Vom ein­fa­chen Index­fonds zur Pro­dukt­flut

Wenn aus ETFs immer öfter Spe­zi­al­wet­ten wer­den

ETFs gehö­ren zu den erfolg­reichs­ten Finanz­pro­duk­ten der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Ihr ursprüng­li­cher Reiz war ein­fach zu ver­ste­hen: Anle­ger konn­ten mit einem ein­zi­gen bör­sen­ge­han­del­ten Fonds einen gan­zen Markt abbil­den, breit streu­en und dabei die Kos­ten nied­rig hal­ten. Ein ETF auf einen gro­ßen Akti­en­in­dex war damit vor allem eines: ein effi­zi­en­tes Instru­ment zur Diver­si­fi­ka­ti­on. Genau die­se Ein­fach­heit hat dem Pro­dukt sei­nen Erfolg gebracht. Doch mit dem Erfolg ist das Ange­bot immer wei­ter gewach­sen – und damit auch die Ent­fer­nung vie­ler Pro­duk­te von der ursprüng­li­chen Idee.

An der Deut­schen Bör­se zeigt sich die­se Ent­wick­lung beson­ders deut­lich. Das Pro­dukt­an­ge­bot im ETF- und ETP-Seg­ment umfasst inzwi­schen 2.943 ETFs, 205 ETCs und 360 ETNs. Mit einem durch­schnitt­li­chen monat­li­chen Han­dels­vo­lu­men von rund 31,2 Mil­li­ar­den Euro ist Xetra der füh­ren­de Han­dels­platz für ETFs und ETPs in Euro­pa. Allein die Zahl von fast 3.000 ETFs macht deut­lich, dass es längst nicht mehr nur dar­um geht, eini­ge weni­ge gro­ße Akti­en- und Anlei­he­märk­te kos­ten­güns­tig abzu­bil­den. Das ETF-Regal ist viel­mehr zu einem umfas­sen­den Pro­dukt­uni­ver­sum gewor­den, in dem sich nahe­zu jede erdenk­li­che Invest­ment­idee fin­den lässt.

Auch der ETF-Tages­um­satz nach Ver­gleichs­in­dex zeigt die star­ke Frag­men­tie­rung. Auf den MSCI World ent­fal­len in der dar­ge­stell­ten Aus­wer­tung 4,88 Pro­zent, auf den FTSE All World 4,24 Pro­zent, auf den S&P 500 3,43 Pro­zent und auf den EURO STOXX 50 3,42 Pro­zent. Der Nasdaq 100 kommt auf 2,55 Pro­zent, ein Solac­ti­ve-Geld­markt­in­dex auf 2,27 Pro­zent. Zusam­men errei­chen die­se ein­zeln aus­ge­wie­se­nen Indi­zes ledig­lich gut ein Fünf­tel des Umsat­zes. 79,21 Pro­zent ent­fal­len auf „Ande­re“. Dar­aus kann zwar nicht abge­lei­tet wer­den, dass es sich dabei aus­schließ­lich um The­men- oder Bran­chen-ETFs han­delt. Zu die­ser Kate­go­rie gehö­ren selbst­ver­ständ­lich auch zahl­rei­che kon­ven­tio­nel­le Länder‑, Anleihe‑, Small-Cap- und Schwel­len­län­der­pro­duk­te. Die Grö­ßen­ord­nung ver­deut­licht den­noch, wie weit sich der ETF-Markt inzwi­schen auf­ge­fä­chert hat.

Pro­ble­ma­tisch ist dabei nicht der ETF als Kon­struk­ti­on. Ent­schei­dend ist, was in die­ser Kon­struk­ti­on steckt. Ein breit diver­si­fi­zier­ter Welt-ETF unter­schei­det sich öko­no­misch grund­le­gend von einem ETF, der aus­schließ­lich Halb­lei­ter­her­stel­ler, Rüs­tungs­un­ter­neh­men, Was­ser­stoff­pro­du­zen­ten, Cyber­se­cu­ri­ty-Akti­en oder Unter­neh­men aus dem Bereich künst­li­che Intel­li­genz ent­hält. For­mal han­delt es sich in bei­den Fäl­len um ETFs. Für den Anle­ger erfül­len die­se Pro­duk­te jedoch völ­lig unter­schied­li­che Funk­tio­nen.

