Ein Baby ist immer ein Grund zur Freude – auch dieses. Was daran zum Politikum wird, ist nicht die Vaterschaft selbst, sondern die Rolle, in der sie ausgetragen wurde: nicht als Privatmann, sondern als Fraktionsvorsitzender einer Partei, die genau diesen Weg für alle anderen verschlossen hält.
Noch im Februar hat die CDU auf ihrem Parteitag bekräftigt, Leihmutterschaft solle in Deutschland verboten bleiben – ausdrücklich auch in ihrer altruistischen, nicht-kommerziellen Form. Mit im Saal: Jens Spahn. Zu diesem Zeitpunkt war die Leihmutter des Paares nach Recherchen bereits im vierten Monat schwanger. Das ist keine zufällige zeitliche Überschneidung. Das ist der Kern des Problems: Wer ein Verbot mitträgt, während er im selben Moment im Ausland genau das vollzieht, was dieses Verbot im Inland untersagt, hat sich jede weitere Debatte über das Thema selbst erschwert. Spahn hat nicht mitgeklatscht und dann zufällig irgendwann ein Kind bekommen – er hat aktiv einen Weg beschritten, den er politisch für alle anderen versperrt.
Der Verweis, man dürfe aus dem Privatleben keine politische Forderung ableiten, greift zu kurz – und klingt in diesem Fall wie eine Schutzbehauptung. Niemand verlangt von Spahn, sein Familienglück zu rechtfertigen. Verlangt wird etwas anderes: Wer als Spitzenpolitiker Regeln für 84 Millionen Menschen mitgestaltet, kann nicht so tun, als beträfen ihn diese Regeln nicht, sobald sie unbequem werden. Das ist keine Frage der Legalität – die USA erlauben Leihmutterschaft, das Vorgehen war rechtlich einwandfrei. Es ist eine Frage der Kohärenz zwischen politischem Handeln und persönlicher Praxis. Und diese Kohärenz hat Spahn nicht geliefert.
Besonders bitter wird es, wenn man sieht, wer sich diesen Umweg nicht leisten kann. Leihmutterschaft in den USA kostet oft sechsstellige Summen. Wer das Geld hat, kann im Ausland tun, was im Inland verboten bleibt – für alle anderen gilt das Verbot uneingeschränkt weiter. Das ist kein Randproblem, sondern die eigentliche politische Sprengkraft des Falls: Hier zeigt sich, wie ein Verbot, das für die breite Bevölkerung gilt, für Privilegierte zur bloßen Fußnote wird. Wer Macht und Vermögen hat, kauft sich heraus. Wer beides nicht hat, muss sich fügen. Dass ausgerechnet derjenige, der dieses Verbot mitverantwortet, zu den Ersten gehört, die sich den Ausweg leisten können, ist kein Zufall – es ist das System.
Spahn hätte zwei ehrliche Wege gehabt. Er hätte sich für eine kontrollierte Legalisierung altruistischer Leihmutterschaft einsetzen können – und wäre damit als jemand aufgetreten, der aus eigener Betroffenheit eine politische Konsequenz zieht, statt sie zu verschweigen. Oder er hätte, wenn er am Verbot festhalten wollte, auf den Weg über die USA verzichtet. Er hat beides nicht getan. Stattdessen trennt er beharrlich Amt und Privatleben – so, als ließe sich beides bei einem Fraktionsvorsitzenden tatsächlich sauber auseinanderhalten. Das lässt sich nicht. Und wer so tut, als ob, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, das sich durch keine Pressemitteilung über das Babyglück auflöst.