Endlich kommt Bewegung in die Rentendebatte. Jahrzehntelang wurde herumgedruckst, geprüft, gerechnet, gewarnt. Nun liegt die Lösung so klar auf der Hand, dass man sich fragt, warum niemand früher darauf gekommen ist: Wir arbeiten einfach länger. Sehr viel länger. Bis 70. Vielleicht auch bis 72, falls die Lebenserwartung weiterhin so unverschämt steigt.
Das Prinzip ist bestechend einfach: Wer später in Rente geht, bekommt kürzer Rente. Wer kürzer Rente bekommt, entlastet das System. Und wer das Rentenalter gar nicht mehr erreicht, leistet den wohl solidarischsten Beitrag überhaupt. Man könnte das als versicherungsmathemische Eleganz bezeichnen. Oder als Fitnessprogramm mit Beitragsbescheid.
Natürlich ist das sozial ausgewogen. Schließlich betrifft es alle gleichermaßen: die Professorin im klimatisierten Büro, den Dachdecker im August, die Pflegekraft im Nachtdienst und den Paketboten im vierten Stock ohne Aufzug. Gleichheit bedeutet schließlich, dass alle denselben Zielstrich sehen, auch wenn manche ihn mit Aktenkoffer und andere mit Bandscheibenvorfall erreichen.
Besonders beruhigend ist der Hinweis, die Rente mit 70 solle erst in den 2060er-Jahren greifen. Das klingt weit weg, fast wie Science-Fiction. Bis dahin werden die Betroffenen sicher verstanden haben, dass sie nicht etwa länger arbeiten müssen, sondern länger dürfen. Ein feiner Unterschied. Früher nannte man das Belastung, heute heißt es Teilhabe am Erwerbsleben.
Auch die Idee, das Rentenniveau leicht abzusenken, verdient Anerkennung. Denn was wäre eine Reform, wenn sie nicht an mindestens zwei Stellen gleichzeitig weh täte? Länger arbeiten und am Ende weniger bekommen: Das ist kein Problem, das ist ein Gesamtkonzept. Man darf nicht immer nur in Ansprüchen denken. Man muss auch die Würde des Verzichts entdecken.
Die Gewerkschaften reagieren erwartbar empfindlich. Sie verweisen auf Menschen, die schon heute kaum bis 67 durchhalten. Doch solche Einwände bremsen nur den Reformgeist. Wer in einem körperlich belastenden Beruf arbeitet, sollte die letzten Jahre vor der Rente eben strategischer gestalten: weniger heben, weniger stehen, weniger krank werden. Vielleicht lässt sich das per App lösen.
Am schönsten aber ist die politische Choreografie: Erst wird ein angeblicher Zwischenstand bekannt, dann wird er dementiert, dann diskutieren alle darüber, als sei er schon beschlossen. Das ist moderne Rentenpolitik: Niemand war es, alle reden mit, und am Ende steht ein Kompromiss, bei dem die Bürger nicht sicher sind, ob sie betroffen sind, aber vorsorglich schon einmal länger arbeiten.
So wird aus der Rente mit 70 ein Symbol unserer Zeit. Die Menschen sollen flexibel bleiben, leistungsbereit, gesund, mobil und optimistisch. Und falls das nicht gelingt, bleibt immer noch die private Vorsorge. Denn wer mit 70 erschöpft in den Ruhestand geht, kann sich immerhin damit trösten, dass er vorher jahrzehntelang Gelegenheit hatte, zusätzlich Geld zurückzulegen.
Endlich also Klarheit: Die Zukunft der Rente ist sicher. Sie beginnt nur später.