Der klas­si­sche Welt-ETF ist in ers­ter Linie ein Diver­si­fi­ka­ti­ons­in­stru­ment. Er basiert gera­de auf der Erkennt­nis, dass nie­mand zuver­läs­sig vor­her­sa­gen kann, wel­che ein­zel­ne Bran­che, wel­ches Land oder wel­ches Unter­neh­men in den kom­men­den Jahr­zehn­ten die bes­te Ren­di­te lie­fern wird. Statt eine sol­che Pro­gno­se abzu­ge­ben, kauft der Anle­ger den gesam­ten Markt. Bei einem Bran­chen- oder The­men-ETF ist die Logik genau umge­kehrt. Wer aus­schließ­lich Halb­lei­ter, Bio­tech­no­lo­gie, erneu­er­ba­re Ener­gien oder Ver­tei­di­gung kauft, trifft eine bewuss­te Aus­wahl und setzt dar­auf, dass die­ses Seg­ment bes­ser abschnei­den wird als ande­re Tei­le des Mark­tes. Das ist kei­ne neu­tra­le Abbil­dung des Kapi­tal­markts mehr, son­dern eine kon­zen­trier­te Invest­ment­the­se.

Dass ein Bran­chen-ETF mög­li­cher­wei­se 30, 50 oder 100 Unter­neh­men ent­hält, ändert dar­an wenig. Die Zahl der Akti­en darf nicht mit ech­ter Risi­ko­di­ver­si­fi­ka­ti­on ver­wech­selt wer­den. Vier­zig Halb­lei­ter­un­ter­neh­men sind zwar vier­zig ver­schie­de­ne Unter­neh­men, unter­lie­gen aber vie­len gemein­sa­men Ein­fluss­fak­to­ren. Nach­fra­ge nach Chips, Inves­ti­ti­ons­zy­klen, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen, Export­be­schrän­kun­gen und Bran­chen­be­wer­tun­gen kön­nen einen Groß­teil die­ser Akti­en gleich­zei­tig bewe­gen. Der Anle­ger ist damit auf Unter­neh­mens­ebe­ne ver­teilt, aber wei­ter­hin stark einem ein­zel­nen wirt­schaft­li­chen Risi­ko­kom­plex aus­ge­setzt.

Noch deut­li­cher wird die Ent­wick­lung bei The­men-ETFs. Hier wird ein gesell­schaft­li­cher oder tech­no­lo­gi­scher Trend in einen inves­tier­ba­ren Index über­setzt. Künst­li­che Intel­li­genz, Robo­tik, Welt­raum­wirt­schaft, sau­be­re Ener­gie, Was­ser­stoff, Gam­ing, Block­chain oder altern­de Gesell­schaft wer­den zu Pro­duk­ten. Das klingt zunächst attrak­tiv, denn vie­le die­ser The­men beschrei­ben tat­säch­lich lang­fris­ti­ge Ver­än­de­run­gen. Doch aus einem über­zeu­gen­den Zukunfts­trend folgt nicht auto­ma­tisch eine attrak­ti­ve Kapi­tal­an­la­ge. Ent­schei­dend ist nicht nur, ob eine Tech­no­lo­gie wächst, son­dern auch, zu wel­chem Preis die ent­spre­chen­den Unter­neh­men gekauft wer­den, wie groß der Wett­be­werb ist und wel­cher Teil des erwar­te­ten Wachs­tums bereits in den Akti­en­kur­sen ent­hal­ten ist.

Hin­zu kommt ein struk­tu­rel­les Timing­pro­blem. Neue The­men­pro­duk­te ent­ste­hen natur­ge­mäß beson­ders häu­fig dort, wo bereits gro­ßes Anle­ger­inter­es­se vor­han­den ist. Eine Invest­ment­ge­sell­schaft hat wenig Anreiz, einen ETF auf ein The­ma auf­zu­le­gen, für das sich kaum jemand inter­es­siert. Attrak­tiv wird die Pro­dukt­ein­füh­rung meist erst dann, wenn eine Geschich­te bekannt gewor­den ist, Kur­se bereits deut­lich gestie­gen sind und Anle­ger gezielt nach Mög­lich­kei­ten suchen, dar­an teil­zu­neh­men. Damit kann ein The­men-ETF genau zu dem Zeit­punkt auf den Markt kom­men, an dem die Erwar­tun­gen beson­ders hoch und die Bewer­tun­gen bereits anspruchs­voll sind.

Eine wei­te­re Eska­la­ti­ons­stu­fe sind gehe­bel­te ETFs. Der Bloom­berg-Bericht „Lever­a­ged ETF Boom Amps Up Wall Street Intra­day Momen­tum Plays“ zeigt, wie weit sich bestimm­te ETF-Kon­struk­tio­nen inzwi­schen von der klas­si­schen Buy-and-Hold-Idee ent­fernt haben. Gehe­bel­te Pro­duk­te müs­sen ihre Posi­tio­nen regel­mä­ßig anpas­sen, um ihre täg­li­che Ziel­he­be­lung auf­recht­zu­er­hal­ten. Die­ses Reba­lan­cing kann bestehen­de Markt­be­we­gun­gen ver­stär­ken. Bloom­berg beschreibt, dass sol­che Pro­duk­te bei star­ken Markt­be­we­gun­gen zusätz­li­che Dyna­mik erzeu­gen und dadurch sogar neue Mög­lich­kei­ten für pro­fes­sio­nel­le Intra­day-Momen­tum-Stra­te­gien schaf­fen.

Die Grö­ßen­ord­nun­gen sind inzwi­schen erheb­lich. Laut dem Bericht ver­kauf­ten täg­li­che Reba­lan­cings gehe­bel­ter US-ETFs von Anfang Juni bis zum 29. Juli net­to rund 150 Mil­li­ar­den US-Dol­lar an Akti­en­ex­po­sure. Gleich­zei­tig schrumpf­te das ver­wal­te­te Ver­mö­gen die­ser Pro­duk­te gegen­über dem Juni-Hoch um rund 70 Mil­li­ar­den Dol­lar. Sol­che Pro­duk­te sind damit nicht mehr ledig­lich exo­ti­sche Instru­men­te für eini­ge weni­ge Spe­ku­lan­ten. Ihre Han­dels­me­cha­nik kann selbst Teil der kurz­fris­ti­gen Markt­be­we­gun­gen wer­den.

Beson­ders deut­lich for­mu­liert es ein im Bloom­berg-Arti­kel zitier­ter Markt­teil­neh­mer: Das End-of-Day-Reba­lan­cing gehe­bel­ter ETFs bewegt sich in Rich­tung der jewei­li­gen Tages­be­we­gung und kann Intra­day-Trends damit eher stüt­zen als abschwä­chen. Aus einem Instru­ment, das ursprüng­lich mög­lichst pas­siv einen Markt abbil­den soll­te, ist in die­sem Fall also ein Pro­dukt gewor­den, des­sen eige­ne Kon­struk­ti­on Aus­wir­kun­gen auf die Han­dels­dy­na­mik des zugrun­de lie­gen­den Mark­tes haben kann.

Das bedeu­tet nicht, dass Branchen‑, The­men- oder gehe­bel­te ETFs grund­sätz­lich wert­los sind. Für einen pro­fes­sio­nel­len oder erfah­re­nen Anle­ger kön­nen sie sinn­vol­le Werk­zeu­ge sein. Ein Bran­chen-ETF kann gezielt zur Über­ge­wich­tung eines Sek­tors ein­ge­setzt wer­den, ein Fak­tor-ETF kann Teil einer bewusst kon­stru­ier­ten Port­fo­lio­stra­te­gie sein und ein gehe­bel­tes Pro­dukt kann für kurz­fris­ti­ge tak­ti­sche Posi­tio­nie­run­gen geeig­net sein. Pro­ble­ma­tisch wird es dort, wo alle die­se Pro­duk­te unter dem posi­ti­ven Image des Begriffs „ETF“ zusam­men­ge­fasst wer­den. Die Ver­pa­ckung ver­mit­telt Ein­fach­heit und Diver­si­fi­ka­ti­on, obwohl der Inhalt hoch kon­zen­triert, spe­ku­la­tiv oder kom­plex sein kann.

Des­halb ist die alte Unter­schei­dung zwi­schen akti­vem Fonds und pas­si­vem ETF heu­te zu grob. Ein ETF kann zwar regel­ge­bun­den sein, den­noch kann die Ent­schei­dung für genau die­sen Index eine sehr akti­ve Wet­te dar­stel­len. Wer einen Welt­in­dex kauft, akzep­tiert weit­ge­hend die Markt­ge­wich­tung. Wer dage­gen einen Cybersecurity‑, Uran‑, Rüs­tungs- oder Halb­lei­ter­index aus­wählt, ent­schei­det bewusst, wel­che Unter­neh­men und Risi­ken stär­ker gewich­tet wer­den sol­len. Dass die anschlie­ßen­de Aus­wahl inner­halb des Fonds nach fes­ten Regeln erfolgt, macht die ursprüng­li­che Anla­ge­ent­schei­dung nicht pas­siv.

Der ETF ist damit zuneh­mend das gewor­den, was eine Aktie oder ein Zer­ti­fi­kat eben­falls ist: zunächst nur eine han­del­ba­re Ver­pa­ckung. Ob sich dar­in ein sinn­vol­les lang­fris­ti­ges Anla­ge­instru­ment oder eine hoch­spe­zia­li­sier­te Wet­te befin­det, muss sepa­rat beur­teilt wer­den. Genau das gerät im all­ge­mei­nen ETF-Boom leicht aus dem Blick.

Der ent­schei­den­de Grund­satz für Anle­ger soll­te des­halb nicht lau­ten, grund­sätz­lich „in ETFs“ zu inves­tie­ren. Sinn­vol­ler ist die Fra­ge, wel­che wirt­schaft­li­che Posi­ti­on mit dem jewei­li­gen ETF tat­säch­lich gekauft wird. Ein guter Test lau­tet: Wür­de man genau die­ses Port­fo­lio auch dann besit­zen wol­len, wenn es nicht als ETF bezeich­net wür­de? Wer bei einem breit diver­si­fi­zier­ten Welt­port­fo­lio mit Ja ant­wor­tet, bei einem hoch­spe­zia­li­sier­ten The­men­korb aber ins Zögern gerät, hat bereits einen wich­ti­gen Unter­schied erkannt.

Der gro­ße Erfolg des ETFs beruh­te ursprüng­lich dar­auf, die Geld­an­la­ge ein­fa­cher zu machen. Die heu­ti­ge Pro­dukt­in­dus­trie nutzt die­sel­be Hül­le zuneh­mend dazu, immer spe­zi­el­le­re Invest­ment­ideen han­del­bar zu machen. Das ist aus Sicht der Anbie­ter nach­voll­zieh­bar und für man­che Anle­ger nütz­lich. Für Pri­vat­an­le­ger bedeu­tet es jedoch, genau­er hin­zu­se­hen. Nicht jeder ETF ist des­halb ein gutes Anla­ge­pro­dukt, nur weil ETF auf dem Eti­kett steht.


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