Das ver­dräng­te Kapi­tel: Die Grü­nen und die Pädo­phi­lie-Debat­te ihrer Grün­dungs­jah­re

Wenn eine Par­tei für sich bean­sprucht, mora­li­scher Kom­pass des poli­ti­schen Betriebs zu sein, dann muss sie sich auch an ihrer eige­nen Geschich­te mes­sen las­sen. Bei den Grü­nen führt die­ser Blick zurück in ein Kapi­tel, das die Par­tei lan­ge Zeit eher ver­schwieg als auf­ar­bei­te­te: die Ver­stri­ckung von Tei­len der frü­hen Grü­nen mit For­de­run­gen nach der Ent­kri­mi­na­li­sie­rung sexu­el­ler Hand­lun­gen zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern. Erst öffent­li­cher Druck im Wahl­jahr 2013 zwang die Par­tei zu einer ernst­haf­ten Aus­ein­an­der­set­zung.

Die Fak­ten­la­ge ist heu­te durch unab­hän­gi­ge For­schung gut doku­men­tiert. In der Grün­dungs­pha­se der Grü­nen Anfang der 1980er Jah­re fan­den sich – vor allem auf kom­mu­na­ler und Lan­des­ebe­ne – Pro­gramm­pas­sa­gen, die unter dem Ban­ner des Kamp­fes gegen die „Dis­kri­mi­nie­rung sexu­el­ler Min­der­hei­ten” eine Straf­frei­heit für soge­nann­te „ein­ver­nehm­li­che” Sexua­li­tät zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern for­der­ten. Die Bedin­gung lau­te­te: kein Zwang, kei­ne Gewalt, kei­ne Aus­nut­zung von Abhän­gig­keit. Schon die­se For­mu­lie­rung offen­bart den fun­da­men­ta­len Denk­feh­ler – denn ein Kind kann in eine sexu­el­le Bezie­hung mit einem Erwach­se­nen gar nicht „ein­wil­li­gen”. Das Kon­strukt der kind­li­chen Zustim­mung war von Beginn an eine Täter­lo­gik, die hier poli­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on such­te und zeit­wei­se auch fand.

Kon­kret greif­bar wird die Ver­ant­wor­tung an ein­zel­nen Per­so­nen. Jür­gen Trit­tin, spä­ter Bun­des­mi­nis­ter und Frak­ti­ons­chef, war 1981 pres­se­recht­lich ver­ant­wort­lich für ein Göt­tin­ger Kom­mu­nal­wahl­pro­gramm, das ent­spre­chen­de For­de­run­gen ent­hielt. Trit­tin hat dies Jahr­zehn­te spä­ter als Feh­ler ein­ge­räumt. Dani­el Cohn-Ben­dit, eine der prä­gen­den Figu­ren der Bewe­gung, hat­te bereits 1975 – vor der Par­tei­grün­dung – in sei­nem Buch „Der gro­ße Basar” ver­stö­ren­de Schil­de­run­gen sexua­li­sier­ter Inter­ak­tio­nen mit Kin­dern ver­fasst, die er spä­ter als lite­ra­ri­sche Pro­vo­ka­ti­on und Fik­ti­on rela­ti­vier­te. Die­se Rela­ti­vie­rung über­zeugt nicht rest­los: Wer mit der Sexua­li­sie­rung von Kin­dern koket­tiert, sei es als Stil­mit­tel, trägt Ver­ant­wor­tung für die Nor­ma­li­sie­rung eines Tabu­bruchs.

Beson­ders auf­schluss­reich ist die insti­tu­tio­nel­le Dimen­si­on. Mit der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft „Schwu­le, Päd­eras­ten und Trans­se­xu­el­le” exis­tier­te zeit­wei­se eine von der Par­tei gedul­de­te und finan­zier­te Struk­tur, in der pädo­phi­le Akti­vis­ten ein Forum fan­den. Sie nutz­ten geschickt den brei­ten Eman­zi­pa­ti­ons- und Anti-Repres­si­ons-Dis­kurs der Nach-68er-Jah­re, um ihre Anlie­gen an die legi­ti­men Befrei­ungs­kämp­fe von Homo­se­xu­el­len anzu­do­cken – ein zyni­sches Manö­ver, das den rea­len Anlie­gen sexu­el­ler Min­der­hei­ten mas­siv scha­de­te und sie in unmit­tel­ba­re Nähe von Straf­tä­tern rück­te.

Zur Wahr­heit gehört auch der Kon­text: Die­se Strö­mun­gen waren kein exklu­si­ves Grü­nen-Phä­no­men. Tei­le der sexu­el­len Befrei­ungs­ideo­lo­gie der spä­ten 68er-Bewe­gung gin­gen weit über das hin­aus, was heu­te vor­stell­bar ist; ähn­li­che Ten­den­zen fan­den sich zeit­wei­se auch in ande­ren lin­ken und libe­ra­len Milieus. Doch gera­de weil die Grü­nen als neue, offe­ne Sam­mel­be­we­gung antra­ten, boten sie sol­chen Posi­tio­nen beson­ders viel Raum. Ab Mit­te der 1980er Jah­re ver­lo­ren die­se For­de­run­gen an Ein­fluss, ab 1989 distan­zier­te sich die Par­tei deut­li­cher. Den­noch blieb das The­ma lan­ge ein blin­der Fleck.

Der ent­schei­den­de Vor­wurf an die Grü­nen lau­tet nicht, dass eine Mehr­heit der Mit­glie­der sol­che For­de­run­gen ver­tre­ten hät­te – das wäre eine unred­li­che Über­trei­bung. Der Vor­wurf lau­tet, dass die Par­tei zu lan­ge weg­schau­te, Täter­for­de­run­gen ein Forum bot und erst unter dem Druck der Öffent­lich­keit reagier­te. Immer­hin: Als die Debat­te 2013 hoch­koch­te, zog die Par­tei Kon­se­quen­zen. Sie beauf­trag­te das Göt­tin­ger Insti­tut für Demo­kra­tie­for­schung um Franz Wal­ter mit einer unab­hän­gi­gen Auf­ar­bei­tung. Deren Ergeb­nis war scho­nungs­los – die For­de­run­gen sei­en inak­zep­ta­bel gewe­sen, die Par­tei habe Pädo­phi­len ein Forum gebo­ten und zu spät reagiert. Es folg­ten Ent­schul­di­gun­gen und das Bekennt­nis zur his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung.

Die­se Auf­ar­bei­tung ver­dient Aner­ken­nung, denn nicht jede Orga­ni­sa­ti­on stellt sich der­art selbst­kri­tisch ihrer Ver­gan­gen­heit. Sie ent­las­tet die Par­tei jedoch nicht voll­stän­dig. Wer heu­te mora­li­sche Maß­stä­be an ande­re anlegt, soll­te die eige­ne Geschich­te prä­sent hal­ten – nicht als ewi­gen Pran­ger, aber als Mah­nung zur Demut. Die heu­ti­ge Par­tei hat mit jenen Posi­tio­nen nichts mehr gemein, und es wäre unfair, ihr die Ver­feh­lun­gen einer klei­nen, längst über­wun­de­nen Strö­mung dau­er­haft anzu­las­ten. Doch das dunk­le Kapi­tel bleibt Teil ihrer Iden­ti­tät. Es ist doku­men­tiert, kei­ne Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung – und es lehrt eine zeit­lo­se Wahr­heit: dass auch im Namen ver­meint­li­cher Befrei­ung Unrecht gesche­hen kann, und dass der Schutz von Kin­dern nie­mals einer Ideo­lo­gie geop­fert wer­den darf.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater