Das Jevons-Para­do­xon

Das Jevons-Para­do­xon beschreibt den Fall, dass eine Effi­zi­enz­stei­ge­rung den Ver­brauch einer Res­sour­ce nicht senkt, son­dern ins­ge­samt erhöht.

Der Mecha­nis­mus:

Eine Leis­tung wird effi­zi­en­ter und damit bil­li­ger. Dadurch wird sie häu­fi­ger, inten­si­ver und für zusätz­li­che Zwe­cke genutzt. Der Mehr­ver­brauch kann die Ein­spa­rung pro Anwen­dung über­kom­pen­sie­ren.

Der Begriff geht auf den Öko­no­men Wil­liam Stan­ley Jevons zurück. Er beob­ach­te­te im 19. Jahr­hun­dert, dass effi­zi­en­te­re Dampf­ma­schi­nen den Koh­le­ver­brauch Groß­bri­tan­ni­ens nicht redu­zier­ten. Weil Dampf­kraft wirt­schaft­li­cher wur­de, ver­brei­te­te sie sich in immer mehr Bran­chen.

Bei­spiel Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie

Com­pu­ter­chips benö­ti­gen für eine bestimm­te Rechen­ope­ra­ti­on heu­te erheb­lich weni­ger Ener­gie als frü­he­re Gene­ra­tio­nen. Man könn­te daher erwar­ten, dass der gesam­te Strom­ver­brauch der Infor­ma­ti­ons­tech­nik sinkt.

Tat­säch­lich pas­siert häu­fig das Gegen­teil:

  • Rechen­leis­tung wird güns­ti­ger.
  • Unter­neh­men digi­ta­li­sie­ren zusätz­li­che Pro­zes­se.
  • Rechen­zen­tren ver­ar­bei­ten grö­ße­re Daten­men­gen.
  • Soft­ware wird kom­ple­xer und rechen­in­ten­si­ver.
  • Neue Anwen­dun­gen wie Strea­ming, Cloud-Diens­te und Echt­zeit­ana­ly­sen ent­ste­hen.
  • Nut­zer grei­fen häu­fi­ger und län­ger auf digi­ta­le Diens­te zu.

Ein ein­zel­ner Video­stream oder eine Daten­bank­ab­fra­ge kann ener­gie­ef­fi­zi­en­ter wer­den. Wenn gleich­zei­tig Mil­li­ar­den zusätz­li­che Streams, Abfra­gen und auto­ma­ti­sier­te Pro­zes­se statt­fin­den, steigt der gesam­te Ener­gie- und Infra­struk­tur­be­darf den­noch.

Bei­spiel gene­ra­ti­ve KI

Bei KI ist der Effekt beson­ders deut­lich. Ange­nom­men, neue Chips, klei­ne­re Model­le oder bes­se­re Algo­rith­men sen­ken die Kos­ten einer KI-Anfra­ge um 90 Pro­zent.

Ohne Ver­hal­tens­än­de­rung wür­de der Res­sour­cen­be­darf eben­falls stark zurück­ge­hen. Die nied­ri­ge­ren Kos­ten ver­än­dern jedoch die Nach­fra­ge:

  1. Unter­neh­men inte­grie­ren KI in mehr Pro­duk­te und Arbeits­ab­läu­fe.
  2. Anwen­dun­gen stel­len nicht mehr eine, son­dern zahl­rei­che Modell­an­fra­gen pro Auf­ga­be.
  3. Nut­zer las­sen mehr Tex­te, Bil­der, Vide­os und Pro­gramm­code erzeu­gen.
  4. KI-Agen­ten arbei­ten dau­er­haft im Hin­ter­grund und füh­ren selbst­stän­dig Pro­zess­ket­ten aus.
  5. Grö­ße­re Model­le und län­ge­re Kon­text­fens­ter wer­den wirt­schaft­lich nutz­bar.
  6. Neue Nut­zer­grup­pen erhal­ten erst­mals Zugang zu der Tech­no­lo­gie.

Sin­ken die Kos­ten pro Anfra­ge um 90 Pro­zent, wäh­rend sich die Zahl der Anfra­gen ver­zwan­zig­facht, steigt der Gesamt­ver­brauch auf das Dop­pel­te des Aus­gangs­werts:

  • vor­her: 1 Mil­li­on Anfra­gen × 100 Ener­gie­ein­hei­ten = 100 Mil­lio­nen Ein­hei­ten
  • nach­her: 20 Mil­lio­nen Anfra­gen × 10 Ener­gie­ein­hei­ten = 200 Mil­lio­nen Ein­hei­ten

Die ein­zel­ne Anfra­ge ist effi­zi­en­ter, das Gesamt­sys­tem ver­braucht trotz­dem mehr.

Rebound-Effekt und Jevons-Para­do­xon sind nicht völ­lig iden­tisch

Die Begrif­fe wer­den häu­fig gleich­ge­setzt, bezeich­nen aber streng genom­men unter­schied­li­che Inten­si­tä­ten:

  • Teil­wei­ser Rebound: Ein Teil der mög­li­chen Ein­spa­rung geht durch Mehr­nut­zung ver­lo­ren. Der Gesamt­ver­brauch sinkt noch.
  • Voll­stän­di­ger Rebound: Die Effi­zi­enz­ge­win­ne wer­den voll­stän­dig auf­ge­zehrt. Der Ver­brauch bleibt kon­stant.
  • Back­fi­re bezie­hungs­wei­se Jevons-Para­do­xon: Die Mehr­nut­zung über­steigt die Effi­zi­enz­ge­win­ne. Der Gesamt­ver­brauch steigt.

Bei­spiel: Eine KI-Auf­ga­be benö­tigt tech­nisch 50 Pro­zent weni­ger Strom.

  • Die Nut­zung steigt um 20 Pro­zent: Der Gesamt­ver­brauch sinkt — teil­wei­ser Rebound.
  • Die Nut­zung ver­dop­pelt sich: Der Gesamt­ver­brauch bleibt etwa gleich — voll­stän­di­ger Rebound.
  • Die Nut­zung ver­vier­facht sich: Der Gesamt­ver­brauch steigt — Jevons-Para­do­xon.

War­um KI beson­ders anfäl­lig ist

Bei Ener­gie­ef­fi­zi­enz in Gebäu­den oder Fahr­zeu­gen bestehen phy­si­sche Gren­zen: Ein Raum kann nicht belie­big oft geheizt und ein Mensch nicht unbe­grenzt vie­le Kilo­me­ter fah­ren. Digi­ta­le Nach­fra­ge lässt sich dage­gen fast gren­zen­los ska­lie­ren.

KI erzeugt zudem ihre eige­ne zusätz­li­che Nach­fra­ge. Schnel­le­re und bil­li­ge­re Model­le ermög­li­chen Anwen­dun­gen, die vor­her wirt­schaft­lich unmög­lich waren: per­so­na­li­sier­te Inhal­te für jeden Kun­den, per­ma­nen­te Soft­ware­prü­fung, syn­the­ti­sche Trai­nings­da­ten, auto­no­me Recher­che oder indi­vi­du­ell gene­rier­te Vide­os. Effi­zi­enz senkt daher nicht nur die Kos­ten bestehen­der Nut­zung, son­dern erwei­tert den gesam­ten Markt.

Hin­zu kommt ein Wett­be­werbs­ef­fekt. Spart ein Unter­neh­men durch effi­zi­en­te­re Model­le Rechen­kos­ten, ver­wen­det es die frei gewor­de­nen Mit­tel häu­fig nicht zur Reduk­ti­on sei­nes Ener­gie­ver­brauchs, son­dern für mehr Modell­läu­fe, grö­ße­re Model­le oder bes­se­re Pro­duk­te. Was auf Ebe­ne einer ein­zel­nen Anfra­ge effi­zi­en­ter wird, kann auf Bran­chen­ebe­ne zu mehr Rechen­zen­tren, Chips, Strom und Küh­lung füh­ren.

Öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Kon­se­quenz

Effi­zi­enz­fort­schrit­te blei­ben sinn­voll. Sie erhö­hen Pro­duk­ti­vi­tät und sen­ken die Kos­ten je Leis­tungs­ein­heit. Sie garan­tie­ren aber kei­ne abso­lu­te Sen­kung des Res­sour­cen­ver­brauchs.

Für die Bewer­tung von KI reicht des­halb die Kenn­zahl „Ener­gie pro Anfra­ge“ nicht aus. Ent­schei­dend sind min­des­tens drei Grö­ßen:

  • Ener­gie­ver­brauch je Rechen­ope­ra­ti­on oder Anfra­ge,
  • Zahl und Kom­ple­xi­tät der Anwen­dun­gen,
  • abso­lu­ter Strom‑, Was­ser- und Hard­ware­be­darf des Gesamt­sys­tems.

Das Jevons-Para­do­xon bedeu­tet somit nicht, dass effi­zi­en­te­re KI nutz­los ist. Es bedeu­tet, dass tech­ni­sche Effi­zi­enz allein den Gesamt­ver­brauch wahr­schein­lich nicht begrenzt. Dafür wären zusätz­lich Preis­si­gna­le, Kapa­zi­täts­gren­zen, CO₂-arme Strom­erzeu­gung oder ver­bind­li­che Effi­zi­enz- und Trans­pa­renz­stan­dards erfor­der­lich.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater