Mil­li­ar­den für Pan­zer, Ein­schnit­te für die Men­schen

Wenn der Staat Mil­li­ar­den (bis zu 7,2 Mrd. Euro) für den Ein­stieg bei einem Rüs­tungs­kon­zern mobi­li­sie­ren kann, wäh­rend Bür­ge­rin­nen und Bür­ger gleich­zei­tig auf sozia­le Ein­schnit­te vor­be­rei­tet wer­den, stellt sich eine ein­fa­che, aber unbe­que­me Fra­ge: Wor­an misst die­se Poli­tik eigent­lich ihre Prio­ri­tä­ten?

Der geplan­te Ein­stieg des Bun­des beim deutsch-fran­zö­si­schen Rüs­tungs­kon­zern KNDS ist mehr als eine indus­trie­po­li­ti­sche Ent­schei­dung. Er ist ein poli­ti­sches Signal. In einer Zeit, in der über Kür­zun­gen, Reform­druck und angeb­lich begrenz­te finan­zi­el­le Spiel­räu­me gespro­chen wird, zeigt der Staat plötz­lich erheb­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit. Für Ver­tei­di­gung, Rüs­tungs­pro­duk­ti­on und stra­te­gi­sche Betei­li­gun­gen las­sen sich Mil­li­ar­den­be­trä­ge bewe­gen. Im sozia­len Bereich dage­gen domi­niert die Spra­che der Knapp­heit.

Natür­lich lässt sich der Ein­stieg bei KNDS sicher­heits­po­li­tisch begrün­den. Der Krieg in der Ukrai­ne, die ver­schärf­te Bedro­hungs­la­ge in Euro­pa und die jah­re­lan­ge Ver­nach­läs­si­gung der Bun­des­wehr haben rea­le poli­ti­sche Fol­gen. Ein Staat muss in der Lage sein, sei­ne Sicher­heit zu orga­ni­sie­ren. Auch indus­tri­el­le Kapa­zi­tä­ten kön­nen in Kri­sen­zei­ten von stra­te­gi­scher Bedeu­tung sein. Wer die­se Argu­men­te igno­riert, macht es sich zu leicht.

Aber eben­so falsch wäre es, die sozia­len Fol­gen die­ser Poli­tik aus­zu­blen­den. Denn die Debat­te fin­det nicht im luft­lee­ren Raum statt. Sie trifft auf eine Gesell­schaft, in der vie­le Men­schen stei­gen­de Mie­ten, hohe Lebens­mit­tel­prei­se, wach­sen­de Pfle­ge­kos­ten und unsi­che­re Ren­ten­aus­sich­ten erle­ben. Kom­mu­nen kla­gen über feh­len­de Mit­tel, Schu­len und Kitas sind über­las­tet, Kran­ken­häu­ser ste­hen unter Druck, und bei Sozi­al­leis­tun­gen wird regel­mä­ßig über Begren­zung, Sank­tio­nie­rung oder Umbau dis­ku­tiert. In die­sem Umfeld wir­ken Mil­li­ar­den für einen Rüs­tungs­kon­zern nicht wie eine neu­tra­le Haus­halts­bu­chung, son­dern wie eine kla­re poli­ti­sche Wert­ent­schei­dung.

Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist die unter­schied­li­che Spra­che, mit der sol­che Ent­schei­dun­gen ver­mit­telt wer­den. Wenn es um Sozia­les geht, heißt es schnell, der Staat müs­se spa­ren, Leis­tun­gen müss­ten ziel­ge­nau­er wer­den, Anspruchs­den­ken dür­fe nicht über­hand­neh­men. Wenn es um Ver­tei­di­gung geht, spricht man von Zei­ten­wen­de, natio­na­ler Sicher­heit und stra­te­gi­scher Not­wen­dig­keit. Die eine Aus­ga­be wird mora­lisch pro­ble­ma­ti­siert, die ande­re staats­po­li­tisch geadelt. Genau hier ent­steht Miss­trau­en.

Denn sozia­le Sicher­heit ist eben­falls Sicher­heit. Wer sei­ne Mie­te nicht zah­len kann, wer im Alter Armut fürch­tet, wer kei­nen Pfle­ge­platz fin­det oder wer trotz Arbeit kaum über die Run­den kommt, erlebt Unsi­cher­heit ganz kon­kret. Ein Staat, der Sicher­heit nur mili­tä­risch defi­niert, ver­kürzt sei­nen eige­nen Auf­trag. Äuße­re Sicher­heit und sozia­le Sta­bi­li­tät dür­fen nicht gegen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den. Aber genau die­ser Ein­druck ent­steht, wenn für Rüs­tung neue Finan­zie­rungs­we­ge geöff­net wer­den, wäh­rend sozia­le Leis­tun­gen unter Recht­fer­ti­gungs­druck gera­ten.

Hin­zu kommt ein demo­kra­ti­sches Pro­blem. Staat­li­che Betei­li­gun­gen an Rüs­tungs­un­ter­neh­men müs­sen beson­ders trans­pa­rent begrün­det wer­den. Es geht nicht um irgend­ei­ne Bran­che, son­dern um Unter­neh­men, deren Geschäfts­mo­dell auf Waf­fen­pro­duk­ti­on beruht. Wenn der Staat hier als Anteils­eig­ner ein­steigt, ver­wi­schen sich poli­ti­sche, indus­tri­el­le und mili­tä­ri­sche Inter­es­sen. Dann reicht es nicht, auf geo­po­li­ti­sche Not­wen­dig­kei­ten zu ver­wei­sen. Die Öffent­lich­keit hat Anspruch auf eine kla­re Ant­wort, wel­che Risi­ken der Staat über­nimmt, wel­che Ren­di­te erwar­tet wird, wel­che Kon­trol­le damit ver­bun­den ist und wel­che Alter­na­ti­ven geprüft wur­den.

Der ent­schei­den­de Punkt ist nicht, dass Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben grund­sätz­lich ille­gi­tim wären. Der ent­schei­den­de Punkt ist die Asym­me­trie: Für mili­tä­ri­sche und rüs­tungs­in­dus­tri­el­le Zie­le scheint der poli­ti­sche Wil­le zur Finan­zie­rung vor­han­den zu sein. Für sozia­le Infra­struk­tur, Armuts­be­kämp­fung, Bil­dung, Pfle­ge und bezahl­ba­res Woh­nen wird dage­gen stän­dig der Rot­stift her­vor­ge­holt. Die­se Asym­me­trie beschä­digt das Ver­trau­en in die poli­ti­sche Erzäh­lung von alter­na­tiv­lo­sen Spar­zwän­gen.

Wer gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt ver­langt, muss ihn auch finan­zie­ren. Wer von Resi­li­enz spricht, darf nicht nur Lie­fer­ket­ten, Pan­zer­pro­duk­ti­on und Muni­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten mei­nen. Resi­li­ent ist eine Gesell­schaft auch dann, wenn Men­schen nicht dau­er­haft Angst vor sozia­lem Abstieg haben müs­sen. Eine Poli­tik, die Mil­li­ar­den für Rüs­tung mobi­li­siert und gleich­zei­tig sozia­le Här­ten als unver­meid­lich dar­stellt, sen­det ein gefähr­li­ches Signal: Für man­che Zwe­cke ist der Staat stark, für ande­re plötz­lich macht­los.

Am Ende geht es um mehr als KNDS. Es geht um die Fra­ge, wel­ches Sicher­heits­ver­ständ­nis Deutsch­land in den kom­men­den Jah­ren prä­gen soll. Ein Land kann mili­tä­risch auf­rüs­ten und den­noch inner­lich brü­chi­ger wer­den. Pan­zer schaf­fen kei­ne bezahl­ba­ren Woh­nun­gen, kei­ne Pfle­ge­kräf­te, kei­ne funk­tio­nie­ren­den Schu­len und kei­ne ver­läss­li­chen Ren­ten. Sicher­heits­po­li­tik, die sozia­le Sicher­heit ver­nach­läs­sigt, bleibt unvoll­stän­dig.

Die Bun­des­re­gie­rung soll­te des­halb offen sagen, was sie prio­ri­siert — und was sie dafür zurück­stellt. Denn wer Mil­li­ar­den für Rüs­tung bereit­stellt, kann nicht glaub­wür­dig behaup­ten, bei den sozia­len Grund­la­gen des Lan­des sei­en Ein­schnit­te schlicht alter­na­tiv­los.


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