-Stra­te­gie mit Fokus auf Schlüs­sel­tech­no­lo­gien (KI, Quan­ten­tech­no­lo­gie, Halb­lei­ter, Pho­to­nik, Gre­en­tech, Lebens­wis­sen­schaf­ten); För­de­rung von Tech­no­lo­gie­trans­fer, Start-ups und Grün­dung inner­halb von 48 Stun­den.
  • Auto­mo­bil­stand­ort: Siche­rung der indus­tri­el­len Kom­pe­tenz durch Fokus auf Elek­tro­mo­bi­li­tät, Soft­ware und KI; tech­no­lo­gie­of­fe­ner Ansatz mit För­de­rung von E‑Mobilität, Was­ser­stoff und syn­the­ti­schen Kraft­stof­fen; flä­chen­de­cken­der Aus­bau der Lade­infra­struk­tur.
  • Infra­struk­tur: Sanie­rung und Aus­bau von Stra­ßen, Schie­nen und digi­ta­ler Infra­struk­tur (Glas­fa­ser in jeder Woh­nung, moder­ner Mobil­funk bis 2029).

2. Kli­ma- und Umwelt­po­li­tik

  • Ziel: Kli­ma­neu­tra­li­tät Baden-Würt­tem­bergs bis 2040.
  • Markt­wirt­schaft­li­cher Ansatz mit Emis­si­ons­han­del, ambi­tio­nier­tem Aus­bau erneu­er­ba­rer Ener­gien und smar­ter Netz­in­fra­struk­tur.
  • „Kli­ma­mil­li­ar­de” für Kom­mu­nen zur För­de­rung loka­ler Kli­ma­schutz­in­ves­ti­tio­nen.
  • Stär­kung der bio­lo­gi­schen Viel­falt durch Bio­top­ver­bund und kon­se­quen­te Umset­zung des Bio­di­ver­si­täts­stär­kungs­ge­set­zes.

3. Bil­dungs­po­li­tik

  • Leit­prin­zip: Leis­tung und Gerech­tig­keit gehö­ren zusam­men.
  • Fokus auf frü­he Bil­dung: Aus­bau der Sprach­för­de­rung in Kita und Grund­schu­le, ver­bind­li­ches kos­ten­lo­ses letz­tes Kin­der­gar­ten­jahr.
  • Unter­stüt­zung der Lehr­kräf­te durch mul­ti­pro­fes­sio­nel­le Teams.
  • Ver­bot pri­va­ter Smart­phone-Nut­zung an Schu­len; Ein­satz für Social-Media-Ver­bot für unter 16-Jäh­ri­ge.
  • Stär­kung der beruf­li­chen Bil­dung: Erhö­hung der Meis­ter­prä­mie auf 3.000 €, per­spek­ti­vi­sche Kos­ten­frei­heit der Meis­ter- und Tech­ni­ker­aus­bil­dung.

4. Inne­re Sicher­heit und Zusam­men­halt

  • Schaf­fung von 1.000 zusätz­li­chen Poli­zei­stel­len, tech­ni­sche und per­so­nel­le Stär­kung der Sicher­heits­be­hör­den.
  • Aus­bau intel­li­gen­ter Video­über­wa­chung, Body­cams und auto­ma­ti­sier­tem Bild­ab­gleich.
  • Akti­ve Bekämp­fung von Hass, Het­ze und Gewalt – online wie off­line.
  • Sozi­al­po­li­tik mit Fokus auf Empower­ment: Land­arzt- und Kin­der­arzt­quo­te, Stra­te­gie gegen Ein­sam­keit, bezahl­ba­rer Wohn­raum durch beschleu­nig­te Pla­nung und För­der­instru­men­te.

5. Migra­ti­on und Inte­gra­ti­on

  • Kurs der Ver­bin­dung von Huma­ni­tät und Ord­nung: Schutz für poli­tisch Ver­folg­te, Rück­füh­rung bei feh­len­dem Schutz­an­spruch, beschleu­nig­te Ver­fah­ren für Fach­kräf­te.
  • Drei Inte­gra­ti­ons­be­din­gun­gen: Spra­che, Arbeit, Ver­fas­sungs­treue.
  • Kla­re Bot­schaft: Wer die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, gehört dazu – unab­hän­gig von Her­kunft, Glau­be oder Lebens­stil.

