Chip-Aus­ver­kauf stellt KI-Ral­ly auf die Pro­be

Der mas­si­ve Kurs­rutsch bei Halb­lei­ter­wer­ten hat an der Wall Street die Ver­wund­bar­keit der KI-Ral­ly offen­ge­legt. Nach Anga­ben von Reu­ters ver­lo­ren US-notier­te Chip­un­ter­neh­men am Frei­tag zusam­men rund 1,3 Bil­lio­nen Dol­lar an Bör­sen­wert. Der PHLX Semi­con­duc­tor Index, der als wich­ti­ger Grad­mes­ser für den Sek­tor gilt, fiel um 10,3 Pro­zent und ver­zeich­ne­te damit sei­nen schwächs­ten Han­dels­tag seit März 2020. Aus einem lan­ge domi­nie­ren­den Wachs­tums­the­ma wur­de bin­nen weni­ger Stun­den ein Belas­tungs­fak­tor für den Gesamt­markt.

Der Begriff „Bör­sen­wert aus­ge­löscht“ beschreibt dabei kei­nen tat­säch­li­chen Mit­tel­ab­fluss, son­dern eine Neu­be­wer­tung durch den Markt. Sinkt der Akti­en­kurs gro­ßer Chip­kon­zer­ne, fällt deren Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung rech­ne­risch ent­spre­chend der Zahl aus­ste­hen­der Akti­en. Bei Unter­neh­men wie Nvi­dia, Broad­com, AMD, Micron, Intel oder Mar­vell kön­nen selbst pro­zen­tu­al begrenz­te Kurs­ver­lus­te wegen ihrer hohen Bör­sen­wer­te enor­me nomi­na­le Sum­men bewe­gen. Die Zahl von 1,3 Bil­lio­nen Dol­lar ist des­halb vor allem ein Maß für die Kon­zen­tra­ti­on und Bewer­tungs­hö­he des Sek­tors.

Aus­lö­ser war eine Kom­bi­na­ti­on aus sek­tor­in­ter­nen und makro­öko­no­mi­schen Belas­tun­gen. Broad­com hat­te mit sei­nem Aus­blick Zwei­fel dar­an geweckt, ob die sehr hohen Erwar­tun­gen an das Geschäft mit kun­den­spe­zi­fi­schen KI-Chips kurz­fris­tig wei­ter erfüllt wer­den kön­nen. Der Ver­kaufs­druck griff anschlie­ßend auf ande­re Halb­lei­ter­wer­te über. Reu­ters und Barron’s ver­wie­sen zudem dar­auf, dass vie­le Chip­ak­ti­en nach der star­ken Ral­ly des Jah­res tech­nisch und bewer­tungs­sei­tig über­dehnt waren. Der PHLX Semi­con­duc­tor Index lag trotz des Ein­bruchs wei­ter­hin deut­lich im Jah­res­plus, was den Rück­gang eher als har­te Neu­be­prei­sung eines über­lau­fe­nen Markt­seg­ments erschei­nen lässt als als iso­lier­te Reak­ti­on auf ein­zel­ne Unter­neh­mens­zah­len.

Hin­zu kam ein star­ker US-Arbeits­markt­be­richt, der die Zins­er­war­tun­gen ver­än­der­te. Robus­te Beschäf­ti­gungs­da­ten erhö­hen aus Sicht vie­ler Inves­to­ren das Risi­ko, dass die Fede­ral Reser­ve die Zin­sen län­ger hoch hält oder eine wei­te­re Straf­fung zumin­dest nicht aus­schlie­ßen kann. Das trifft Wachs­tums­wer­te beson­ders stark, weil ein gro­ßer Teil ihrer Bewer­tung auf künf­ti­gen Gewin­nen beruht. Stei­gen­de Ren­di­ten ver­rin­gern den heu­ti­gen Wert die­ser erwar­te­ten Gewin­ne und machen hoch bewer­te­te Tech­no­lo­gie­ak­ti­en anfäl­li­ger für Kor­rek­tu­ren. Der Halb­lei­ter­sek­tor stand damit gleich­zei­tig unter Druck von Unter­neh­mens­sei­te, Bewer­tungs­sei­te und Zins­sei­te.

Die Markt­re­ak­ti­on ist auch des­halb bedeut­sam, weil Halb­lei­ter­ak­ti­en in den ver­gan­ge­nen Mona­ten zum Kern der KI-Erzäh­lung gewor­den waren. Chips, Spei­cher, Netz­werk­tech­nik und Rechen­zen­trums­in­fra­struk­tur gel­ten als mate­ri­el­le Basis des KI-Booms. Die Kur­se vie­ler Anbie­ter spie­gel­ten daher nicht nur aktu­el­le Gewin­ne wider, son­dern die Erwar­tung eines mehr­jäh­ri­gen Inves­ti­ti­ons­zy­klus. Genau die­se Erwar­tung wur­de nun über­prüft. Der Aus­ver­kauf zeigt, dass Anle­ger zwi­schen lang­fris­ti­gem struk­tu­rel­lem Wachs­tum und kurz­fris­tig über­zo­ge­nen Bewer­tun­gen unter­schei­den. Ein intak­ter KI-Trend schützt nicht vor einer Kor­rek­tur, wenn die ein­ge­preis­ten Annah­men zu aggres­siv gewor­den sind.

Für den Gesamt­markt liegt die Gefahr in der hohen Index­kon­zen­tra­ti­on. Wenn weni­ge gro­ße Tech­no­lo­gie- und Chip­wer­te stark fal­len, gera­ten auch brei­te Indi­zes wie der Nasdaq und der S&P 500 unter Druck. Am Frei­tag ver­lor der Nasdaq laut Reu­ters 4,2 Pro­zent, der S&P 500 2,64 Pro­zent. Der Chip-Aus­ver­kauf war damit nicht nur ein Bran­chen­the­ma, son­dern ein Test für die Sta­bi­li­tät der gesam­ten US-Akti­en­ral­ly.

Trotz­dem soll­te der Rück­gang nicht vor­schnell als Ende des KI-Zyklus inter­pre­tiert wer­den. Er signa­li­siert zunächst, dass der Markt die Prä­mi­en für Wachs­tum, Knapp­heit und tech­no­lo­gi­sche Füh­rer­schaft neu kal­ku­liert. Ent­schei­dend wird nun sein, ob die kom­men­den Quar­tals­zah­len den hohen Inves­ti­ti­ons­be­darf in KI-Infra­struk­tur durch Umsatz­wachs­tum, Mar­gen­stär­ke und belast­ba­re Auf­trags­bü­cher recht­fer­ti­gen kön­nen. Gelingt das, dürf­te der Aus­ver­kauf im Rück­blick als schar­fe, aber zykli­sche Berei­ni­gung erschei­nen. Blei­ben die Bele­ge aus, könn­te aus der Kor­rek­tur eine nach­hal­ti­ge­re Neu­be­wer­tung des gesam­ten Halb­lei­ter­kom­ple­xes wer­den.


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