Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic hat mit einer neuen Finanzierungsrunde seine Bewertung deutlich gesteigert und liegt nun vor dem bisherigen Rivalen OpenAI. Nach Angaben mehrerer Medien sammelte Anthropic 65 Milliarden US-Dollar von Investoren ein. Daraus ergibt sich eine Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar. OpenAI wurde zuletzt mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet.
Die Entwicklung markiert einen weiteren Höhepunkt im Wettbewerb der großen KI-Anbieter. Noch im Februar lag die Bewertung von Anthropic bei 380 Milliarden US-Dollar. Innerhalb weniger Monate hat sich der rechnerische Unternehmenswert damit mehr als verdoppelt. Die neue Finanzierungsrunde wird unter anderem mit dem starken Wachstum des Enterprise-Geschäfts begründet. Anthropic positioniert seinen Chatbot Claude und ergänzende Werkzeuge wie Claude Code gezielt für den Einsatz in Unternehmen, insbesondere in der Softwareentwicklung.
Das frische Kapital soll vor allem in Forschung, Produktausbau und zusätzliche Rechenkapazitäten fließen. Letztere gelten als zentraler Engpass im KI-Sektor. Die Nachfrage nach leistungsfähigen Sprachmodellen ist stark gestiegen, zugleich sind Training und Betrieb solcher Systeme kapital- und energieintensiv. Anthropic hatte zuletzt Schwierigkeiten, ausreichend Rechenleistung bereitzustellen, und musste die Nutzung seiner Dienste zeitweise begrenzen.
An der Finanzierungsrunde sind neben klassischen Finanzinvestoren auch strategische Partner aus der Technologie- und Infrastrukturbranche beteiligt. Genannt werden unter anderem Amazon, Google beziehungsweise Alphabet sowie Speicher- und Chipanbieter wie Samsung, Micron und SK Hynix. Die Beteiligung solcher Unternehmen zeigt, wie eng KI-Entwicklung, Cloud-Infrastruktur und Halbleiterversorgung inzwischen miteinander verbunden sind.
Die hohe Bewertung erfolgt vor dem Hintergrund erwarteter Börsengänge großer Technologieunternehmen. Sowohl Anthropic als auch OpenAI werden als mögliche Kandidaten für einen Börsengang gehandelt. Die Bewertung von Anthropic ist dabei jedoch keine frei am Markt gebildete Börsenkapitalisierung, sondern das Ergebnis einer privaten Finanzierungsrunde. Sie spiegelt damit vor allem Erwartungen an künftiges Wachstum, Marktanteile und Ertragskraft wider.
Neben den Wachstumsperspektiven treten auch Risiken deutlicher hervor. Der SPIEGEL verweist auf einen Konflikt zwischen Anthropic und dem US-Verteidigungsministerium über die militärische Nutzung von KI-Technologie. Zudem gibt es Warnungen vor dem Modell Mythos, das Sicherheitslücken nicht nur erkennen, sondern auch ausnutzbare Programme erzeugen können soll. Damit verschärft sich die Debatte darüber, wie leistungsfähige KI-Systeme kontrolliert und in sensiblen Bereichen reguliert werden sollten.
Insgesamt zeigt der Fall Anthropic, wie stark sich der KI-Markt binnen kurzer Zeit verdichtet hat. Kapital, Rechenleistung, Cloud-Verträge und strategische Partnerschaften werden zu entscheidenden Faktoren im Wettbewerb. Die Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar ist daher weniger als abgeschlossener wirtschaftlicher Erfolg zu verstehen, sondern als Wette der Investoren auf die künftige Rolle von KI-Systemen in Unternehmen und digitaler Infrastruktur.