6. Regie­rungs­stil und demo­kra­ti­sche Kul­tur

  • Fort­füh­rung der „Poli­tik des Gehört­wer­dens” nach Win­fried Kret­sch­mann: Dia­log auf Augen­hö­he, Betei­li­gung bei wich­ti­gen Vor­ha­ben.
  • Ein­rich­tung eines Jugend­be­ra­ter­krei­ses in der Staats­kanz­lei.
  • Stär­kung des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments durch Aus­wei­tung der Ehren­amts­kar­te und Büro­kra­tie­ab­bau für Ver­ei­ne.
  • Kla­re Abgren­zung gegen­über demo­kra­tie­feind­li­chen Kräf­ten bei gleich­zei­ti­ger Anspra­che besorg­ter Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler.

7. Euro­pa und poli­ti­sche Mit­te

  • Bekennt­nis zum ver­ein­ten Euro­pa als Grund­la­ge für Frie­den, Sicher­heit und Wohl­stand.
  • Selbst­ver­ständ­nis als bür­ger­li­che Koali­ti­on der Mit­te (Grü­ne und CDU): Com­mit­ment zu libe­ra­ler Demo­kra­tie, sozia­ler Markt­wirt­schaft und respekt­vol­lem Mit­ein­an­der.
  • Appell an gemein­sa­me Ver­ant­wor­tung: Staat, Wirt­schaft, Zivil­ge­sell­schaft und Bür­ger müs­sen zusam­men­wir­ken; Ver­trau­en als wich­tigs­te Res­sour­ce der Demo­kra­tie.

Schluss­ap­pell

Özd­emir schließt mit der Ein­la­dung an alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, den Weg der Erneue­rung Baden-Würt­tem­bergs kon­struk­tiv zu beglei­ten. Mit „neu­em Mut für eine neue Zeit” sol­le das Land sei­ne Erfolgs­ge­schich­te fort­schrei­ben – getra­gen von den Wer­ten Mut, Demut, Zusam­men­halt und Zuver­sicht.


Eine kri­ti­sche Betrach­tung von Özd­emirs Regie­rungs­er­klä­rung

Am 20. Mai 2026 hielt Cem Özd­emir sei­ne ers­te Regie­rungs­er­klä­rung als neu­er Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg. Unter dem Leit­bild „Mut und Demut” skiz­zier­te er die poli­ti­schen Leit­li­ni­en der neu­en grün-schwar­zen Lan­des­re­gie­rung und beton­te die Not­wen­dig­keit, das Land sicher durch eine Zeit mul­ti­pler Kri­sen und Umbrü­che zu füh­ren. Doch so ambi­tio­niert die Ansa­gen auch klin­gen – die Fra­ge, ob all die­se Ver­spre­chen tat­säch­lich ein­ge­löst wer­den kön­nen, ist mehr als berech­tigt, und die­se Skep­sis tei­len vie­le poli­ti­sche Beob­ach­ter. Regie­rungs­er­klä­run­gen sind natur­ge­mäß eine Mischung aus ehr­gei­zi­ger Visi­on, poli­ti­schem Schau­fens­ter und Absichts­er­klä­rung. Nun trifft die soge­nann­te „Poe­sie des Wahl­kampfs” auf die har­te „Pro­sa des Regie­rungs­all­tags”.

Dabei sind es vor allem fünf Berei­che, in denen die Umset­zung der ange­kün­dig­ten Vor­ha­ben an erheb­li­che Gren­zen sto­ßen dürf­te. Der ers­te und wohl drän­gends­te ist die Finan­zie­rungs­fra­ge. Die Kas­sen von Bund und Län­dern sind ange­spannt, die Schul­den­brem­se gilt – und den­noch gehö­ren zu Özd­emirs Ankün­di­gun­gen eine „Kli­ma­mil­li­ar­de” für Kom­mu­nen, ein kos­ten­frei­es und ver­pflich­ten­des letz­tes Kin­der­gar­ten­jahr, tau­send zusätz­li­che Stel­len bei der Poli­zei, kos­ten­frei­es Mit­tag­essen an Brenn­punkt-Grund­schu­len sowie eine kos­ten­freie Meis­ter- und Tech­ni­ker­aus­bil­dung. Die­se Vor­ha­ben sind alle­samt teu­er, und die kom­men­den Haus­halts­ver­hand­lun­gen zwi­schen den Minis­te­ri­en dürf­ten ent­spre­chend hart wer­den.

