St. Peters­bur­ger Wirt­schafts­fo­rum: Signal­wir­kung für deut­sche Unter­neh­men

Das Wirt­schafts­fo­rum in St. Peters­burg ist für Russ­land seit Jah­ren mehr als eine gewöhn­li­che Bran­chen­ver­an­stal­tung. Es dient der rus­si­schen Füh­rung als Büh­ne, um wirt­schaft­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit, inter­na­tio­na­le Anschluss­fä­hig­keit und poli­ti­sche Nor­ma­li­tät zu demons­trie­ren. In der aktu­el­len Lage erhält die­se Insze­nie­rung beson­de­res Gewicht. Wäh­rend west­li­che Sank­tio­nen, die Fol­gen des Ukrai­ne­kriegs und zuneh­men­de wirt­schaft­li­che Abhän­gig­kei­ten von Chi­na und Indi­en die rus­si­sche Volks­wirt­schaft belas­ten, soll das Forum ein ande­res Bild ver­mit­teln: Russ­land als wei­ter­hin rele­van­ter Inves­ti­ti­ons- und Han­dels­stand­ort.

Für deut­sche Unter­neh­men hat die Ver­an­stal­tung des­halb eine Bedeu­tung, die über unmit­tel­ba­re Geschäfts­ab­schlüs­se hin­aus­geht. Sie ist vor allem ein Ort der Kon­takt­pfle­ge und stra­te­gi­schen Posi­tio­nie­rung. Deutsch­land war vor dem Krieg einer der wich­tigs­ten euro­päi­schen Han­dels­part­ner Russ­lands. Das bila­te­ra­le Han­dels­vo­lu­men lag nach Dar­stel­lung des Bei­trags frü­her bei jähr­lich 60 bis 80 Mil­li­ar­den Euro, inzwi­schen jedoch bei unter 10 Mil­li­ar­den Euro. Dar­aus ergibt sich aus Sicht ein­zel­ner Unter­neh­men ein erheb­li­ches mög­li­ches Rück­kehr- und Auf­hol­po­ten­zi­al, soll­te es zu einer poli­ti­schen Ent­span­nung oder zu einem Waf­fen­still­stand kom­men.

Auf­fäl­lig ist, dass deut­sche Unter­neh­men erst­mals seit Beginn des rus­si­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukrai­ne wie­der offi­zi­ell auf dem Forum ver­tre­ten sind. Die­se Teil­nah­me kann als sym­bo­li­scher Ein­schnitt ver­stan­den wer­den. Von einem umfas­sen­den Kurs­wech­sel der deut­schen Wirt­schaft gegen­über Russ­land lässt sich aller­dings nicht spre­chen. Vie­le gro­ße Kon­zer­ne haben ihre Akti­vi­tä­ten nach Kriegs­be­ginn been­det, ver­kauft oder deut­lich redu­ziert. Anders stellt sich die Lage bei Tei­len des Mit­tel­stands dar. Laut dem Bei­trag sind zahl­rei­che klei­ne­re und mitt­le­re Unter­neh­men wei­ter­hin in Russ­land aktiv, häu­fig mit redu­zier­ter Prä­senz und unter Ver­weis auf bestehen­de Stand­or­te, Beschäf­tig­te, Lie­fer­ver­pflich­tun­gen oder Inves­ti­ti­ons­wer­te.

Der Begriff „Damm­bruch“ ist daher nur ein­ge­schränkt zutref­fend. Ein Damm­bruch liegt inso­fern vor, als die offi­zi­el­le Teil­nah­me deut­scher Fir­men die bis­he­ri­ge poli­ti­sche und öffent­li­che Zurück­hal­tung sicht­bar durch­bricht. Sie kann ande­ren Unter­neh­men signa­li­sie­ren, dass eine vor­sich­ti­ge Rück­kehr in rus­si­sche Wirt­schafts­for­ma­te wie­der denk­bar ist. Gleich­zei­tig bleibt die Betei­li­gung begrenzt. Es han­delt sich nicht um eine brei­te Rück­kehr der deut­schen Indus­trie, son­dern eher um ein vor­sich­ti­ges Aus­lo­ten wirt­schaft­li­cher Spiel­räu­me unter wei­ter­hin schwie­ri­gen poli­ti­schen Bedin­gun­gen.

Die Moti­ve der betei­lig­ten Unter­neh­men sind unter­schied­lich. Genannt wer­den die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Lebens­mit­teln, die Lie­fe­rung von Medi­ka­men­ten, der Erhalt von Arbeits­plät­zen sowie der Schutz bestehen­der Inves­ti­tio­nen. Hin­zu kommt ein geo­po­li­tisch-wirt­schaft­li­ches Argu­ment: Deut­sche Fir­men wol­len den rus­si­schen Markt nicht voll­stän­dig chi­ne­si­schen oder indi­schen Wett­be­wer­bern über­las­sen. Gera­de chi­ne­si­sche Unter­neh­men haben ihre Prä­senz in Russ­land aus­ge­baut und fül­len Lücken, die west­li­che Unter­neh­men seit Kriegs­be­ginn hin­ter­las­sen haben.

Damit zeich­net sich eine vor­sich­ti­ge wirt­schaft­li­che Annä­he­rung ab, aller­dings nicht im Sin­ne einer Nor­ma­li­sie­rung. Viel­mehr han­delt es sich um eine inter­es­sen­ge­lei­te­te Vor­be­rei­tung auf mög­li­che künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen. Unter­neh­men, die heu­te Kon­tak­te hal­ten, kön­nen im Fall einer diplo­ma­ti­schen Lösung schnel­ler wie­der aktiv wer­den. Die­se Logik ist aus betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht nach­voll­zieh­bar, steht jedoch in einem deut­li­chen Span­nungs­ver­hält­nis zur poli­ti­schen Lage und zur mora­li­schen Ver­ant­wor­tung im Umgang mit Russ­land.

Der zen­tra­le Kon­flikt bleibt bestehen: Jede wirt­schaft­li­che Akti­vi­tät in Russ­land kann dazu bei­tra­gen, staat­li­che Ein­nah­men zu sta­bi­li­sie­ren und damit indi­rekt auch die finan­zi­el­le Hand­lungs­fä­hig­keit der rus­si­schen Füh­rung zu sichern. Wer sich früh­zei­tig posi­tio­niert, sichert womög­lich Markt­chan­cen für die Zeit nach dem Krieg. Zugleich ris­kiert er den Vor­wurf, bereits wäh­rend des Krie­ges zur wirt­schaft­li­chen Sta­bi­li­sie­rung Russ­lands bei­zu­tra­gen. Genau in die­sem Span­nungs­feld bewegt sich die deut­sche Wirt­schaft der­zeit zwi­schen stra­te­gi­schem Kal­kül, Sank­ti­ons­re­gime und poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung.


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