Hin­zu kommt ein zwei­tes, struk­tu­rel­les Pro­blem: Vie­le der ange­spro­che­nen Her­aus­for­de­run­gen lie­gen gar nicht im allei­ni­gen Ein­fluss­be­reich des Lan­des – und Özd­emir selbst hat das in sei­ner Rede teil­wei­se ein­ge­räumt. Beim The­ma Migra­ti­on etwa sind Asyl­recht, Rück­füh­rungs­ab­kom­men und Außen­grenz­schutz Sache des Bun­des oder der EU. Baden-Würt­tem­berg kann allen­falls bei der Abschie­be­pra­xis oder der Unter­brin­gung von Geflüch­te­ten nach­jus­tie­ren. Ähn­li­ches gilt für die wirt­schafts­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen: Der Groß­teil der Regu­lie­run­gen, die den Mit­tel­stand belas­ten, kommt aus Brüs­sel oder Ber­lin. Ein lan­des­ei­ge­nes „Effi­zi­enz­ge­setz” ist zwar ein poli­ti­sches Signal, kratzt aber oft nur an der Ober­flä­che.

Dane­ben fin­den sich in der Regie­rungs­er­klä­rung Ver­spre­chen, die man als poli­ti­sche „Ever­greens” bezeich­nen könn­te – also Ankün­di­gun­gen, die von nahe­zu jeder neu­en Regie­rung gemacht wer­den, an der Rea­li­tät jedoch regel­mä­ßig schei­tern. Büro­kra­tie­ab­bau und Digi­ta­li­sie­rung etwa schei­tern häu­fig an star­ren Ver­wal­tungs­struk­tu­ren, und die ange­streb­te Beschleu­ni­gung von Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren birgt zudem das Risi­ko recht­li­cher Feh­ler und anschlie­ßen­der Kla­gen. Beim The­ma Woh­nungs­bau wie­der­um lie­gen ent­schei­den­de Fak­to­ren wie Mate­ri­al­kos­ten, Zin­sen und Fach­kräf­te­man­gel schlicht außer­halb der Ein­fluss­sphä­re der Lan­des­re­gie­rung.

Beson­de­res Auf­se­hen erregt das ange­kün­dig­te Smart­phone-Ver­bot an Schu­len sowie die For­de­rung nach einem Social-Media-Ver­bot für unter 16-Jäh­ri­ge. Wäh­rend sich ers­te­res mög­li­cher­wei­se noch über Schul­haus­ord­nun­gen regeln lässt – wenn­gleich die Durch­set­zung Lehr­kräf­te erheb­lich belas­ten wür­de –, ist letz­te­res ein bun­des- bezie­hungs­wei­se euro­pa­recht­li­ches The­ma, das grund­le­gen­de Fra­gen zu Grund­rech­ten, Alters­ve­ri­fi­ka­ti­on im Netz und Daten­schutz auf­wirft. Als Ein­zel­land ist das kaum umsetz­bar.

Schließ­lich darf auch die inter­ne Dyna­mik der Koali­ti­on nicht unter­schätzt wer­den. Özd­emir und sein Innen­mi­nis­ter Manu­el Hagel von der CDU mögen der­zeit Geschlos­sen­heit demons­trie­ren – doch an der Basis bei­der Par­tei­en bestehen in zen­tra­len Fra­gen, etwa beim Ver­bren­nungs­mo­tor, beim Kli­ma­schutz oder bei der inne­ren Sicher­heit, erheb­li­che ideo­lo­gi­sche Unter­schie­de. Bei kon­kre­ten Geset­zes­vor­ha­ben wer­den die­se Rei­bungs­ver­lus­te kaum aus­blei­ben.

Özd­emir hat die Mess­lat­te für sich und sei­ne Regie­rung hoch gelegt. Es ist wenig wahr­schein­lich, dass all die­se Punk­te eins zu eins umge­setzt wer­den. Die Regie­rungs­er­klä­rung ist daher eher als poli­ti­scher Kom­pass zu ver­ste­hen, der die Rich­tung vor­gibt, in die das Land gesteu­ert wer­den soll. Gemes­sen wird er am Ende der Legis­la­tur­pe­ri­ode aber genau dar­an: ob die Schu­len bes­ser funk­tio­nie­ren, die Wirt­schaft wie­der wächst und ob die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger das Gefühl haben, dass der Staat ver­läss­lich sei­nen Auf­ga­ben nach­kommt.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater